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Reeperbahn Festival 2019 - 2. Teil

Hamburg, Reeperbahn
19.09.2019

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Alex Henry Foster
Die Vorboten des zweiten Festivaltages hatten ihre Schatten bereits am Mittwoch geworfen - als nämlich eine Schar in orangene Jumpsuits gekleidete, bärtige Herren Werbung für den Auftritt des Kanadiers Alex Henry Foster aus Toronto bei den kanadischen Showcases im Kukuun machten und dabei auch gleich Download-Cards für dessen LP "Windows In The Sky" verteilten. Dabei musste insofern der falsche Eindruck entstanden sein, dass Alex ein sensibler Songwriter sei.
Nun mag das im Grunde genommen auch zutreffen - nur äußerte sich das nicht in einer entsprechenden Darbietung. Alex, der laut Bio als Frontmann der Montrealer Alternative-Band Your Favorite Enemies, Aktivist und Sozialarbeiter, Ex-Gangmitglied und Sprecher für Amnesty International von sich reden machte, stellte nämlich gleich klar, um was es ging: Mit einer siebenköpfigen Band setzte er gleich beim ersten seiner insgesamt drei Auftritte um 11 Uhr morgens ungewohnte Akzente im Canada-House. Denn während die Veranstaltungsreihe in der Vergangenheit oft ein Sammelbecken für Americana-Songwriter gewesen war, gab es in diesem Jahr die gesamte Spannbreite der verfügbaren kanadischen Musikstile. Unter anderem eben auch den episch dräuenden, improvisatorisch ausgerichteten, progressiven Orchestral-Rock Fosters mit, nun ja, zwar keinen Pauken, aber doch zumindest mit Trompete, zwei Gitarren, regulären Keyboards und analogem Synthesizer in zehn Minuten langen Songs so ziemlich alle Dimensionen sprengte, die bislang an dieser Stelle zu beobachten war. "Normalerweise haben wir noch eine Cellistin dabei", erklärte der ansteckend begeisterte Meister nach der Show, "und dann sind unsere Stücke richtig lang." Das zeigte er dann noch ein Mal am Abend in Angie's Night Club und am Samstag mit einem Showcase-Slot auf dem Spielbudenplatz, wo er dann tatsächlich nur ein einziges Stück unterbringen konnte - das dann aber auch hinreichend beeindruckte. "Jesusmariaundjosef. Alex Henry Foster. Was für ein geiler Wahnsinn", postete Rembert Stiewe von Glitterhouse zurecht nach der Show in Angie's Nightclub.

Ebenfalls aus Kanada - allerdings aus Quebec stammt Laurent Bourque, der aber trotz seiner Franko-Herkunft auf englisch singt und sich im weitesten Sinne der Popmusik verschrieben hat. Dabei setzte der Mann in Hamburg allerdings nicht auf irgendwelche Folkpop-Varianten, sondern hantiert munter mit seinem Piano herum - obwohl er in seiner Heimat seine Laufbahn als klassischer Gitarren-Troubadour begann. Sei es drum: Das war für die Mittagszeit angemessen, tat nicht weh und lag somit natürlich auch nicht schwer im Magen. So richtig zu begeistern und mitzureißen vermochte der junge Mann allerdings nicht.

Alexandra Maillot aus Vancouver hat ihre Laufbahn als Schauspielerin begonnen, findet aber neben ihren drei Dayjobs immer auch wieder Zeit, an eigenem Songmaterial zu arbeiten. Mit einer kompletten Band mit haueigener Geigerin präsentierte sie Songs, die dann wieder an die Anfangstage der Canada-House Showcases erinnerten. Es gab blues-lastigen Folkpop, der von Alexandria voluminös und soulig ausgefüllt waren und der von der Band mit einer erdigen Note dargeboten wurde. Der Folk-Touch kam dann von der Geigerin - wie nicht anders zu erwarten.

Dummerweise laufen die kanadischen Showcases immer Parallel zu der Dutch Impact-Party am Festival-Donnerstag und dem Aussie BBQ am Freitag, die beide im Molotow stattfinden, so dass dann immer Club-Hopping angesagt ist. Das lohnte sich aber in dem Fall durchaus, da im Molotow Club Danique van Kesteren und Bart van Dalen alias Donna Blue mit Band ihren Einstand gaben. Das sympathisch schüchterne Pärchen hat sich mit Haut und Haaren einer gewissen David Lynch-Ästhetik verschrieben. Hier war der im Molotow bis zum Exzess ins Auditorium gepumpte Kunstnebel endlich ein Mal angebracht. Es gab unwirklich schönen Torch-Song-Dreampop mit 60s, Trash-Twang und frankophiler Note, die Donna Blue mit Keyboards, Elektronik aber auch Twang-Gitarre stilvoll inszenierten. Etwas überraschend - aber nicht unangenehm war dann ein Ausflug Danique's ins Auditorium, wo sie den Fans dann direkt gegenüberstand.

Keine Twang-, aber dafür eher Jangle-Gitarre konnte man dann bei den Tallies hören und sich wohlig an Johnny Marr erinnern und wenn dann auch noch der Gesang von Sarah Cogan einsetzt, kommen The Sundays wieder in den Sinn - wo sie eigentlich auch immer sein sollten. Damit wäre schon mal die musikalische Ausrichtung des Quartetts aus Toronto abgesteckt, es gibt tollen, ansteckenden IndiePop, der weniger kanadisch, sondern eher britisch klingt. Macht ja nichts, klingt super und macht riesig Spaß - egal ob hier am Nachmittag im kukuun oder bei ihrem zweiten Reeperbahn Festival-Auftritt einen Tag später im Molotow Backyard - die Tallies dürften sich eine Menge neuer Freunde geangelt haben.

Ebenfalls parallel zum Canada House fand eine Etage tiefer im Sommersalon der italienische Showcase statt. Hier präsentierte sich Julielle mit ihrer Band, zu der auch ein DJ gehörte und spielte ein angenehm temperiertes, dahingehauchtes Trip Hop- und Dreampop-Set, das Sachte in Richtung klassischer 60s Pop-Musik deutete und mit einem Hauch von Soul intoniert wurde. Dabei ist Julielle (noch) dermaßen schüchtern, dass sie kaum ein Mal die Augen öffnete und während des Vortrages eher verlegen auf den Boden oder ins Nichts blickte.

Schüchtern ist der Kanadier Jesse Mac Cormack nicht gerade. Aber während der Mann mit dem zerzauselten Haupthaar und dem unkontrollierten Bartwuchs auf dem Haldern Pop Festival noch einen eher uninspirierten Arbeitssieg einfuhr, und dabei seinem ungerechtfertigten Ruf als Blues-Rocker nachkam, schienen er und seine Band aus gleichgesinnten Outcasts beim Reeperbahn Festival richtig Lust auf ihren Auftritt zu haben und legten ein inspiriertes, ordentlich rockendes Set hin, in dem der Meister seine Vorliebe für Effektgeräte für Stimme und Gitarre ebenso hemmungslos und effektiv auslebte wie sein Faible für poppige Power-Chords und Akkord-Folgen. Sicherlich dürfte sich Jesse an dieser Stelle einige neue Fans erspielt haben. Bluesrock war das sicherlich keiner mehr.

Die aus Belgien stammende Wahlberlinerin Moli mit britischen Wurzeln war im letzten Jahr bereits ein Mal zu Gast beim Reeperbahn Festival gewesen und hatte damals erste eigene Songs aufgeführt, die sie im Folgenden auf einer EP namens "Résumé" heraus brachte. Damals präsentierte sie sich als ambitionierte Technikerin, die sich im R'n'B- und Soulpop-Genre im US-Stil versuchte. Witzigerweise erzählte sie dieses Jahr bei ihrem Auftritt auf der Viva Con Agua Stage dieselben Stories und sang dieselben Songs wie letztes Jahr - heuer aber mit einer gewissen Nonchalance und auf charmante Weise poppig.

Sehr charmant war auch Marie Fjeldsted aka Penny Police aus Dänemark, die im Headcrash direkt mit einem Mini-Orchester angereist war und ihre ambitionierten Folkpop-Kompositionen eindrucksvoll darbot. Marie schafft es spielend, direkt eine angenehme, entspannte Atmosphäre in der all der Hektik der Reeperbahn zu erschaffen. So lässt man sich doch gerne mit in ihre ganz eigene Welt nehmen.

Etwas befremdlich war es natürlich schon, dass die österreichische E- und Jazzpop-Band 5K HD ausgerechnet im Indra Club auftraten - "where the Beatles played first" wie es bis heute im Banner des Clubs heißt, denn mit Beatmusik hatte das improvisatorische und technisch anspruchsvolle Set des Quintetts nicht viel zu tun. Die Kraft von 5K HD entsteht im spielfreudigen Miteinander, dem abenteuerlichen Verbiegen von Sounds und Erwartungshaltungen; dem ätherischen Gesang von Mia Lu Kovacs auf der einen Seite und einer geradezu apokalyptischen aber mitreißenden Band-Dynamik auf der anderen. Und egal wie doof man den Projektnamen nun finden mag: Sounds wie die von 5K HD bekommt man wahrlich nicht alle Tage zu hören. Nicht mal auf dem Reeperbahn Festival.

Was man aber durchaus bekommt, ist ab und zu ein Klingeln in den Ohren, wenn mal wieder jemand die Verstärker aufdreht und eine Menge Effekte auf die Gitarren legt. Just Mustard aus Irland machen so etwas zum Beispiel - und das klingelte teilweise schon ganz gut, vor allem in der kleinen Molotow SkyBar. Man fühlt sich leicht an My Bloody Valentine erinnert, wenn Gitarrist David Noonan auf seiner Fender Jaguar loslegt und Sängerin Katie Bell versucht, dagegen anzukommen. Dazu noch ein polterndes Schlagzeug und tolle Bass-Linien. So lässt man sich gerne wegblasen.

Wenn man Suzan Köcher und ihre Band schon länger verfolgt, dann kann man inzwischen eigentlich nur noch den Hut ziehen, wie gut sie mittlerweile geworden sind. Zusammen mit Julian Müller, Jens Vetter und Alfie Joy aktiviert sie das Suprafon und los geht die psychedelische Fahrt. Selbst ältere Songs erhalten durch den erweiterten Sound eine andere Dimension, eingespielt sind die vier mehr oder weniger blind - es macht einfach Spaß, sich mitreißen zu lassen von den tollen Gesangs- und Gitarren-Melodien. Mehr davon, immer weiter.

In Angie's Nightclub - der einzigen Spielstätte des Festivals, wo man unerklärlicherweise rauchen darf und bei der es oft auch keine endlosen Warteschlangen gibt - hatte sich die Belgierin Slyvie Kreusch aus Antwerpen mit ihrem Gitarristen und dessen Stadtteil-sprengendem Effektpedal eingerichtet. Eigentlich so erklärte Sylvie, spiele sie ansonsten mit einer kompletten Band und müsse diese nun für diesen Auftritt leider alleine emulieren. Dabei gab sich die Gute alle Mühe und tobte wie ein wild gewordener Derwisch über die Bühne. Prinzipiell gab es Indie-E-Pop mit einer interessanten orientalischen Note, der sich mit Loops und Samples - wie Sylvie selbst - in orgiastischer Manier in die Extase steigerte. Allerdings sorgte der Gitarrero dabei beherzt und mit viel Twang und Drive für eine regelrecht rockige Note. Insgesamt war das - auch ohne Band - ein durchaus attraktiver Mix.

Gleich Nach Sylvie bauten dann Alex Henry Foster und sein Ensemble ihre umfangreiches Equipment auf, um dann mit dem Ausruf "We are Canadians but we come in peace" jenes ziemlich legendäre Konzert zu spielen, das dann für den Eingangs erwähnten Begeisterungstweet von Rembert Stiewe führte.

Solche Konzerte wie das von Pink Milk in der kleinen Pooca Bar sind auch immer wieder kleine Highlights des Reeperbahn Festivals - das Duo aus Schweden hat sich dem Dark Wave und Post-Punk verschrieben und Erinnerung werden wach an Cocteau Twins, wenn Drummerin Maria den Gesang übernimmt und ihr Partner Edward mit seiner Gitarre und entsprechenden Effekten die Sound-Wand aufbaut und wieder abreißt. Da passt es auch, eine abgedrehte Version von Foreigners "I Want To Know What Love Is" von den beiden präsentiert zu bekommen.

Tag zwei des Reeperbahn Festivals endete dann für uns mal wieder im Molotow, diesmal im Backyard mit Bloxx aus England. Ophelia, Taz, Paul und Moz haben Bock und das zeigen sie direkt von der ersten Sekunde an. Alternative, Indie Pop, Rock geben sie als Genre an, und das passt. Hier wird gerockt, die Gitarre in allen nur erdenklichen Positionen gespielt und Ophelia besitzt die entsprechende Bühnenpräsenz - besser kann man sich nicht auf den nächsten Tag eingrooven.

Weiter zum 3. Teil...

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Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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