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Halderner Allerlei

Haldern Pop Festival 2019 - 1. Teil

Rees-Haldern, Alter Reitplatz Schweckhorst
08.08.2019

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Haldern 2019
Das war alles mal so einfach: Die entspannte Anreise am Festival-Freitag, drei oder vier Acts auf der einzigen Bühne zum Einstimmen und am zweiten Tag dann ab Mittag der Rest des Programmes mit einem dezidierten Headliner. Diese Zeiten sind indes schon länger vorbei. Zuerst kam die Sache mit dem Spiegelzelt und dem Donnerstag als drittem Spieltag hinzu. Es folgten dann allmählich weitere Spielstätten im sogenannten "Village", dem altehrwürdigen Ortskern von Haldern, in dem zunächst die Haldern Pop Bar, dann die Kirche und später das Jugendheim als weitere Venues hinzu kamen - und abseits des Festivalgeländes dann noch das Tonstudio Keusgen für ausgesuchte Showcases. Nach mehreren halbgaren Versuchen gab es in diesem Jahr nun auch noch das Niederrhein-Tent als weiteren Austragungsort auf dem eigentlichen Festivalgelände.
Die Strategie hinter diesem Ansatz ist dabei die, das Geschehen vor der Hauptbühne - bei einem erweiterten musikalischen Angebot - für die Festivalbesucher zu entzerren und somit des - in der Vergangenheit zuweilen durchaus schon mal unangenehmen - Andrangs irgendwie Herr zu werden. Im Prinzip funktioniert die Sache auch ganz gut - allerdings um den Preis der Entspanntheit, denn heutzutage sollte man als Festivalbesucher schon Erfahrungen in Logistik, eine gewisse körperliche Kondition, viel Zeit zum Anstehen und eine unerschütterliche Geduld haben, um zum Ziel zu kommen. Und anders als früher ist es nunmehr auch physikalisch unmöglich, alle Veranstaltungen wahrzunehmen. So waren die Ausgabestellen für die Festival-Bändchen dieses Jahr bereits am Donnerstag ab 10 Uhr geöffnet und das Programm begann im Village kurz nach 12 Uhr in der Haldern Pop Bar, der Kirche und dem Jugendheim - bevor dann das Kernprogramm um 17 Uhr auf dem eigentlichen Festivalgelände los ging. Im Folgenden gibt es nun den eher subjektiv geprägten Versuch einer Chronologie des Machbaren.

Das irische Power-Pop-Trio Whenyoung hat inzwischen seine musikalische Heimat in London gefunden. Frontfrau Aoife Power und ihre Mannen fanden sich dereinst in ihrer Heimat Limerick über die gemeinsame Liebe zu Velvet Underground zusammen, bevor sie dann von Shane McGowan eingeladen wurden, auf seiner Geburtstagsparty zum 60. neben etablierten Acts wie Nick Cave oder Glen Hansard aufzuspielen. Musikalisch greifen diese Referenzen heutzutage nicht mehr. Whenyoung spielen eine druckvollen Mix aus Rock-, Punk- und ansatzweise Pop-Elementen, der im Prinzip durchaus geeignet erschien, das Publikum in der Pop Bar wachzurütteln - wenn die drei Musiker denn selbst so richtig wach gewesen wären. Zu dieser für Rockmusiker unselig frühen Zeit wirkte das Ganze dann aber eher doch als Pflichtübung.

Das Londoner Quartett Sea Girls, das unmittelbar danach im Jugendheim aufspielte, gehört zur Abteilung "Next Big Thing". Die von der BBC hochgelobte Band um den Frontmann Henry Camamiles steht schon kurz vor dem internationalen Durchbruch - inklusive Major-Deal und teilweise bereits ausverkaufter Headliner Tour - und spielten hier nun ein angenehm temperiertes Beat-Konzert, wie man es von einem klassischen Britpop-Hype schließlich auch erwartet. Insbesondere begeisterte und textsichere junge Damen im Auditorium zeugten davon, dass hier kommende Überflieger am Start waren - auch wenn die Jungs dabei für Brexits noch erstaunlich unblasiert zu Werke gingen.

Einer eigentlich unerklärlichen, aber angesagten Entwicklung trug das Haldern Pop 2019 mit dem Set der weltenbummelnden DJane Tereza Rechnung, die im folgenden in der Pop Bar auflegte. Das war dann schon etwas eigenartig - denn Live-Musik gab es ja eben nicht und auch der Umstand, dass es ja nun mal draußen hell war und die Pop Bar ja nun mal keine Disko ist, störte da irgendwo. Andererseits: Tereza machte ihre Sache insofern gut, als dass sie ihren eklektischen Stilmix mit einer souligen Note der Situation anpasste - was allerdings erst so richtig deutlich wurde, als sie dann am Abend ein zweites - vollkommen anders und deutlich elektronischer ausgerichtetes - Set im dann zum bersten gefüllten (und stilgerecht abgedunkelten) Niederrhein-Tent spielte und dort dann die Leute auch tatsächlich zum Abhotten animieren konnte.

Ebenfalls aus London stammt das nach einem Gedicht von Emily Dickinson benannte Quartett Another Sky um die charismatische Frontfrau Catrin Vincent, die mit ihrem sehr speziellen, androgynen Gesangsstil (den sie übrigens selbst als "eigenartig" bezeichnet) im Jugnedheim zumindest für Aufhorchen; aber im Zusammenhang mit dem inspiriert eklektischen Artpop-Stilmix der Band dann durchaus auch für Begeisterung sorgte. Sowohl Catrin als auch Gitarrist Jack nennen Talk Talk als musikalische Hauptinspiration - auch wenn die kollaborativ arbeitende Band die vielfältigen Elemente ihrer Musik inzwischen mit einer durchaus eigenen Note zusammensetzt. Übrigens: Als eine der wenigen Acts auf dem Festival ließen sich Another Sky nach dem Konzert zu einem Dialog mit den Fans hinreißen.

In der Kirche hatten inzwischen die Estnin Maarja Nuut und ihr musikalischer Partner Ruum ihr Equipment installiert. Kurz gesagt zehrt Maarja von den harmonischen Elementen und inhaltlichen Traditionen der Folklore ihrer Heimat. Allerdings tut sie das vollkommen unkonventionell: Obwohl sie als Instrument auf eine Geige setzt, entsteht dabei am Ende kein Folk, sondern eine lautmalerische, nonverbale Klangfläche aus organischen - aber mit einer Unzahl von Effekten getweakten - und in diesem Falle mit elektronischen Störfeuern Ruums ergänzten Sounds, die von den beiden Protagonisten in diesem Fall zu einer atmosphärischen Improvisation verwoben wurde.

Einer eher konventionelle Männerschmerz-Ästhetik fühlt sich hingegen Brian Fennell aus Seattle verpflichtet (der sich aufgrund familiärer Bezüge den walisischen Künstlernamen Syml (= simple) gegeben hat). In der Kirche nutzte der Mann die Gelegenheit mit "Girl" und "Clean Eyes" gleich zwei seiner mit klagender Falsettstimme vorgetragenen Tracks mit der Unterstützung von Cantus Domus zu veredeln und obendrein einen seiner Lieblingssongs - Leonard Cohens "Hallelujah" - in der von ihm bevorzugten Version von Jeff Buckley zu intonieren (und somit indirekt auch zum liturgischen Aspekt der Veranstaltung beizutragen).

Einen sehr schönen, friedfertigen, atmosphärischen Schlusspunkt für diesen Tag in der Kirche setzte die in Berlin ansässige Musikerin Lisa Morgenstern, die mit ihrem Mix aus lautmalerischen, elektronischen Klanginstallationen, klassisch geprägten Klavierspiel und songorientierten Stücken wie ihrem Song "Answers" genau jene Stimmung erzeugte, die man sich als Besucher bei den Konzerten in der Kirche auch erwartet. Allerdings hätte sich die Gute ruhig ein wenig kommunikativer zeigen können, denn für eine autistische Darbietung ist ihre Musik eigentlich zu schade.

Aus logistischen Gründen folgte mit dem Besuch des Konzertes des klassischen Berliner Oldschool-Hardrock-Trios Kadavar auf der Hauptbühne des Festivalgeländes dann so eine Art musikalischer Kulturschock. Ein heilsamer freilich, denn mit ihrem durchaus charmant und lehrbuchgerecht vorgetragenen, von möglichen zeitgemäßen Anbiederungen verschonten, aber um Stonerrrock und psychedelische Elemente ergänzten Hardrock-Programm jenseits der Heavy Metal-Marke trafen Christoph Lindemann und seine archetypischen Mitstreiter genau jene Art von Festivalkost, die es früher eher ausschließlich als ausnahmsweise gab.

Etwas gewöhnungsbedürftig war dann der Auftritt von Neele Needs A Holiday im Niederrhein-Zelt, der sozusagen notwendig geworden war, weil Neele in diesem Jahr die Aufgabe des verhinderten Haldern-Confereciers übernommen hatte. Gewöhnungsbedürftig war das Ganze nicht deswegen, weil Neele wirklich witzig und unterhaltsam war, sondern weil es hier eher um die Comedy als um die Musik ging. Alleine mit einer Ukulele bewaffnet arbeitete sich Neele grimassenschneidend durch eine Reihe von Vaudeville-Nummern, die man auf einem Musikfestival eher weniger gesucht hätte.

Einen erneuten musikalischen Kulturschock sahen sich all jene ausgesetzt, die es wagten, gleich im Anschluss den Vortrag des avantgardistischen No Wave-Ensembles Robocobra Quartet im Spiegelzelt zu bestaunen. Das von dem singenden (bzw. sprechenden, jaulenden, schreienden) Drummer & Produzenten Chris Ryan geleitete Projekt aus Belfast bietet dystopische Klanginstallationen mit zwei Saxophonen, Drums und Bass. Das ergibt dann kreischend/schmirgelnde, dynamisch aufgebohrte, stationäre Punkjazz-Orgien mit stachelig-männlichem Testosteron-Faktor. Das war jedenfalls nix für schwache Nerven - sprach aber deutlich für die gewaltige stilistische Bandbreite des diesjährigen Haldern Pop.

Der Grundgedanke des Haldern Pop 2019, lieber ein breit gefächertes Angebot als schwerpunktmäßige Headliner zu präsentieren, zeigte sich im Folgenden auf der Hauptbühne, wo die Youngsters von Giant Rooks ein wie gewohnt furioses und enorm selbstbewusstes Set gaben und die Massen erstmals so richtig zu Begeisterungsstürmen hinreißen konnten. Den Jungs aus Hamm scheint der Auftritt auch auf den größten Festivalbühnen nicht nur zu liegen - sie haben dabei sogar noch ihre Bodenständigkeit bewahrt und sind längst nicht so abgehoben wie z.B. Annenmaykantereit, die ja eine ähnlich erstaunliche Popularitätsentwicklung durchgemacht haben und an gleicher Stelle auch schon für Aufregung gesorgt haben. Und noch was: Die Jungs schafften es mühelos, die riesige Bühne des Festivals mit ihrer Präsenz zu füllen - anders als so macher folgende Act.

Im Zelt hatten sich derweil Patrick Wagner und seine beiden Damen Helen Henfling und Rabea Erradi - besser bekannt unter ihrem Projektnamen Gewalt - eingerichtet. Das Trio macht sich ja schon so seit einiger Zeit philosophische Gedanken zu nihilistischen No Wave Postpunk-Sounds. Im Zelt prallten da spröde Klang-Welten und Musikanten-Körper aufeinander, dass es krachte. Wagner erklärte die seltsame Ästhetik des Projekte ungefähr so, dass es Gewalt eben deswegen geben müsse, weil Leute wie er keine Disposition für die Liebe sähen. Das ist dann wohl sowas wie konzeptioneller und musikalischer Nihilismus pur. Ist aber trotzdem unterhaltsam.

Auch das Haldern Festival blieb dann nicht von einer um sich greifenden Unsitte verschont, die Festival-Booker seit ungefähr einem Jahr um die schlaflosen Nächte bringen dürfte: Die kurzfristige Absage sicher geglaubter Festival-Highlights nämlich. In dem Fall war es dann der jenseits der üblichen Marktmechanismen gereifte Dermot Kennedy, der einen Tag vor dem geplanten Auftritt krankheitsbedingt ausfiel. Der Mann hat es geschafft, jenseits des Bewusstseins des konventionell geprägten Musikfans - und ohne Veröffentlichungen - zu einem virtuellen Online-Superstar zu gereifen und wurde von vielen als potentielles Highlight gehandelt. Vergeblich. Nun mussten über Nacht der zum Glück verlässliche Haldern Veteran Faber und seine Band aus dem Urlaub geklingelt werden, um den Platz Kennedys einzunehmen. Das stellte sich aber als Glücksfall heraus. Denn zum einen hatten Faber & Co. richtig Bock, nochmal auf der Hauptbühne des Haldern Festivals rumzuturnen (und dabei einen deutlich sortierteren und solideren Eindruck zu hinterlassen als bei dem noch eher hemdsärmeligen Debüt vor einigen Jahren) und zum anderen bastelt der Meister gerade an einer neuen LP, deren Vorboten er mit seiner genialen Ballade gegen die niederen Instinkte der besorgten Bürger er in Form der gerade erschienenen neuen Single "Das Boot ist voll" herausgebracht hat. Kurz gesagt: Es darf ernsthaft bezweifelt werden, dass Dermot Kennedy an diesem Tag eine bessere Figur als "Headliner" abgegeben hätte, als der glänzend aufgelegte Faber.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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