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Reeperbahn Festival 2019 - 4. Teil

Hamburg, Reeperbahn
21.09.2019

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Sports Team
Eine Neuerung auf dem diesjährigen Reeperbahn Festival war ein dritter Tag im Canada House. Für diesen Anlass hatte die Canadian Independent Music Association eine Gruppe von First-Nation-Künstlern eingeladen, die ihre Musik und ihre Kultur dem Publikum präsentieren. Die Veranstaltung begann damit, dass einige der anwesenden Künstler Passagen aus Büchern von indigenen Autoren vortrugen und dazu erläuterten, warum sie diese Stellen ausgewählt hatten. Das nutzten die Künstler - die allesamt auch als Aktivisten tätig sind -, auch auf die Probleme hinzuweisen, denen sich die kanadischen First Nations ausgesetzt sehen, darunter vor allen Dingen die Schwierigkeit, an unverschmutztes Wasser zu gelangen. So berichtete etwa Adrian Sutherland, der Frontmann der First Nation Band Midnight Shine davon, dass es in seiner Kommune bei Winnipeg nach wie vor kein fließendes Wasser gäbe und seine Leute das Wasser direkt aus Flüssen und Seen entnähmen, die wegen der zunehmenden Verschmutzung insbesondere durch Fracking Aktivitäten stark kontaminiert seien.
Nach dem politischen Bildungsprogramm gab es ein Konzert der langjährigen Singer-Songwriterin Leela Gilday, die sich in ihren Songs auf die Traditionen, Legenden und spirituellen Gegebenheiten ihrer indigenen Herkunft in der Gemeinschaft der Dené bezieht, in der sie bereits im Alter von acht Jahren begann, musikalisch tätig zu werden. Freilich bilden die folkloristischen Themen heutzutage nur noch einen Rahmen, in dem sie ihre Folkpop- und Roots-Rock-Songs anrichtet. In der Tat ging es bei diesem Set dann auch keineswegs um reine Folklore-Seligkeit, sondern eher um Protestsongs im Americana Format. Dass Leela - nicht besonders überraschend - Buffy Sainte-Marie als Inspirationsquelle anführte, war dabei deutlich herauszuhören.

Eine bereits zur schönen Gewohnheit geworden ist die Präsentation der "Best Of Showcases" am letzten Festivaltag. Dort werden Acts, die zuvor schon gespielt haben und noch anwesend sind, im Tagesverlauf nochmals mit einem kurzen Showcase gewürdigt. Dieses Mal an prominenter Stelle - nämlich auf der Spielbuden-Bühne. Dort spielte z.B. die aus Bern stammende Schweizerin Ayu mit ihrem hyperaktiven Drummer und einem DJ ein mitreißendes Set, bei dem es aber nicht nur Dance-Moves und entsprechende Beats zu begutachten gab, sondern auch "richtige" - d.h. ausformulierte - attraktive und als solche zu erkennende Popsongs als Basis für das kinetische Animationsprogramm Ayus. Danach kam es zum Eklat, als nämlich das Frankopop-Duo La Chica nahezu die ganze zur Verfügung stehende Zeit mit einem Soundcheck vertändelte (obwohl es eigentlich nur ein Keyboard einzustöpseln galt) und sich dann wunderte, dass die Produktionsleitung schon nach einem Track zum Verlassen der Bühne aufforderte; wogegen sich Sophie Fustec und ihr Tastenmann zunächst lautstark und vulgär stemmten, bevor ihnen dann der Saft abgedreht wurde. Das hatte freilich seinen Grund, denn in dem eng getakteten Zeitplan gibt es keine Toleranz für Eskapaden einzelner Acts. Schließlich haben auch die nachfolgenden Musiker das Recht auf die ihnen zustehenden 15 Minuten. In dem Fall waren das zudem Alex Henry Foster und sein Musiker, die zudem ihr umfangreiches Material aufbauen mussten - was dann in Rekordzeit und Soundcheck on the fly gelang. Wieder begrüßte Alex das Publikum mit "We are Canadians and we come in peace" - konnte sich dann aber - mit Verweis auf die vorangegangene Palastrevolution - nicht verkneifen zu bemerken, dass er gelernt habe, dass man in Deutschland das Bühnenpersonal nicht mit "F**k Yous" begrüße. Es folgte dann ein beeindruckender, mitreißender Kurzgig, der aus einer einzigen, songbasierten Jamsession bestand und in seiner Intensität noch mal alles in den Schatten stellte, was die Band zuvor schon demonstriert hatte. Die Musiker selbst schienen von der autonomen Energie des Sets überrascht zu sein und steigerten sich grinsend und schweißtriefend in eine extatische Trance. Kurz gesagt: So muss Live-Musik sein.

Im Molotow hatte derweil bereits die ebenfalls zur Institution gewordene Backyard-Party begonnen. Wie gewohnt souverän präsentiert von dem poetisch beflügelten Radiomann Klaus Fiehe absolvierte dort Ali Barter mit ihrer Band bereits ihren dritten Festival Gig. Was diesen von den anderen beiden Auftritten unterschied, war der Umstand, dass man Ali und ihre Musiker hier endlich auch mal sehen konnte. Klaus Fiehe hatte eingangs verraten, dass es auf Alis kommenden Album um die Selbstfindung gehen wird - was dann die persönlichere Natur der neuen Songs erklärte. Nicht, dass das wichtig gewesen wäre, denn wieder stand die druckvolle Darbietung der riff-orientierten Powerpop-Songs im Zentrum.

Eine andere Art von Power-Pop - nämlich eine deutlich rock-orientiertere - präsentierte anschließend die Dänin Rebecca Lou mit ihrer Band auf der Viva Con Agua Hangout Stage. Das Zufallspublikum auf dem gut gefüllten Spielbudenplatz schien zunächst etwas irritiert von der hochenergischen No-Nonsense-Rockshow des Ensembles, das - in klassischer Lederkluft un Sonnenbrillenbewährt - hart am Rande der Punk-Ästhetik agierte. Im Prinzip war das aber ein freundlicher musikalischer Tritt in den Allerwertesten als Werbung für die am Abend stattfindende Show im Indra Club. Neben Velvet Volume (und auf ganz andere Art auch Penny Police) erwiesen sich Rebecca Lou als würdige musikalische Botschafter ihrer skandinavischen Heimat - was so Einiges für das nächste Jahr erwarten lässt, in dem Dänemark das Partnerland des Festivals sein wird.

Anti-Sexismus, Anti-Fundamentalismus, Anti-Faschismus - dafür stehen Summer & The Giantess aus Hamburg. Das Trio hat einiges zu sagen, zeigt Missstände auf, behandelt aktuelle Themen (Trump, Johnson) in den Texten und dass so etwas nicht unbedingt leise vonstatten gehen kann, ist nur verständlich. Gegen das, was die Band hier in der Filiale der Hamburger Sparkasse auf der Reeperbahn an Lautstärke und Intensität veranstaltet hat, dürfte ein Börsen-Crash nur ein leichtes Ruckeln darstellen - hier geht es durchaus gerne mal in den Punk-Rock-Modus, daneben gibt es aber auch leisere Passage, mal wird geschrien, mal mit ein wenig Soul eine Melodie gesungen. So unterschiedlich wie das Leben sein kann, so geht es auch in den Songs zu. Mehr davon!

Nachdem das Personal im FC St. Pauli Fanshop auf der Reeperbahn zig Mal betonen musste, dass es hier keine Getränke und auch keine Toilette für die Besucher des Festivals gibt (schließlich ist es ein Klamotten-Laden), konnten die Die Kerzen aus Ludwigslust bzw. Berlin also endlich ihr amüsantes Programm starten. Hier gibt es lockeren Pop mit einigen 80er-Refenzen, vor allem was die Keyboard-Sounds betrifft. Manchmal war es vielleicht zu viel der Sabbelei zwischen den Songs, aber nun gut, das gehört anscheinend dazu.

Eine noch relativ neue Addition des Reeperbahn Festivals sind die Palms & Circumstances-Sessions des Nothing But Hope And Passion Musikblogs im L'Tur Reisebüro. Hier präsentieren die Macher seit letztem Jahr ausgewählte Acts für halbstündige Sessions. Es geht hier aber nicht einfach um Akustik-Showcases, sondern um eine interaktive, moderierte Show, bei der die Musiker mit einem Keyboard und einer Krabbelkiste konfrontiert werden, in der sich potentielle Songtitel befinden. Die Musiker werden dann gebeten, spontan Songs zu diesen zu komponieren - oder sonst etwas Lustiges zu machen. In diesem Jahr waren zum Beispiel Olivia Bartley alias Olympia und Cari Cari zu Gast. Olivia präsentierte ein "Game Of Thrones"-Buch, komponierte Songs zu dem Thema "Spanner am Fenster" oder "Spinnen aus dem Weltall" und erzählte die haarsträubende Geschichte von einem Mann, der sich den Traum erfüllte, an seinem Geburtstag an Ballons aufzusteigen und dann vor Aufregung seine Luftpistole fallen ließ, mit der er sich durch das Abschießen von Ballons wieder absenken wollte, woraufhin er nach seinem Absturz von der Polizei verhaftet wurde. "Und die Moral von der Geschichte", erklärte Olivia abschließend grinsend: "Habt keine Träume!" Alex und Stephanie von Cari Cari erzählten von ihren bewusstseinserweiternden Erlebnissen im australischen Outback, wo sie sich mit dem Vortragen von Reinhardt Fendrich-Stücken über Wasser hielten, improvisierten einen Wurstsemmel-Blues und spielten einen Bob Dylan-Song, zu dem Stephanie eine Mund-Blaskapelle improvisierte. Das Ganze kann man sich dann demnächst auch noch mal auf YouTube zu Gemüte führen.

Eine lange Schlange konnte man dann vor der Großen Freiheit 36 entdecken - alle wollten The Subways mal wieder sehen. Sofort von der ersten Sekunde an hatten die drei natürlich das versammelte Publikum im Griff, Charlotte Cooper rast wie immer quer über die Bühne und spielt dabei noch locker den Bass (immer wieder beeindruckend), Billy Lunn singt und spielt sich die Seele aus dem Leib - alles also wie immer bei den Subways. Bestes Samstagabend-Programm auf der Reeperbahn.

Nach ihrem Auftritt bei Palms & Circumstances musste sich Olivia Bartley sputen, zum Nochtspeicher zu gelangen, um dort mit ihrer Band Olympia noch ein abschließenden Reeperbahn-Gig zu spielen. Zwar hatte dort zuvor die Londoner Post-Punkband Squid den Club offensichtlich in eine Sauna verwandelt. Der leistungsfähigen Klimaanlage sei Dank wurde die Atmosphäre während des Changeovers aber wieder auf ein akzeptables Maß gebracht. Erneut in einem neuen, beeindruckenden Rockstar-Outfit gewandet, ließen Olivia und ihre Mannen erneut ordentlich die Rock-Sau raus. Zwar spielte die Band hierbei die gleichen Songs wie Tags zuvor im Molotow - jedoch leistete man sich hier den Luxus, die einzelnen Nummern auch mal ein wenig auszuwalzen und eine Zugabe zu geben (eigentlich ein No No auf dem Festival). Zwischen den Songs legte sich Olivia mit einem redseligen Fan namens Dave an - der ihr zum Beispiel vorwarf, "wie ein Unternehmen" auszusehen, nachdem sie sich weigerte, ihren echten Namen zu nennen - woraufhin sie diesem mit den Worten "Ich habe das Gefühl, dass du hier meine Zeit stiehlst" augenzwinkernd das Wort entzog. Das Ganze war dann ein würdiger Old-School-Abschluss für ein ereignisreiches Festival. "Und - schaust du dir jetzt noch was anderes an?", fragte Olivia nach der Show. Die Antwort darauf konnte freilich nur lauten: "Nach dieser Show? Nein - warum denn?"

Zeitgleich allerdings spielt das Sports Team im Molotow Club - und dieser Auftritt war mit Sicherheit auch ein würdiger Abschluss eines wieder mal tollen Reeperbahn Festivals, wenn auch ganz anders als Olympia natürlich. Das Sixpack aus Cambridge um Sänger Alex Rice hat schon für einiges an Aufregung auf der Insel gesorgt, meist durch Mund-zu-Mund-Propaganda bzw. über die sozialen Netzwerke. Von aufregenden Live-Shows war da immer zu lesen bzw. entsprechende Video-Schnipsel zu sehen - das war allerdings nichts im Vergleich, was die Band hier im Molotow ablieferte. Passend zu Robbie Williams’ "Let Me Entertain You" nehmen sie die Bühne ein und ebenso wie Robbie lassen sie es krachen. Mit Songs wie "Kutcher", "M5" und "Fishing" im Gepäck können sie mit energetischen IndieBritRock mehr als nur punkten, das war eine einzige wilde Sause. Allen voran natürlich Alex Rice, der immer am Rande des Wahnsinns ist, auch mal ins Publikum springt, aber immer auch noch ein wachsames Auge auf die erste Reihe hat, damit sich niemand verletzt. Die zwei Gitarristen, die Drummerin, der Bassist und der amüsante Keyboarder (der nie eine Miene verzieht - entfernt werden Erinnerungen an Bez von den Happy Mondays wach) sorgen für das musikalische Grundgerüst und sind natürlich ebenso wie Alex Rice sehr aktiv auf der Bühne. Auch hier konnte die Antwort auf die Frage, was man sich denn jetzt noch ansehen möchte, nur lauten: "Nach dieser Show? Nein - warum denn?"

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Text: -Ullrich Maurer / David Bluhm-
Foto: -David Bluhm-


 
 

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