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Vorsicht geboten!

Boy Harsher
Kontravoid

Köln, artheater
08.03.2019

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Boy Harsher
Eine Veranstaltung für Allergiker, Asthmatiker oder gar Spastiker war die aufdringlich ausverkaufte Show der Elektro-Aficionados Boy Harsher und Kontravoid im Kölner artheater nun wirklich nicht. Und das nicht, weil hier musikalische Minderheitenausgrenzung betrieben wurde, sondern weil der Gebrauch des Ehrenfelder Kunstnebels hier nun wirklich alle vernünftigen Grenzen überschritt und weil die Beleuchtung bei beiden Acts nur aus Stroboskop-Effekten bestand, die schon bei kerngesunden Zuschauern psychedelische Koordinationsprobleme und Herzrhythmusstörungen auslöste. Nicht übrigens, dass das für die Anwesenden etwas ausgemacht hätte, denn im Prinzip geriet die Veranstaltung nach ein paar Minuten Stakkato-Beats außer Rand und Band und mündete - spätestens als dann Jae Matthews und Augustus Muller auf die Bühne kletterten - in einer einzigen Club-Party (im Verlauf derer das Publikum dann auch Beleuchtungstechnisch allmählich einbezogen wurde).
Tatsächlich passten hier ein Mal Support-Act und Headliner so gut zusammen, dass die Sache als Remix-Veranstaltung im Stile eines DJ-Sets durchgegangen wäre, wenn nicht eine längere Umbaupause den Flow unterbrochen hätte. Nun ja: Der Musikexpress meinte ja mal, dass Musik wie Boy Harsher (und in Konsequenz auch Kontravoid) machten, entweder aus den 80ern oder dem Fetischclub kommen müsse. Insbesondere im Falle von Cameron Findlay alias Kontravoid drängte sich diese Überlegung dann auch zwangsläufig auf, denn der Kanadier aus Toronto tritt mit einer - in diesem Fall weißen - anonymisierenden Gesichtsmaske und einer strammen Joy Division-Uniform auf. Dabei zuckt er dann roboterhaft in rhythmischen Schlagfeuergewitter seiner vorproduzierten Beats, Loops und Grooves und der gleißenden Stroboskop-Blitze herum. Sehr viel mehr passiert da eigentlich nicht, da Findlay nur sehr selten manuell eingreift, um seinen Mix zu modulieren oder gar in die Tasten seines Mikro-Steuergerätes zu greifen (ein richtiges Keyboard braucht man offensichtlich für diese Art der Präsentation gar nicht). Der Trick dabei ist dann der, dass das Publikum einfach den wesentlichen Teil der Performance selbst übernimmt und sich entsprechend in Trance groovt. Am Besten übrigens mit geschlossenen Augen, denn die Gefahr durch die Laser-Lichter bleibende Schäden davon zu tragen war dann nicht unerheblich. Kontravoids letzte Veröffentlichung, "Undone", stammt aus dem letzten Jahr. Das ist allerdings nicht so besonders erheblich, denn bei dieser Form der Präsentation steht nicht der einzelne Track, sondern der kontinuierliche Flow im Zentrum. Und diesbezüglich konnte man Kontravoid keinerlei Vorwürfe machen.

Es gab dann übrigens noch eine Gemeinsamkeit zwischen Kontravoid und Boy Harsher, denn hier wie da waren die Textfetzen, die aus dem allgemeinen Soundgewitter hervorbrachen, nicht zu verstehen. Bei Kontravoid liegt das daran, dass er seinen "Gesang" als rhythmisches Stilmittel versteht und bei Boy Harsher daran, dass die Vocals mit viel Hall und Delay in einem nebligen Dunst eingehüllt werden. Das war zwar bei der Show in Köln weniger extrem als z.B. auf der letzten Boy Harsher-Scheibe "Careful", aber richtige Storyteller sind Boy Harsher nun wirklich nicht - obwohl sie nominell durchaus etwas zu sagen haben. Hinzu kommt noch, dass sich Jae Matthews Vocals auf derselben Frequenz bewegen, auf der Augustus Muller seine Synthies eingemessen hat. Kein Wunder also, dass sie zwischenzeitlich vor sich hinexplodiert und sich durch gutturale Schreie durch die Soundwände kämpft.

Kommen wir aber mal zur Performance. Aus dieser hielt sich Augustus Muller vornehm raus - griff nur ganz selten mal zum Mikro (und wenn, dann nur um zu kieksen oder schreien) - und überließ es Jae Matthews das Publikum anzumachen (so gut das eben geht, wenn man die Protagonistin größtenteils nicht sehen kann). Boy Harsher geht ja gemeinhin der Ruf voraus, dass insbesondere die Live-Shows von einer gewissen selbstzerstörerischen Spannung leben. Für dieses Gerücht spricht der Umstand, dass sich Jae Matthews auf der letzten Tour den Titel des neuen Albums "Careful" während einer Show auf den Rücken hatte tätowieren lassen, während Augustus Muller dazu die Verstärker klangtechnisch zerlegte und einschmolz. Viel zu sagen hatte man sich danach erst mal nicht mehr. Davon freilich war in Köln nun gar nichts mehr zu spüren. Insbesondere Jae Matthews hatte offensichtlich jede Menge Spaß auf der Bühne und schien auch generell besonders gut gelaunt zu sein. Deswegen geriet die Show dann auch eher hypnotisch und mitreißend als nervenzerfetzend. Unterhaltsam war das Ganze trotz des eigentlich ja nun doch sehr artifiziellen Setting dann auch - unter anderem, weil Boy Harsher die Setlist recht angenehm gestalteten und nicht nur die Techno- und Club-Elemente, sondern - zumindest ansatzweise - auch die poppigeren Elemente bedienten, die auf "Careful" ja durchaus eine gewisse Rolle spielten (allerdings unter Verzicht aller balladesken Momente - denn auch Augustus Muller drehte eher an Knöpfen als Tasten zu bedienen). Was am Ende blieb, war ein vorgezogener Club-Abend mit einer Prise unterhaltungstechnischem Mehrwert.

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Surfempfehlung:
boyharsher.com
www.facebook.com/boyharsher
www.facebook.com/kontravoid
kontravoid.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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