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Metamorphose?

Benjamin Francis Leftwich
Rosie Carney

Köln, Studio 672
28.04.2019

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Benjamin Francis Leftwich
Die Irin Rosie Carney bietet ein schönes Beispiel dafür, dass es im Musikbusiness auch mal auf der rein menschlichen Ebene klappen kann. Zwar hatte sie mit 16 schon einen Major-Vertrag in der Tasche und schrieb Songs mit Brendan Benson oder mit Benjamin Francis Leftwich, den sie auf dessen aktueller Europa-Tour nun auch supportete - doch wurde sie da (wie das heutzutage üblich ist) aussortiert, bevor es etwas zum Veröffentlichen gegeben hätte. Davon ließ sich die gute nicht abhalten, machte weiter, rief Lisa Hannigan an und fragte diese, ob sie nicht mit auf ihrem Song "Thousands" mitsingen wolle und veröffentlichte schließlich ihre Debüt-LP "Bare" auf einem Kleinlabel. Heutzutage ist sie ein gern gesehener Gast auf den Touren ihrer Freunde und spielte bereits zum dritten Mal in der Domstadt. "Rosie Carney ist toll, die musst du dir unbedingt vorher ansehen", insistierte Benjamin Leftwich im Vorfeld der Show auf die Frage hin, wann er denn auf die Bühne gehen wolle. Das sei ja gerade der Reiz von solchen Touren, dass er sich hier jene Leute mitnehmen könne, die ihm besonders am Herzen lägen, führte er dann später auf der Bühne noch aus - und dazu gehöre auch seine "Sister" Rosie Carney, für die er gleich mehrfach um Applaus bat.
Diese Vorschusslorbeeren schienen Rosie und ihrer Cellistin jedoch nicht zu Kopf gestiegen zu sein. Mit cooler Contenance und vollkommen unaufgeregt präsentierte Rosie im Folgenden dann die melancholischen Folkpop-Songs von "Bare" - darunter natürlich auch "Thousands" (natürlich ohne Lisa Hannigan) und dem Titeltrack des Albums. Auf dem Album sind die Songs zwar zurückhaltend eingesetzten, geschmackvollen Zutaten wie Streicher-Arrangements, Piano-Klängen oder dezenten Elektronischen Elementen verziert. Wie sich nun auf der Bühne zeigte, brauchen die Songs aber eigentlich nicht viel mehr als Rosies Stimme und ihre Gitarre, denn diese sind mehr oder minder konsequent als Folksongs angelegt und die zerbrechliche Natur des Materials würde durch zusätzlich Zutaten eher behindert. Das erklärt auch, warum auf der LP auf eine konsequente Band-Besetzung verzichtet wurde. Insofern brachen Rosie und ihre Kollegin nur gelegentlich aus dem dezenten Fingerpicking-Setting aus und steigerten sich - etwa bei "Awake Me" mit viel Hall in hymnische Höhen. Dass Rosie dabei von Depressionen, Krankheiten oder anderen menschlichen Verlustgeschäften singt, macht sich in der Performance - wenn überhaupt - durch die Ernsthaftigkeit bemerkbar, mit der Rosie das Material präsentiert. Insgesamt war das stimmungsmäßig so nah dran an dem, was Benjamin Francis Leftwich im Folgenden präsentierte, dass es fast schon eine mutige Entscheidung gewesen war, Rosie als Support-Act zu verpflichten.

Nach der Umbaupause ging es dann erst mal dramatisch los: Während eine laut zischende Nebelmaschine die Bühne eindampfte, gab es auszugsweise David Bowies "Heroes" in der Version von Peter Gabriel vom Band - wohl um schon mal auf den Grundtenor des Abende einzustimmen. Der inzwischen in London lebende Benjamin Francis Leftwich hat nämlich einen Song namens "Butterfly Culture" im Programm - deren Mitglied er sei, wie es im Text heißt. Zwar meint er damit etwas anderes, aber der Mann präsentiert seine Songs schon so wie eine traurige Raupe, die die Hoffnung auf ein lustige Metarmorphose schon aufgegeben hat. Das hängt natürlich damit zusammen, dass Benjamin in seinem Songs sein Seelenleben von innen nach außen kehrt - und dabei auch mehr oder minder schonungslos mit seinen Dämonen abrechnet. Kein Wunder, dass dabei keine fröhliche Popmusik herauskommt - auch wenn Benjamin sich selbst durchaus dem Pop-Genre zugetan fühlt. Begleitet alleine von seinem zwar unauffällig, aber variantenreich und effektiv agierenden Multiinstrumentalisten Oliver Deakin präsentierte Benjamin im Folgenden einen repräsentativen Querschnitt durch ein Ouevre - obwohl er darauf hinwies, dass er ältere Stücke wie "Some Other Arms" nur noch gelegentlich ins Programm mit aufnähme, weil diese doch sehr persönlich seien. (Auf dem Boden zu seinen Füßen hatte er ein Panel mit einigen Privatphotos als Motivationshilfe ausgebreitet - der Mann nimmt es mit der Musiktherapie also schon sehr genau.) Natürlich gab es auch Songs der im Herbst vergangenen Jahres erschienenen LP "Gratitude" zu hören. Und diese funktionierten dann auch in den eher abgespeckten Duo-Versionen sehr gut - und zwar weil Oliver Deakin Benjamins Vortrag mittels Piano, Synthies, E-Gitarre und Mikro-Drumcomputer geschickt akzentuierte. Ganz alleine hätte Benjamin die Songs denn auch - bei aller Liebe - nicht so effektiv darbieten können, denn im Wesentlichen kommen alle seine Tracks in einem ähnlichen nachdenklich/melancholischen Setting daher. Das soll keine Kritik sein - denn er weiß ja genau, worauf er sich einlässt und hat deswegen Oliver mit auf Tour genommen - aber es spräche eben auch gegen eine reine Solo-Umsetzung. Nur ganz gelegentlich - etwa bei der letzten Zugabe "Atlas Hands" dreht Benjamin auf und wechselt dann auch mal ins muntere Folk-Pop-Setting. Jedenfalls Ansatzweise und im Vergleich zum sonstigen Balladen-Setting. Das Highlight der Show kam jedoch auch einer ganz anderen Ecke - als Benjamin nämlich zum Song "Pictures" an den Bühnenrand vortrat und den Song unplugged präsentierte. Obwohl der Inhalt des Songs nicht gerade fröhlicher Natur ist, war hier das Hongpferdekuchengrinsen insbesondere der weiblichen Fans zurecht besonders breit, denn sehr viel eindringlicher und empathischer hätte Benjamin den Song ja auch gar nicht präsentieren können.

Benjamin Francis Leftwich
NACHGEHAKT BEI: BENJAMIN FRANCIS LEFTWICH

GL.de: Deine letzte LP, "Gratitude", scheint sich ja - auf durchaus persönliche Weise - mehr oder minder auf deine Familie zu beziehen, ist dieser Eindruck richtig?

BFL: Also autobiographisch ist das Album schon - und es ist auch das introvertierteste und selbstbezogenste Album, das ich bisher gemacht habe. Es gibt weniger allgemeingültige Texte als zuvor - nicht, dass das ausschlaggebend oder gut oder besser für meine Songs wäre; aber es ist so. Und wenn du zu dem Begriff der Familie auch Freunde und alle Lieben in Klammern mit einschließt, dann würde ich dem auch zustimmen. Es geht um mich und Leute die mir sehr nahe stehen und die Erlebnisse, die ich mit denen teilte.

GL.de: Das neue Album ist musikalisch ziemlich anders als die vorangegangenen beiden - es gibt z.B. weniger Folksong-Elemente. Wie kam das denn?

BFL: Ja, das stimmt. Das kommt daher, dass ich ehrlicher und weniger ängstlich war als zuvor. Ich wollte mich nicht von der Idee leiten lassen, dass ich die Musik machen wollte, von der ich dachte, dass ich damit zuvor schon erfolgreich gewesen bin. Das war eine ganz natürliche und unbewusste Sache für mich, denn ich habe mich von den Sachen inspirieren lassen, die ich selbst gerne mag - seien es die Folk-Elemente, die synthetischen Sounds oder die Produktion.

GL.de: Woher kam das?

BFL: Woher die Aufrichtigkeit kam, meinst du? Dass ich mich als der, der ich bin, akzeptiert habe - inklusive meiner Schwächen. Und ich habe es dran gegeben, Erwartungshaltungen zu erfüllen und mich selbst in eine Schublade zu stecken, von der ich dachte, dass sie erfolgversprechend wäre.

GL.de: Suchst du denn nach Herausforderungen - speziell, da du in einem eher konventionellen Umfeld arbeitest?

BFL: Das ist eine gute Frage. Von meinen Lieblings-Songwriter - z.B. Tallest Man On Earth oder Fionn Regan - würde ich gar nicht sagen, dass diese sich klanglich besonders weiterentwickelt haben. Ich will sowas auch nicht. Ich denke aber, meine Musik ist eher Pop als Singer Songwriter oder Folk. Wenn ich mich herausfordern möchte, dann würde ich sagen, dass es mir darum geht, mich nicht zu wiederholen und nicht immer dieselbe Geschichte zu erzählen - oder zumindest doch aus einer anderen Perspektive. Um Sounds oder Produktionswerte geht es mir gar nicht. Auch nicht um Stile oder Genres - ich mag alles, wenn es die richtige Energie hat. Was mir auch immer wichtig ist, ist den Zeitpunkt nicht zu verpassen, wenn ich mit dem Touren aufhören sollte.

GL.de: Wie jetzt - hast du etwa einen Plan B?

BFL: Im Leben? Ja, ich habe einen Plan B - aber der ist Teil meines Plan A -, dass ich nämlich weiter Songs schreiben und Musik machen möchte - in welcher Funktion auch immer. Was ich aber damit meine, dass ich aufhören sollte, wenn ich fühle, dass ich nichts Relevantes mehr zu sagen habe, denn ich möchte mich nicht selbst trocken melken.

GL.de: Wärest du denn in der Lage zu sagen, was für dich gute Musik auszeichnet?

BFL: Das ist auch eine gute Frage, über die ich kurz mal nachdenken muss… Ich denke, dass es mir um die Intensität und die Inbrunst des Vortrages geht. Und wenn es um eine Performance mit einem Instrument geht, dann meine ich auch das. Die Pop-Sensibilität ist mir auch wichtig und eine gute Melodie. Das ist natürlich subjektiv und abhängig von der Stimmung - aber ich liebe Melodien.

GL.de: Was ist denn für dich als Musiker am Wichtigsten?

BFL: Oh - da zitiere ich gerne meinen Manager, der immer sagt: Es gibt zwei Arten von Musikern - die, die Musik machen möchten und die, die Musik machen müssen - und dazu gehöre ich auch. Was nicht heißen soll, dass Leute, die Musik machen wollen, nicht sehr erfolgreich sein könnten - und das ist auch okay so - aber ich habe wirklich das Gefühl, dass ich das tun muss. Wenn ich das nicht mehr fühle, dann wäre es an der Zeit, aufzuhören. Was mir auch immer wichtig ist, ist der Gedanke, ob ich alles, was ich sagen wollte, auch gesagt habe - wenn mir z.B. etwas passieren sollte. Dieses Gefühl versuche ich immer beizubehalten, wenn ich neue Songs schreibe, denn das verleiht der Sache eine gewisse Dringlichkeit. Und am Ende sollte es auch noch gut klingen, was ich singe.

GL.de: Letzte Frage: Gibt es auf der neuen Scheibe vielleicht auch eine spirituelle Note?

BFL: Ja - in der Tat. Als ich mich nach der Tour zum letzten Album in einem Sumpf der Sucht und Selbstzerstörung verloren hatte, war eines der Rezepte mich daraus zu befreien, nach einer Inspiration durch eine höhere Macht - gleich welcher Art - zu suchen. Nicht eine religiöse höhere Macht, sondern eine Art von kreativer Energie. Meine Art, wieder clean und nüchtern zu werden, war zu beten. Daher kommen die Worte und Referenzen und die spirituelle Note, die dir auch aufgefallen ist. Es ging für mich einfach darum, wieder nüchtern zu werden.

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Surfempfehlung:
www.benjaminfrancisleftwich.com
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www.youtube.com/watch?v=Dz7StCyXx5A
www.youtube.com/watch?v=l6N3jUDKzq0
www.youtube.com/watch?v=O2jwl8bgEqY
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

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