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Am Puls der Zeit

Rue Royale

Köln, Die Wohngemeinschaft
09.12.2018

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Rue Royale
Ganze fünf Jahre Zeit haben sich Ruth und Brookln Dekker a.k.a. Rue Royale aus Nottingham Zeit für ihr neues Album "In Parallel" gelassen - das sie nun auf ihrer aktuellen Europ-Tour natürlich auch in Köln vorstellten. Das hat aber einen bedeutenden Hintergrund, denn das Paar, das seine Laufbahn ursprünglich in Chicago startete, bevor sie dann nach England zogen, um den europäischen Fans näher sein zu können, hatte vor vier Jahren ein Töchterchen bekommen, das es erst mal aufzuziehen galt. Sei es drum: Die Fans hatten das Paar in der Zwischenzeit nicht vergessen - und so mussten Ruth und Brookln in Köln sogar ein Zusatzkonzert ansetzen, um die Nachfrage befriedigen zu können.
Das hatte natürlich zur Folge, dass die zweite Show dann relativ entspannt von statten gehen konnte - auch weil das Paar sich bei einem relaxten Tag mit viel Netflix (mit verschiedenen Programmen und Kopfhörern, wie Ruth erläuterte) entspannen hatte können. Nicht dass die Musik von Rue Royal dabei als besonders hektisch einzustufen wäre - aber die aufmerksame Stille, die zwischen den Songs in der Wohngemeinschaft herrschte, fiel den beiden Protagonisten dann doch schon auf. Was aber mit ironischem Stage-Banter durchaus geschickt aufgefangen wurde. Außerdem geht es noch extremer. "Ich bin aus Luxemburg", stellte sich eine junge Dame nach der Show am Merchstand vor, "und dort ist es noch leiser zwischen den Songs."

Musikalisch haben Rue Royale eine durchaus erstaunliche Entwicklung genommen. Was ursprünglich mal als eine Art Folkpop begann (und bis heute noch gelegentlich in diese Schublade einsortiert wird), ist im Laufe der Jahre durch die vermehrte Hinzunahme von Artpop-Elementen und elektronischen Hilfsmitteln zu einer heutzutage genresprengenden, ganz eigenen Mixtur herangereift. Auf der Bühne jedenfalls kommen Rue Royale nun nicht mehr bloß mit akustischer Gitarre und Keyboard zurecht. Selbst wenn sie - wie in Köln - alleine auf der Bühne stehen (und nicht mit einem Drummer unterwegs sind, wie das gelegentlich schon mal der Fall ist), haben sie einiges an Effektgeräten, Percussion-Instrumenten und insbesondere elektronischen Pads in ihr Konzept eingebaut. Das hat aber einen recht angenehmen Nebeneffekt. Denn während die Sache in der Studio-Variante (zumindest auf der aktuellen Scheibe) oft in eine recht lineare Richtung läuft, in der es mehr um Atmosphären und Klangdetails als etwa um Melodien oder Storytelling geht, gerät der Vortrag im Live-Kontext gerade aufgrund der Vielzahl von Zutaten recht dynamisch und mitreißend. Insbesondere die Manier, in der Ruth und Brookln mit ihren Pads eine Vielzahl von in liebevoller Heimarbeit erzeugten Samples manipulieren, einmischen und akzentuieren gefällt dabei besonders - nicht zuletzt, da hierdurch das Klangspektrum enorm erweitert wird und auch stets ein unkalkulierbarer Spannungsfaktor einfließt, denn das Ganze ist alles andere als statisch organisiert, sondern im improvisatorischen Zusammenspiel durchaus lebhaft. Interessant in diesem Zusammenhang ist der Umstand, dass Rue Royale auch die älteren Tracks mehr oder minder konsequent in dieses Soundkonzept mit einbeziehen. Reine Folk-Momente gibt es heutzutage demzufolge kaum noch.

Während Ruth und Brookln mit selbstironischen Sprüchen durchaus den Kontakt zum Publikum suchen, sind sie - was die Inhalte ihrer eher opak verpackten Songinhalte betrifft -, deutlich zurückhaltender und erzählen wenig bis gar nichts über die den Songs zugrunde liegenden Themen. Immerhin aber ließ sich Brookln dazu hinreißen, den neuen Song "Chip Away" als seinen Lieblingstrack zu outen - weil Ruth darauf so schön zur Geltung käme. "Chip Away" ist dabei auch einer der eher seltenen Tracks, bei denen Ruth dann zumindest teilweise den Lead-Gesang übernimmt - ansonsten betätigt sie sich eher als Harmoniesängerin. Das ist aber auch erklärlich, da Brookln der Haupt-Songwriter in dem Unternehmen Rue Royale ist. Als Zugabe gab es dann auf Publikumswunsch hin noch den Track "Ufo" zu hören - der von der dänischen Gruppe Place On Earth gecovered worden war - womit diese dann die Casting Show X-Faktor gewonnen hatte und sich nun beworben hatte, Rue Royal bei den anstehenden Dänemark-Shows zu supporten. "Das ist irgendwie süß", meinte Ruth - mehrdeutig schmunzelnd - dazu. "Süß ist das richtige Wort", pflichtete Brookln bei, "denn wir sind eigentlich keine X-Faktor-Typen."

Insgesamt gab es an diesem Abend eine überraschend mitreißende, spannende Live-Show am Puls der Zeit. Und das ist wörtlich gemeint, denn im aktuellen Setting ohne Drummer kommen die meisten der Tracks mit einem sachten Pulsschlag daher, den Brookln mit einem gedämpften Kickboard vorgibt und der den komplexen Gitarren-Mantras insbesondere des neuen Materials ein rhythmisches Rückgrat verleiht.

Rue Royale
NACHGEHAKT BEI: RUE ROYALE

GL.de.: Eure Songtexte sind ja für Außenstehende nicht ganz leicht zu entschlüsseln. Worauf bezieht ihr euch denn im Titel des neuen Albums "In Parallel"?

Brookln: Oh das ist nicht so einfach zu erklären. Ich versuche es mal: Vor einigen Jahren sind wir Eltern geworden. Ich hatte aber damals schwer mit einer Depression zu kämpfen. Nicht, dass ich es nicht genossen hätte, Vater zu werden - aber ich musste schwer mit meiner Krankheit kämpfen, während Ruth auf der anderen Seite recht selig war und ihrer Rolle als Mutter vollkommen aufging. Das war eine recht schwere Zeit für uns, denn wir lebten sozusagen nebeneinander her. Und hier kommt der Titel des Albums ins Spiel, denn das fühlte sich für mich so an, als lebten wir parallel zueinander. Ich habe auch das Cover zum neuen Album selbst gestaltet und auch da finden sich dann kleine Hinweise auf diese Situation - wenn man weiß, worum es geht.

GL.de: Das heißt das Thema zieht sich dann auch durch alle Songs, richtig? Wie auch zum Beispiel in "Chip Away"?

Brookln: Ganz genau. Diesen Song habe ich geschrieben, weil ich ausdrücken wollte, dass ich mich aus dieser Situation befreien wollte, indem ich sozusagen die Hindernisse wegmeißelte, die mir im Wege standen um zum Kern der Situation vorzudringen.

GL.de.: Das hört sich nach dem klassischen Fall von Musik als Therapie an.

Brookln: Das war es auch. Nicht nur die Arbeit an dieser Scheibe, sondern auch mein anderes Projekt - ein Duo mit dem Pianisten Lambert (Lambert & Dekker) - hat mir dabei sehr geholfen. Musik ist einfach die beste Therapie.

GL.de: Da könnt ihr euch als Musiker ja glücklich schätzen, eure Kreativität dazu einsetzen zu können, euch selbst zu therapieren. Normale Arbeitnehmer haben diese Möglichkeiten ja nicht.

Brookln: Das ist richtig - da sind Künstler schon besser dran. Andererseits habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass Künstler die Tendenz dazu haben, wesentlich leichter in die Fallen, die das Leben in dieser Hinsicht bereit hält, hineinzutappen als andere Leute.

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Surfempfehlung:
www.facebook.com/rueroyalemusic
rueroyale.bandcamp.com
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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