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Selfie Jam

Marie Davidson

Köln, Stadtgarten
22.06.2019

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Marie Davidson
Zusammen mit ihrem Gatten, Pierre Guerineau, trieb die Kanadierin Marie Davidson mit dem Projekt Essaie Pas das elektronische Artpop-Format insofern auf die Spitze, als dass sie das Prinzip der interaktiven Improvisation auf die Studioproduktionen ausdehnten - zuletzt mit dem Album "New Path". Spätestens mit ihrem Solo-Album "Adieux au Dancefloor" implementierte Marie Davidson dieses Prinzip - allerdings ganz alleine und mit deutlich weniger vokalen Anteilen - auch für sich selbst und selbstredend für ihre Live-Shows. Es setzte sich - nicht mehr besonders überraschend, aber effektiv und mit stark experimenteller Note - natürlich auch auf ihrem bisher letzten Album "Working Class Woman" fort. Für ihre Live-Shows hat sich Marie zu diesem Zweck eine Installation aus einer Reihe von Steuergeräten, Sequencern, Pads und (weitestgehend tastenlosen) Synthesizern zusammengestellt, die es ihr ermöglichen, auf der Bühne sozusagen mit sich selbst zu jammen. Im Rahmen der neuen Konzertreihe Foggy Notion war Marie Davidson nun auch im Kölner Stadtgarten zu Gast.
Hier zeigte es sich dann wieder ein Mal, dass es vielleicht keine so besonders gute Idee - bzw. eine undankbare Aufgabe - ist, ein Live-Set mit einem DJ-Set zu beginnen, speziell dann nicht, wenn es eh um Club-Musik im weitesten Sinne geht. Denn nach welcher Logik sollten sich selbst partywütige Konzertgänger dafür begeistern, das, was sie später live erleben können, zuvor als Konserve zu Gemüte zu führen? Und so fand dann das über einstündige Set der Kölner Lokalmatadorin Minjung Cho unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, denn da das Personal freundlicherweise darauf aufmerksam machte, dass Marie Davidson erst gegen 22:30 Uhr die Bühne betreten werde, blieb die Halle bis kurz vorher schlicht leer.
Wie für eine Show dieser Art nicht anders zu erwarten, war das Bühnen-Set-Up vergleichsweise minimalistisch ausgelegt. Neben dem Tisch mit Maries Equipment (und dessen beeindruckender Verkabelung), das einen Tag zuvor dafür im polnischen Katowice noch seinen Dienst versagt hatte, befanden sich nur noch einige Leuchtstoffröhren auf der ansonsten leeren Bühne. Ähnlich wie ihre amerikanische Kollegin Holly Herndon hat es sich Marie Davidson zur Aufgabe gemacht, die Stimme auf eine eher unkonventionelle Weise zum Bestandteil ihres ansonsten rein elektronischen Sets zu machen. Bei den Studioproduktionen geschieht das oft in nonverbaler, rhythmischer und lautmalerischer Weise. Im Live Set griff Marie gelegentlich zum Mikrofon, um sich - auf eine durchaus manische und zuweilen provokative Weise - mit einer Art dezidiert nicht gerappten Sprechgesang direkt ans Publikum zu wenden. Richtig singen tat sie - wie auf der Scheibe auch - nur ein einziges Mal; nämlich bei ihrem "konventionellen Pop-Song" "So Right". Übrigens: So weit wie Holly Herndon, die sich ein AI-Programm programmiert hat, mit dem zusammen sie ihre Musik kreiert, geht Marie Davidson trotz aller Hardware-Affinität nicht: Ihre Performance ist dann tatsächlich eine eher handgemachte Angelegenheit, bei der sie die verschiedenen Patterns, Basslines, Beats und Loops auf ziemlich organische Art immer wieder neu moduliert, modifiziert und kombiniert, so dass am Ende tatsächlich eine Art Jam Session mit sich selbst dabei heraus kommt. Das hat zur Folge, dass die Tracks des Öfteren in unberechenbare Bereiche abdriften - sich etwa anhören wie minutenlange Intros zu Songs, die dann gar nicht folgen oder indem sich offenbar verschiedene Rhythmen verselbständigen und gegeneinander laufen (beim Themensong "Work It" schien das z.B. der Fall zu sein.) Kurz gesagt hilft es dabei auch nicht unbedingt, wenn man Marie Davidsons Studioproduktionen oder die darauf basierenden Remixe studiert hat, denn diese zu reproduzieren ist jedenfalls nicht Maries Ziel. Stattdessen entstehen dabei immer wieder neue Facetten der verschiedenen Cold Wave Cyberpunk Flows (wie der Guardian das bezeichnet), die sie da zusammenführt. Obwohl die Performance im Gegensatz zu den Studiotracks sehr viel stärker in die Club- oder Techno-Richtung ausgerichtet sind, kommt die Sache dabei nicht als endloser Flow daher, denn die einzelnen Tracks sind durchaus voneinander zu unterscheiden, auch wenn sie ineinander übergehen. Freilich: Melodien, Balladen oder auch die experimentelleren Elemente der Studioproduktionen sucht man in einer Live-Performance von Marie Davidson vergeblich. Dafür gelingt es ihr auf der anderen Seite, mit vergleichsweise überschaubaren Mitteln das Publikum auf hypnotische Weise in ihren Bann zu ziehen und mit ihrer expressiven Darbietung den oft steril/autistischen Charakter vergleichbarer Veranstaltungen zu vermeiden.

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Surfempfehlung:
www.facebook.com/mariedavidson.official
www.youtube.com/watch?v=SPO59XCUkdg
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Marie Davidson:
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