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Sport. Spiel. Spannung.

Better Oblivion Community Center
Christian Lee Hutson

Köln, Kantine
06.05.2019

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BOCC
Schön, dass es noch Bands gibt, die einfach dadurch zu überzeugen wissen, dass sie schlicht das tun, was ihnen am meisten Spaß macht. Better Oblivion Community Center wäre etwa ein Beispiel für diese Spezies. Und das, obwohl das Fun-Projekt von Conor Oberst und Phoebe Bridgers eigentlich eher zufällig ins Leben gerufen wurde. Als Phoebe Bridgers mit ihrem Songwriter-Kollegen Christian Lee Hutson (der dann zufällig dann auch auf der aktuellen Tour als Support-Act und Gitarrist eingesetzt wurde) Ideen für gemeinsames Material herumwürfelten, kam ein zudegröhnter Conor Oberst hinzu, murmelte etwas davon, dass das Wort "Chesapeake" doch ziemlich cool klänge und begann sogleich, einen Songtext zu entwerfen - und voilà: Das Better Oblivion Community Center ward geboren. So schrieb es jedenfalls der Rolling Stone.
Ganz so einfach war die Sache wohl nicht, wie ein im Vergleich zu seiner Kollegin ziemlich kommunikativ aufgelegter Conor bei dem Konzert in der Kölner Kantine erläuterte. "Unser Plan war, eine Band zu gründen die klingt wie die Replacements. Damit sind wir grandios gescheitert", erklärte er seine Version der BOCC-Genese, "aber um das gut zu machen, werden wir jetzt ein Stück der Replacements spielen." Es folgte dann eine ziemlich mitreißende Version von "Can't Hardly Wait", die den Geist der Idee, wie die legendäre Band um Paul Westerberg klingen zu wollen, schlüssig vor Augen führte. Denn im Vergleich, was Conor Oberst und/oder Phoebe Bridgers ansonsten so machen, ist das Projekt BOCC ganz auf den gemeinsamen Spaßfaktor hin ausgerichtet.

Aber vielleicht erst mal von Anfang an: Christian Lee Hutson ist - auf musikalischer Ebene - schon länger mit Phoebe Bridgers verbändelt. Bereits beim letztjährigen Haldern-Festival, bei dem er zufällig als Gitarrist von Jenny Lewis herumlungerte, präsentierte der ehemalige Driftwood Singers-Vorsitzende seinen Song "Let's Get The Old Band Back Together" im Duett mit Phoebe und auch als Gitarrist in Phoebes Band wurde er schon diverse Male gesichtet. Und schließlich arbeiten Christian und Phoebe gerade zusammen an einem Projekt, deren erstes Ergebnis die Single "Northsiders" ist, bei der Phoebe auch erstmals als Produzentin tätig ist. Beide Tracks gab es nun auch in Köln zu hören. Als Solo-Performer kommt Hutson mit relativ wenig aus. So singt er konsequent mit geschlossenen Augen und versucht das Publikum mit Fragen "Und was habt ihr heute so gemacht?" mit mäßigem Erfolg zu einem Dialog zu motivieren. Musikalisch ist Hutson in der Art, wie er seine Akkorde setzt und harmonisch agiert und die Finger - zumindest bei seinen lebhafteren Nummern - über die Saiten gleiten lässt, ein Verfechter der Elliott Smith Schule (auf der Studioproduktion von "Northsiders" sind sogar die Stimmern Smith-mäßig gedoppelt). Die eigenartig verstiegenen Lyrics des Mannes sind nicht ohne Weiteres zu entschlüsseln - weswegen es schon half, dass er dann die Geschichten hinter seinen Elaboraten wenigstens teilweise erläuterte. Musikalisch hatte das, was er da machte, zwar nicht viel mit dem zu tun, was folgen sollte - aber alleine durch die Bridgers-Connection war sein Auftritt natürlich gerechtfertigt.

Und dann ging es endlich auch mit der BOCC-Show los. Das momentan wohl produktivste Singer/Songwriterpaar machte von Anfang an deutlich, wobei es bei BOCC eigentlich geht: Den Spaß an der Freude nämlich. Gleich beim zweiten Track - "Dylan Thomas" (zu dem Phoebes Freundin Michelle Zauner von Japanese Breakfast ein haarsträubend ulkiges Video produzierte), wandten sich Conor und Phoebe erstmals mit breit gefächertem Honigkuchenpferde-Strahlen einander zu und ließen eine inspirierte Rockdröhnung vom Stapel, die man beiden wohl im Vorfeld gar nicht zugetraut hätte. Das ging dann auch munter so weiter - inklusive Replacements-Geschrammel, sportlichen Rock’n'Roll-Posen (etwa auf dem Kit von Drummer Marshall Vore balancierend) vom Feinsten und einer wirklich überraschenden gesanglichen Intensität beider Protagonisten. Und das, obwohl über dem als Backdrop verwendeten, stilisierten Verwaltungsgebäude "It Will End In Tears" geschrieben stand. Nun gut - es gab natürlich auch Momente zum Innehalten - etwa wenn es um Phoebes Songs wie "Would You Rather" oder "Scott Street" ging (oder auch bei eher balladeskeren BOCC-Nummern wie dem bereits erwähnten "Chesapeake"); aber im großen und ganzen war das schon ein Showcase in Sachen zelebrierter musikalischer Lebensfreude. Das wurde nicht nur an den druckvolleren BOCC-Songs deutlich, sondern wenn das Paar jeweils die eigenen Songs (Phoebes "Funeral" oder Bright Eyes "Lime Street" oder "Easy Lucky Free") mit umgekehrter Rollenverteilung auch musikalisch ins Gegenteil verkehrten. Das war dann auch ein spannendes Spiel mit Erwartungshaltungen. Fast, so scheint es, als hätten Phoebe und Conor erst mit BOCC zu ihrer eigentlichen musikalischen Berufung gefunden. Das muss wohl auch private Gründe haben. Denn als sie sich etwa bei dem Track "Exception To The Rule" (zu dem Bassistin Emily Retsas an einen mächtig pulsierenden Synth-Bass wechselte) auf den Boden setzten, die Köpfe aneinanderlegten und den Song dann in dieser Position performten, fühlte man sich als Zuschauer fast schon als Störenfried. Dass Conor einen schwarzen Kussmund auf der Wange trug und Phoebe einen schwarzen Lippenstift aufgelegt hatte, war sicher nur Zufall.

Was war denn eigentlich passiert? Im wesentlichen haben Conor und Phoebe bei BOCC ihre gemeinsamen Pfunde in die Waagschale geworfen - und eigentlich dabei auch das gemacht, was sie zuvor schon angekündigt hatten: Phoebe etwa hatte bei den Interviews zu ihrer Debüt-LP schon erzählt, dass sie noch üben müsse, Refrains zu schreiben und ihren Flüstergesang "bühnentauglich" hinzubekommen und von Conor ist ja bekannt, dass er sich schwer tut, seine detailversessene Kompositionskunst schlüssig zu kanalisieren. Bei BOCC haben sich Phoebe und Conor nun auf halber Strecke getroffen und gemeinsam Stücke fabriziert. Dafür, dass es sich bei BOCC eigentlich nur um ein Fun-Projekt handelt, fällt das Ergebnis - sowohl im Studio wie auch auf der Bühne - deutlich überzeugender aus als so manches von vorneherein als solches konzipierte Bandprojekt. Dazu gehört dann auch, dass BOCC kurz vor der Tour noch einen neuen Track namens "Little Trouble" als Single-Titel nachschob. Müßig zu erwähnen, dass der zu einem der vielen Highlights der Show geriet.

Zum Schluss waren wohl auch Conor und Phoebe selbst von dem Erreichten begeistert. Zunächst lud Conor das Publikum ein, Phoebe mit einem eigenen Schlachtruf zu feiern. Als Phoebe dann meinte, dass ihr das jetzt aber zu peinlich sei, sowas bei ihm auch zu machen, meinte dieser: "Och ich habe keinen Stolz." Fast hätte man ihm das dann auch abgekauft.

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Surfempfehlung:
www.betteroblivioncommunitycenter.org
www.facebook.com/betteroblivioncommunitycenter
www.facebook.com/phoebebridgers
www.facebook.com/BrightEyes
www.christianleehutson.com
www.facebook.com/christian.lee.hutson
www.youtube.com/watch?v=HGWpliHis7k
www.youtube.com/watch?v=UXzReYLuavg
www.youtube.com/watch?v=JWV5lkUXPBQ
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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