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Konzert-Bericht
 
Weird Vibes

Gruff Rhys
Bill Ryder-Jones

Köln, Studio 672
27.11.2018

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Gruff Rhys
Das ging ja schon gut los mit den seltsamen Vibes, die den ganzen Abend im folgenden bestimmen sollten. Zunächst mal hing da eine nahezu undurchdringliche Kunstnebel-Glocke über der Bühne des Studio 672 - und aus der heraus ertönte dann schließlich die Stimme von Bill Ryder-Jones, dem Support-Act für Gruff Rhys und seine Jungs. "Ich bin Bill und spiele jetzt eine halbe Stunde", stellte er sich vor, "der Nebel bedeutet, dass ich euch nicht sehen kann. Also tut einfach so, als könntet ihr mich auch nicht sehen."
Es folgten dann eine Handvoll ziemlich langer, depressiver Slowcore-Balladen. Eine aktuelle Scheibe oder gar Merch hatte Bill nicht zu bieten. "Dafür gibt es mehrere Gründe", erklärte er auf Nachfrage aus dem Publikum, "hauptsächlich den, dass ich ein Idiot bin und alles zu Hause vergessen habe. Es gibt also nichts zu kaufen. Aber ich stehe für Bar Mizvahs, Hochzeiten und Beerdigungen zur Verfügung. Na ja, nicht vielleicht Beerdigungen, denn die machen mich depressiv." Gott behüte! Das hätte nun wirklich in Niemandes Interesse sein können, denn schon alleine die "normalen" Tracks von Bill Ryder-Jones sind emotional ohne Psychopharmaka nur schwer verdaulich - wenngleich nicht ohne Reiz, denn wenn er will, hat er schon ein Händchen dafür, aus seiner Gitarre harmonisch interessante Moll-Akkordfolgen herauszukitzeln. Freilich: Mit dem Material, das er bis 2008 mit seiner Band The Coral spielte, hatte das nicht mehr viel zu tun - und eigentlich auch nicht mit jenem seiner letzten songorientierten Alben. "Das ist doch die Heimat von Can, oder?", fragte er das Kölner Publikum, "gut, dann werde ich jetzt ein anderthalbstündiges Can-Stück spielen." Das tat er dann zwar nur andeutungsweise - dafür behauptete er im Anschluss, bei dem Versuch spontan einen neuen Song zu improvisieren, gerade originäre Pink Floyd-Riffs komponiert zu haben. Rein vom Charakter her passte Bill Ryder-Jones also schon mal zu dem Schrullen-Master Gruff Rhys (der übrigens heutzutage auch nichts mehr mit seiner alten Band - in dem Fall die Super Furry Animals - zu tun haben will).
Rhys hatte sich ein interessantes dramatisches Konzept ausgedacht - das allerdings durch ungeschicktes Timing dann schon wieder torpediert wurde. In der Umbaupause lief nämlich zunächst das Beatles-Monster "I Want You/She's So Heavy", das in eine besonders schräge Version von "Also sprach Zarathustra" vom Portsmouth Sinfonia Dilettanten-Orchester überging während die Nebelmaschine Schwerstarbeit verrichtete. Und nach diesem dramatischen Vorspiel passierte... nichts, denn der Roadie musste die Musiker erst mal aus dem Backstageraum herausholen. Diese versammelten sich dann auf der Bühne und Gruff Rhys erläuterte den Plan des heutigen Abends mit Hilfe von Schautafeln: Zunächst wurde das aktuelle Album "Babelsberg" in Gänze live gespielt - und dann gab es einen eher psychedelischen Teil mit älteren Tracks in - sagen wir mal vorsichtig - abenteuerlichen Versionen. Der erste Teil der Show verlief allerdings zunächst mal ziemlich unspektakulär. Rhys sang die Tracks mit wechselnden Gitarren (insgesamt standen sieben zur Verfügung) auf einem Hocker sitzend konsequent mit geschlossenen Augen und nur knappen Zwischenansagen mit dem gelegentlich eingeworfenen Songtitel. Auf der LP "Babelsberg" (das er übrigens "Beibelsbörg" ausspricht) war Rhys ja ziemlich erfolgreich als Komponist und Arrangeur auf den Spuren der großen Altvorderen - wie z.B. Jimmy Webb - gewandelt. Das ließ sich natürlich mit einer dreiköpfigen Band nicht so recht übertragen. Die Jungs machten also das Nächstbeste und spielten die Tracks ziemlich schnörkellos und deutlich schneller und druckvoller als auf der Scheibe. Was dann im Vergleich zu den Studio-Versionen fehlte, war nicht etwa die orchestrale Opulenz der Streicher- und Bläserarrangements, sondern die weiblichen Stimmen, die Rhys im Studio klugerweise mit eingemischt hatte. Als reines Herrenchor-Erlebnis verlor die Sache dann ein wenig von der Faszination der Studioversionen. Was natürlich nichts an der Brillanz der Stücke an sich änderte, denn diese kommen auch ohne viel Brimborium zu recht. Immerhin gab es neben dem Keyboard ja auch noch eine Querflöten-Einlage des Bassisten zu bewundern.

Spätestens bei dem Song "Negative Vibes" wurde dann aber deutlich, dass es so normal nicht bleiben würde. "Das ist ein ziemlich langer Song", unterbrach Rhys dann das Stück nach zwei Dritteln, "da sollten wir mal eine Pause einlegen und über die Sache reden." Es folgte dann ein hanebüchen absurder Dialog mit seinem Drummer, in dem es darum ging, das Stück mit unverständlichen Insider-Witzen neu anzuzählen und zu beenden. Nachdem dann der letzte LP-Track "Selfies In The Sunset" (einer dieser - wie Rhys sagte - selbstgefälligen langsamen Tracks, die von den Plattenlabels so gerne am Ende einer Scheibe gesehen werden) noch ziemlich klassisch zu Ende geführt wurde, wurde es im Folgenden dann schon beinahe abstrakt. Rhys hielt einen Zettel hoch auf dem "Der Brexit ist ein mittelmäßiges Saxophon-Solo" zu lesen stand. "Das hat zwar mit dem nächsten Stück nichts zu tun, aber es musste mal gesagt werden", meinte Rhys und knüllte dann den Zettel zusammen. Es folgte dann eine nicht enden wollende Version des Tracks "Colonise The Moon" - der dann um ein vielleicht nicht mittelmäßiges, aber doch ziemlich schräges Saxophon-Solo herum aufgebaut war, das sich von dem "Careless Whispers"-Motiv beinahe hin zum Freejazz-Monster aufblähte. Und so ging das weite: "Iolo" als Solo-Endlos-Mantra, "Gwn mi wn" als Two Drummers Drumming-Version oder "Candylion" als Hommage an ein Tier/Nahrungsmittelwesen. Erst nach einem schrägen "Lonesome Words"-Mitsing-Track fand man langsam wieder in konventionelles Fahrwasser zurück - zuweilen illustriert mit weiteren Schautafeln und absurder Situationskomik. Insgesamt konnte man Gruff Rhys und seinen Jungs an diesem Abend nun wahrlich keinen mangelnden Einsatzwillen vorwerfen. Ganze 22 Stücke hatte Rhys etwa von vorneherein auf der Setlist vermerkt - und manch eines davon erreichte durchaus epische Dimensionen. Auch wenn es den begeisterten Hardcore-Fans wahrscheinlich nicht gefallen dürfte: Weniger wäre hier dann am Ende doch mehr gewesen. Jedenfalls für diejenigen, die an der Musik und nicht den psychedelischen Aspekten des Geschehens interessiert waren.

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Surfempfehlung:
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billryderjones.co.uk
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Gruff Rhys:
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