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Holland, du hast es besser!

Valkhof Festival - 1. Teil

Nijmegen, Valkhofpark
18.07.2019

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Julia Jacklin
Holland, du hast es besser! Wenn in Deutschland Umsonst-und-draußen-Festivals veranstaltet werden, spielen dort entweder irgendwelche Wald-und-Wiesen-Indiebands, für die man guten Gewissens keinen Eintritt nehmen könnte, oder Wolf Maahn und Klaus Lage. In Holland ist das anders. Einen Steinwurf von der deutsch-niederländischen Grenze entfernt gibt es in Nijmegen jedes Jahr im Juli gleich sieben Tage lang das Beste zu hören, was die Indiewelt derzeit zu bieten hat. Auch dieses Jahr begeisterten im relaxten Ambiente des Valkhofpark erklärte Gaesteliste.de-Lieblingskünstler und solche, die es bald sein könnten, bei freiem Eintritt in einem stilistisch und logistisch perfekt abgestimmten Programm - mit ganz besonderen Highlights am Donnerstag und Freitag.
Beim Valkhof Festival geht es musikalisch Schlag auf Schlag. Ohne eine Sekunde Pause - aber bemerkenswerterweise auch ohne Überschneidungen - werden hier die kleine Boog-Bühne und die Arc-Mainstage und zu Beginn des Tages auch die Entree-Bühne bespielt: Ein einfaches Umdrehen genügt, um auf keiner der im Dreieck angeordneten Bühnen etwas zu verpassen. Für den Einstieg auf der kleinsten Bühne direkt neben dem Eingang sorgt an diesem Donnerstag eine lokale Newcomerin. Ihr Twitter-Profil weist Lisa Nobel als Pädagogikstudentin, Singer/Songwriterin und Spaßmacherin aus - und damit sind praktisch auch gleich die Eckpunkte ihres Auftritts gut umrissen. Bestens gelaunt und mit prima getimten Scherzen zwischen den Liedern ist es in ihrem Set von sanftem Fingerpicking-Folk zu den Dramen der Datingwelt nur ein Katzensprung. Dabei wird selbst dem Nicht-Muttersprachler schnell klar: Egal ob im realen Leben oder auf Tinder - ihr Liebesleben scheint Nobel viel Stoff für neue Lieder, aber nur bedingt andauerndes Glück zu bescheren. Für einen kurzweiligen Auftakt sorgt sie trotz eines gewissen Hangs zur Wiederholung aber allemal.

Problemlos punkten können im Anschluss auch die "local heroes" Snow Coats mit prima Indie-Folk, der trotz spürbar traditioneller Wurzeln keine Angst vor poppiger Eingängigkeit kennt. Im April als Support von Pinegrove bereits auch in Deutschland unterwegs gewesen, streifen Anouk van der Kemp (Gesang, Gitarre, Ukulele), Daan Ebbers (Gitarre, Banjo), Frank Petes (Bass) und Joost Ebbers (Schlagzeug) die Cranberries und erinnern bisweilen gar ein wenig an Snow Patrol, sind dabei aber auch immer auf Höhe des Zeitgeistes und haben ganz am Ende sogar das Publikum bei einer Unplugged-Mitmachnummer auf ihrer Seite. Ihr Special Guest ist gleichzeitig auch ihr heimlicher Trumpf: die Arnheimer Singer/Songwriterin Merel Hill ist als Keyboarderin und zweite Stimme mit dabei und gibt sich - nur bedingt erfolgreich - die größte Mühe, nicht alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Gleich danach folgt mit Donna Blue ein echtes Highlight auf der Boog-Bühne: "The creative duo plays sultry indie pop, under the influence of sixties yé yé, Lynch movies and old Hollywood romance - perfect for practicing those slow dance moves", lautet die Selbstbeschreibung der Band um Bart van Dalen und Danique van Kesteren, die gewissermaßen das niederländische Pendant zu Suzan Köcher's Suprafon ist. Wie schon auf ihren beiden feinen 7"-Singles erinnern Donna Blue auch auf der Bühne immer wieder an Lee Hazelwood und Nancy Sinatra, aber auch an Tim Gane und Laetitia Sadier von Stereolab, zumal sich unter englischsprachige Retro-Hits wie "Holiday" und "Sunset Blvd." auch das französische "Un, Deux, Trois" mischt. Eine Band, die man sich merken sollte!

Dann ist es Zeit für 60 Minuten Gänsehaut, denn im Spannungsfeld von traditionellem Singer/Songwritertum und modernem Indierock gibt es derzeit keine beeindruckendere Künstlerin als Julia Jacklin. Ihr Auftritt an diesem Abend unterstreicht das eindrucksvoll, obwohl, oder gerade weil sie im Vergleich zu ihrer letzten Europa-Tournee im April eine völlig neue Band hinter sich hat. Ben Whiteley am Bass, Will Kidman an Gitarre und Keyboards sowie der virtuos die Drums streichelnde Schlagzeuger Ian Kehoe sind als etatmäßige Begleiter von Tamara Lindeman bei The Weather Station nicht nur perfekt eingespielt, sie "lesen" die Lieder auch mit bemerkenswerter Souveränität und Emotionalität. Mit cool-elektrisierender Entrücktheit interpretiert Jacklin die aufwühlenden Break-up-Songs ihrer aus purer Gefühlsintensität heraus entstandenen aktuellen LP "Crushing" so, dass das leise Understatement von "Body" oder "Don't Know How To Keep Loving You" die Zuschauer mit voller Wucht trifft, sie aber nicht in den Abgrund der Gefühle reißt. "Don't Let The Kids Win", das Titelstück ihres Debüts, spielt Jacklin sogar vollkommen solo, als sei es nötig, die sagenhafte emotionale Kraft der Nummer und den so ungemein eindringlichen Gesang noch einmal extra zu betonen. Dass ausgerechnet bei dieser Nummer ein heftiger Schauer niedergeht, bei dem nicht nur das Publikum, sondern auch sie pitschnass wird, nimmt sie mit Humor: "Ich würde es euch nicht übel nehmen, wenn ihr flüchtet. Jetzt heißt es: Ich gegen Mutter Natur!" Doch die meisten bleiben, gefesselt von der unter die Haut gehenden Intensität von Songs wie "Head Alone", die für musikalische Leichtigkeit nur ganz am Schluss beim Uptempo-Schrammel-Indie von "Pressure To Party" Raum lässt. S-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l!

Musikalisches Kontrastprogramm danach auf der Boog-Bühne: The Ills sind vier Herren aus dem slowakischen Bratislava, die ein wenig so aussehen, als hätten sie nicht viel Freude im Leben. Das allerdings passt ganz hervorragend zu ihrer Musik, in der das seit 2008 aktive Instrumental-Quartett Post-Rock-Trostlosigkeit mit lautstarker Shoegaze-Wucht in betont dynamischen Tracks verbindet. Am Ende von stürmischen 45 Minuten ist das Publikum entsprechend geplättet.

Umringt von einer im wahrsten Sinne des Wortes kunterbunten Band, hat Mattiel Brown auf der Hauptbühne leichtes Spiel. Von der Journaille gerne irgendwo zwischen Jefferson-Airplane-Frontfrau Grace Slick und den White Stripes einsortiert, bugsiert die aus Atlanta stammende junge Dame mit spielerischer Lässigkeit und unterschwellig punkiger Attitüde Garage-Rock, Soul und Country-Pop der 60er ins Hier und Jetzt und begeistert so mit einem unverbraucht-frischen Sound, der gekonnt mit Retro-Ästhetik spielt und doch am Ende zeitlos ist. In Nijmegen legt sie gemeinsam mit ihren vier Mitstreitern so viel Verve und Inbrunst an den Tag, dass ihr sexy Outfit tatsächlich nicht das Aufregendste an ihrem Auftritt ist.

Nebenbei erwähnt: Während in Deutschland weibliche Acts auf Festivals immer noch viel zu oft bestenfalls Alibi-Slots zugewiesen bekommen, waren die Damen an diesem Abend im Schatten der Valkhofburg-Ruine ganz klarer Punktsieger - auch wenn das einige Fans von The Murder Capital und den Viagra Boys, die spät in der Nacht den Schlusspunkt dieses Festivaltages setzten, vielleicht anders sehen...

Weiter zum 2. Teil...

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Surfempfehlung:
www.valkhoffestival.nl
www.facebook.com/valkhoffestival
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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