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Konzert-Bericht
 
Alles ist Bratensoße

Nicole Atkins
Caleb Elliott

Köln, Blue Shell
17.04.2019

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Nicole Atkins
Es ist ja fast schon komisch, dass sich einerseits immer alle darüber beklagen, dass der Verkauf von Tonträgern im Streaming-Zeitalter keine wesentliche Rolle mehr spiele - und auf der anderen Seite dann genau diejenigen, die die Digitalisierung der Musik für gewöhnlich am lautesten beklagen, durch kollektive Abwesenheit glänzen, wenn mal jemand ohne aktuelle LP-Veröffentlichung auf Tour kommt. Tatsächlich ist die Veröffentlichung der letzten Scheibe von Nicole Atkins - "Goodnight Rhonda Lee" - fast schon zwei Jahre her. Dabei ist das nun wirklich ganz und gar unerheblich, denn wenn Nicole Atkins auf eines Wert legt, dann ist das der Umstand, dass ihre Songs von vorneherein vor allen Dingen zeitlos angelegt sind, so dass es nun wirklich keine Rolle spielt, wann sie geschrieben und/oder aufgenommen wurden.
Zunächst ein Mal überraschte Caleb Elliott aus Alabama, der in Nicoles Band als Cellist, Sänger und Gitarrist aushilft, mit einem hochemotionalen, persönlich gefärbten Vortrag, in dem er nicht nur einfach die Songs seiner Solo-Debüt-LP "Forever To Fade" vortrug, sondern auch mit ruhiger Stimme und einer gewissen Gelassenheit die beeindruckende Geschichte seines wechselvollen Lebens darlegte - so weit das im verkürzten Rahmen eines Support-Slots möglich ist. Elliott wuchs als Sohn eines Predigers einer streng religiösen Gruppierung auf - fand aber erst über den Weg der Musik zu seiner spirituellen Erleuchtung, was er in seinen autobiographisch geprägten Songs eindrucksvoll darlegt. Natürlich macht Elliott als in den Südstaaten geprägter Songwriter nichts wirklich Neues - aber anders als bei vielen seiner Kollegen, die in der korrekten Aneinanderreihung musikalischer Klischees ihr Heil sehen, ist es die Eindringlichkeit seiner bewusst simpel konstruierten Folksongs, die ihn als Performer auszeichnen. Dass er nebenher auch Cello spielt, ist eher ein zusätzliches Bonbon als Selbstzweck. Er tat das auch nur bei zwei Songs, zu denen er sich zunächst von Gitarrist Davey Horner und dann von seinen Bandmates begleiten ließ. Natürlich kam der "Art-Rock"-Faktor der Produktion seiner LP nicht so recht zum Tragen - aber darum ging es ja nun wirklich nicht.

Nicole Atkins reist ja nicht umsonst mit dem Ruf einer der eindringlichsten Live-Performerinnen unserer Tage umher - und natürlich zog sie als anpassungsfähiger Vollprofi auch im dünn besuchten Blue Shell alle Register, derer sich eine gewiefte Rampensau wie sie bedienen könnte. Wie schon zuvor gelegentlich auf dieser Tour begann sie ihr Set, indem sie mit der Gitarre in der Hand zunächst mal alle Leute in dem verwinkelten Club persönlich einsammelte und dann im Dunkel des Auditoriums den Titelsong ihres ersten Albums "Neptune City" akustisch und unplugged vortrug. Das war ein kluger Schachzug, denn indem das Publikum sozusagen persönlich eingebunden wurde, gab es im Folgenden auch keine Probleme mehr mit dem in diesem Club so beliebten lauten Geplappere an der Bar. Nicht, dass das wirklich möglich gewesen wäre, denn als Nicole im Anschluss auf die Bühne hüpfte, auf der bereits ihre Musiker lauerten und dann mit dem Song "Maybe Tonight" den soulig-rockenden Grundtenor des Abends setzte, ging es im Folgenden eigentlich nur noch nach vorne. Nicht, dass unbedingt jeder folgende Track lauter gespielt wurde als der vorangehende, aber zumindest in Sachen Hingabe und Intensität steigerten sich Nicole und ihre großartig aufeinander eingespielte Band in einen wahren Performance-Rausch - der schließlich zum Schluss in einer grandiosen, mächtig rockenden Version von Patt Smiths "Pissing In The River" endete, im Laufe derer sich Nicole erneut ins Publikum begab, um sich - dieses Mal dann mit Mikrofon - sozusagen persönlich vom Publikum verabschiedete. Dazwischen gab es das ganze Spektrum der Nicol'schen Vielseitigkeit zu bewundern. Das reichte von der einfühlsamen Power-Ballade wie "Dream Without Pain", deren Entstehungsgeschichte unter dem Eindruck eines Rehab-Aufenthaltes sie nonchalant einfließen ließ, über diverse neue Tracks ihrer erst für nächstes Jahr angekündigten, kommenden LP ("Captain For Once", ein potentielles Trinklied oder "Never Coming Home", ein Song über das Leben On The Road) und eine betont cool inszenierte Coverversion von Cans "Vitamin C", die sie natürlich unbedingt spielen wollte, wenn sie schon mal in Köln weilte, bis hin zu einer hinreißenden Version von "Listen Up" vom "Rhonda Lee"-Album, im Verlaufe derer sie ihre Band vorstellte und den Jungs auch ordentlich Gelegenheit bot, ihre virtuose Spielfreudigkeit unter Beweis zu stellen. Ein bisschen "Crazy", wie sie selbst in bester Patsy Cline-Manier in dem Titel "A Little Crazy" sang, muss man bei all dem natürlich schon sein - aber das sind wir ja eigentlich auch irgendwie alle. Nicole zeigte sich jedenfalls als extrem nahbare, energiegeladene Performerin, die nicht etwa nur gute Mine zum bösen Spiel machte, sondern mit voller Begeisterung ihrer Berufung nachging. Ein Mal abgesehen davon, dass es natürlich schöner gewesen wäre, wenn Nicole vor einem vollen Haus hätte spielen können, durften aber alle, die dagewesen waren, mit dem Eindruck nach Hause gehen, einem perfekten Konzertabend beigewohnt zu haben.

Nicole Atkins
NACHGEHAKT BEI: NICOLE ATKINS

GL.de: Du bist ja dafür bekannt, dass wirklich jede deiner Scheiben eine andere musikalische Ausrichtung besitzt. Was ist dabei dein Erfolgsgeheimnis?

Nicole: Ich sage immer, dass ich Stile und Genres fließend spreche. Für mich sind Stile und Genres nicht wichtig. Es geht immer um die Stimmung, in der ich mich gerade befinde und die Leute, mit denen ich zusammenspiele. Ich brauche mir auch deswegen keine Gedanken um den musikalischen Stil zu machen, weil ich sowieso immer alles miteinander vermische.

GL.de: Kennst du die Waterboys? Mike Scott hat ja auch gerade wieder eine Scheibe mit allen möglichen Stilen aufgenommen - und er meinte, dass Stile und Genres wie eine Zwangsjacke wären und dass wir keinen Rock'n'Roll hätten, wenn Sam Phillips Elvis keinen R'n'B hätte singen lassen.

Nicole: Ja, ich kenne die Waterboys. David Hood, der Bassist der Waterboys, produziert mit mir meine nächste Scheibe. Aber Sam Philips hat aber schon in Genres und Stilen gedacht - denn er wollte Roy Orbison dazu bringen, mehr Rock'n'Roll zu singen - und wo wäre Roy Orbison ohne seine Balladen? Ich würde nur zu gerne mal einen melancholischen Song wie "Crying" schreiben, der die Ewigkeit überdauert. Ich möchte den traurigsten Song der Welt finden und ihn schreiben. Das ist mein erklärtes Ziel.

GL.de: Du hattest ja jetzt gerade den Track "A Man Like Me" mit Jim Sclavunos von The Bad Seeds veröffentlicht. Wird der auf deine nächsten Scheibe sein?

Nicole: Nein - das ist ein anderes Projekt, das ich mit Jim habe. Wir werden Anfang Mai einen Showcase in London spielen, zu dem wir dann Medien-Leute einladen wollen, um zu sehen, ob es eine Möglichkeit gibt, dieses Material zu veröffentlichen. Meine nächste LP spiele ich mit Musikern ein, die noch nie zusammen gespielt haben, mit denen ich aber schon zusammengearbeitet habe - Mitglieder der Swamps, der Bad Seeds, Spoon und der Waterboys. Ich möchte, dass die Sache wie eine Radio-Show klingt und diese um den Jersey-Sound herum aufbauen. Ich wohne jetzt zwar in Nashville, aber ich komme aus Jersey. Wenn du Bruce Springsteen oder Southside Johnny anhörst, dann kategorisiert man das ja auch nicht als Country oder Rock, sondern das ist der klassische UKW-Radio-Sound oder Party-Musik. In diese Richtung möchte ich gehen.

GL.de: Deine Scheiben haben ja eh immer diesen Old-School Sound.

Nicole: Ja, genau - dem kann ich auch nicht entfliehen. Das liegt daran, dass die Scheiben früher einfach besser klangen. Für mich hat das mit Nostalgie nichts zu tun, denn ich möchte, dass meine Musik Bestand hat und die Zeit überdauert. Musik wird ja heutzutage in Algorithmen zerlegt und mit Computern erzeugt und jeder Pop-Star wird so lange bearbeitet, bis man sie nicht mehr auseinanderhalten kann.

GL.de: Das heißt also, dass es darum geht, alles so organisch und menschlich wie möglich zu halten, oder?

Nicole: Ja klar. Wir spielen auch immer alles live im Studio ein. Noch ein Gedanke: Früher gab es Budgets für dieses und jenes - wie zum Beispiel Streicherarrangements bei den Beach Boys. Das gibt es heute nicht mehr. Und wenn du keinen Weg findest, es selbst zu machen, wird diese Art von Musik irgendwann verschwinden. Und das will ich ja nicht.

GL.de: Du sagtest eben ja, dass du es magst, Stile und Genres miteinander zu vermischen. Wovon hängt es denn ab, was du machst?

Nicole: Von meiner Stimmung. Manchmal mag ich psychedelische Musik, dann gibt es eben schwere Drones und ein anderes Mal singe ich lieber eine Jazz-Nummer mit dem Pianisten. Es hängt auch von dem Ort ab, wo man sich befindet. Und auf der Bühne muss man das Publikum lesen. Als ich z.B. die Wood Brothers supportete und deren Publikum sah, habe ich gleich mehr Americana und Country-Songs gespielt, bei Nick Cave und den Bad Seeds gabs düsteres Zeug. Und heute in Köln müssen wir natürlich ein Stück von Can spielen. Bei meinen eigenen Setlists achte ich darauf, dass es etwas für alle gibt. Man muss sich anpassen können.

GL.de: Ist das die wichtigste Eigenschaft, die ein Musiker heutzutage haben muss?

Nicole: Ich denke schon. Und du musst Humor haben. Wenn man keinen Humor hat, dann sollte man es am Besten gleich drangeben. Und man muss die Leuten berühren. Wenn man Leuten mit seiner Musik helfen kann, Dinge in ihrem eigenen Leben zu bewältigen, dann ist das das Größte.

GL.de: Wie passt man sich denn am besten an?

Nicole: Man muss sich klar sein, dass es in dem Business rauf und runter gehen kann. Man muss damit klar kommen, mit einem Buget von 100 $ oder 1000 $ arbeiten zu können. Man muss sich überlegen, wie sehr man die Sache, die man macht, liebt. Ich bin sehr anpassungsfähig. Ich liebe es, dass ich mit meinen Musikern herumalbern kann, dass ich Gespräche auf der Tour führen kann, dass ich auf diese Weise ein Kind bleiben kann, auch wenn ich immer älter werde. Das ist wie eine nie endende Pyjama-Party. Das Dumme ist nur, dass man so wenig Geld damit verdienen kann. Wenn dann der Tourbus kaputt geht, wie jetzt gerade, dann wird so eine Tour ganz schnell zu einem Verlustgeschäft. Aber alles andere ist Bratensoße.

GL.de: Das heißt dann ja wahrscheinlich auch, dass du kein bestimmtes Ziel anstrebst?

Nicole: Nein - für mich ist der Prozess das Ziel. Ich liebe das, was ich mache und ich möchte einfach singen - bis zu dem Tag, an dem ich sterbe. Musik hilft dir dabei, dass du weniger Angst vor der Zukunft hast und das ist doch cool, oder?



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Surfempfehlung:
www.nicoleatkins.com
www.facebook.com/NicoleAtkinsOfficial
www.calebelliott.com
www.facebook.com/calebelliottmusic
www.youtube.com/watch?v=xBBlPQeJ2eE
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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