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Wonderful Roots

Take Root Festival

Groningen, De Oosterpoort
02.11.2019

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Robert Ellis
Geradezu mustergültig demonstrierten die Macher des Take Root Festivals im niederländischen Groningen in diesem Jahr, wie man mit einer exakten Zeitplanung, ausgeklügelter Logistik und planerischer Flexibilität ein prall gefülltes Tages-Festival ohne nennenswerte Reibungsverluste und aufgezwungene Stressfaktoren organisieren kann. Nachdem in den letzten Jahren der zunehmende Zuspruch seitens des Publikums dazu geführt hatte, dass auf dem Festival ein hektisches Treiben sowohl auf wie auch vor den Bühnen und dazwischen (etwa bei den Catering- und Merchständen) herrschte, hatte man in diesem Jahr auf einen alten Trick zurückgegriffen, und die einzelnen Konzerte jeweils in mehreren Spielstätten (von denen es mittlerweile sechs unter einem Dach gibt) gleichzeitig anfangen lassen. Zwar war es so unmöglich, sich etwa alle Acts anzuschauen - es führte aber dazu, dass die Publikumsströme entzerrt wurden, da man sich schließlich für eine der angebotenen Varianten entscheiden musste. Obwohl ausgerechnet die angepeilte Headlinerin - Brandi Carlisle - abgesagt hatte, war es der Take Root-Leitung gelungen, in wenigen Tagen mit den Roots-Rock-Veteranen Drive-By Truckers und den jungen Wilden des Genres - den Quakler City Night Hawks - attraktive Headliner-Aspiranten an Land zu ziehen. Auch ansonsten war das Take Root 2019 programmatisch gut und ausgewogen aufgestellt - mit einer gesunden Mischung aus Singer/Songwriter-, Country- und Roots-Rock Acts, Solo-, Duo- und Band-Projekten und einem relativ hohen Anteil an weiblichen Acts (was in dieser altgedienten Männerdömäne ja eher ungewöhnlich ist).
Los ging es zeitgleich mit drei Acts, die sich der Kategorie Singer/Songwriter zurechnen ließen: Caroline Spence aus Nashville bot mit ihrer Band (zu der auch Songwriter-Kollege und Gitarrenvirtuose Charlie Whitten gehörte) eine gesittete Alt-Country-Pop-Variante, für die ihre hohe Sopranstimme, die an die großen Vorreiterinnen wie Emmylou Harris oder Patti Griffin erinnert, wie gemacht schien. Anstatt sich der kommerziellen Nashville-Szene anzuschließen (die ja heutzutage eher zu einer schnieken Pop-Fabrik geworden ist) hat sich Caroline ihre Bodenständigkeit bewahrt und ist beim klassischen, Folk-orientierten Old-School-Storyteller Ansatz geblieben. Freilich versetzte der gut gelaunte Charlie Whitten mit seinen Gitarrenkünsten das Ganze dankenswerterweise auch gelegentlich ins Country-Rock-Setting.

The Rails ist das Projekt von Kami Thompson (der Tochter von Richard und Linda Thompson) und ihrem Gatten James Walbourne. Gerade ist das neue - vergleichsweise rockige - Album "Cancel The Sun" erschienen, das Kami und James in den USA auch schon live präsentiert hatten. Leider war in Groningen keine Band mit dabei, so dass das Londoner Paar eher die folkigen Aspekte ihres Tuns betonten. Freilich: Wer The Rails schon ein Mal live gesehen hatte, den dürfte es dann nicht überrascht haben, dass das Duo sein Material trotzdem mit einer gehörigen Portion Inbrunst und Energie präsentierte. Irgendwie schien in diesem Set der Jet Lag zu sitzen - oder aber es lag daran, dass The Rails ihr Set im wuseligen Foyer produzierten, wo es fluktuationsbedingt ziemlich unruhig ist; jedenfalls machten Kami und James nicht den Eindruck, dass sie besonders begeistert zur Sache gingen, was die Sache dann (trotz des ausgezeichneten Songmaterials) eher zu einem soliden Arbeitssieg werden ließ.

Im recht großen "kleinen Saal" präsentierten sich derweil Natalie, Meegan und Allison Closner - besser bekannt unter ihrem nach ihrem Geburtsort benannten Künstlernamen Joseph; und zwar - wie nach der Veröffentlichung der neuen LP "Good Luck, Kid" fast schon nicht anders zu erwarten - als musikalische Identitätskrise. Denn während die LP hemmungslos in Mainstream Richtung Pop produziert worden war, präsentierte sich das Geschwistertrio (zwar im neuen, dem Pop-Sektor angepassten, aufgepimpten Look) - ganz so als habe es diese LP gar nicht gegeben - wieder in ihrem ursprünglichen, auf den traumhaften Harmoniegesang basierenden, akustischen Folksetting. Unterstützt von nur einer Gitarre ging es hier schlicht nur um die Stimmen der Damen. Die musikalische Diskrepanz zwischen Bühnenpräsentation und Studio-Produktion hätte nicht größer sein können. Einerseits war das beruhigend - aber auch irritierend, denn wohin die Mädels eigentlich wollen, wurde so ja keineswegs klar.

In der neuesten Spielstätte, dem sogenannten "Attic" machte sich derweil Molly Tuttle mit ihrer Band fertig für den Auftritt. Obwohl die Mittzwanzigerin gerade eben erst ihr Solo-Debütalbum "When You're Ready" veröffentlicht hat, hat Molly schon eine beachtliche musikalische Laufbahn vorzuweisen. Denn bereits im Alter von 11 Jahren begann Molly in der Band ihres Vaters, des Bluegrass-Musikers Jack Tuttle zu spielen. Es waren dann wohl auch die Erfahrungen im Bluegrass-Sektor (zuletzt mit ihrem Damen-Trio The Goodbye Girls), die dazu führten, dass Molly Tuttle heutzutage wohl zu einer der versiertesten, flinksten, virtuosesten und inspiriertesten Gitarristinnen im Folkpop-Sektor heranreifte. Jedenfalls überwältigte die junge Dame das anwesende Publikum nicht nur mit der Qualität ihrer Songs und ihrem lebensbejahend jubilierenden Gesangsstil, sondern vor allen Dingen mit der magischen Qualität ihres genrehüpfenden Gitarrenspiels. Für viele war dieser Auftritt die Offenbarung schlechthin. Obwohl es zwischen den Stücken natürlich stürmischen Applaus gab, waren dennoch durchgängig die Geräusche von herunterklappenden Kinnladen aus dem Auditorium zu vernehmen.

Währenddessen hatte Josh Ritter mit seiner Gitarre und seinem spitzbübischen Charme (und ansonsten eigentlich nichts) den großen Saal - immerhin die größte Halle im Oosterpoort - fest im Griff. Sein erklärtes Ziel dabei war (und das sagte er wörtlich) "so viele Worte wie möglich" in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit unterzubringen. Das bezog sich natürlich nicht auf belangloses Gequassel oder coole Sprüche, sondern auf die wortreichen Lyrics des Meisters, die dieser mit beeindruckender Souveränität und scheinbar ohne Anstrengung in seinen Songs verarbeitet. Nach einem für viele sicherlich viel zu kurzen Set verabschiedete sich Josh mit seinem vielleicht ungewöhnlichsten, anrührendsten Song "The Curse" - in dem es um die tragische Liebesgeschichte zwischen einer zum Leben erwachten Mumie und einer Muserumskuratorin geht.

Erheblich bodenständiger - und rockiger - ging es dann beim Set von Lily Hiatt (immerhin der Tochter von Songwriter-Legende John Hiatt) zu. Lily hatte keine Mühe, das Publikum im nach wie vor unübersichtlichen Foyer mit ihrem soliden Roots-Rock-Power-Pop in Beschlag zu nehmen. Tatsächlich schoss sie dabei eher sogar vielleicht ein wenig über das Ziel hinaus, denn in Sachen Posen, Grimassen-Ziehen und Schweinerock-Momenten war sie den nachfolgenden Herren-Acts um deutlich mehr als eine Nasenlänge voraus. Dennoch: Wer nach unterhaltsamer, kurzweiliger Gitarrenmucke suchte, kam hier gewiss auf seine Kosten, denn Lily und ihre Mannen gingen mit großer Begeisterung als Überzeugungstäter an die Sache heran.

Und das wurde hier deutlicher als beim folgenden Set von Son Volt in der großen Halle. Die von Alt-Country-Legende und Americana-Mitbegründer Jay Farrar geleitete Band tritt ja in unseren Breiten nicht so besonders oft in Erscheinung. Dennoch schien Farrar an diesem Tag nicht mehr als die im ersten Track besungenen "99 %" von der neuen LP "Union" besingen zu wollen. Ohne Frage gab es da soliden Roots-Rock im klassischen Neil Young-Setting - allerdings agierten Son Volt ganz schön selbstverliebt vor sich hin und irgendwie wollte der Funke nicht so richtig auf das Publikum überspringen, was auch daran gelegen haben mochte, dass sich Jay Farrar (mit Sonnenbrille) und seine Musikanten selbst genügten und es nicht für notwendig befanden, in besonderer Weise auf das Publikum einzugehen. Übrigens: Der Blues, dem Farrar auf den Alben "Hibky Tonk" und "Notes Of Blue" noch ausgiebig frönte, ging bei diesem Auftritt fast vollständig im Rock-Setting auf.

Ein echtes Highlight boten schließlich Lera Lynn und ihr Partner Todd Lombardo aus Nashville mit ihrem Set in großen kleinen Saal. Zwar hatte Lera Lynn im Vorfeld der Tour bereits einen neuen Titel namens "Dark Horse" veröffentlicht - die eigentliche Überraschung war dann allerdings die Tatsache, dass sie einräumte, auch ein neues Album bereits fertig eingespielt zu haben - von dem dann gleich mehrere Stücke den Weg auf die Setlist fanden. Nachdem Lera ihr letztes Album - "Plays Well With Others" - als Duett-Werk aufgefasst hatte, sind die neuen Stücke dieses Mal alle im Alleingang im heimischen Studio entstanden. Zwar traten Lera und Scott alleine auf, hatten jedoch mehrere Gitarren, einen Bass und eine "Band In The Box" dabei, womit es ihnen gelang, das Sound-Design recht füllig zu gestalten. Folk war das trotz des relativ überschaubaren Settings nun wirklich nicht. Überhaupt hält Lera ja auch nichts von Genres - und so vermischten sich da alle möglichen Elemente aus Rock, Folk, Country und sogar Jazz in ihrem typisch undurchsichtigen - aber gerade deswegen auch bemerkenswert vielseitig orientierten Americana-Noir-Universum, durch das sie die Zuhörer mit souveräner Übersicht, einer Prise Selbstironie und manchmal einigen gefährlichen Untertönen führte (immerhin ging es in Songs wie "Make You OK" auch um ernste Themen wie Drogenabhängig). Immerhin: Dem Publikum sagte dieser Mix offensichtlich zu, denn Lera verbrachte im Anschluss eine gute halbe Stunde damit, den Fans Autogramme zu geben und/oder Fotos zu machen.

Das führte im Folgenden dazu, dass der nächste Act - Robert Ellis - bereits mit seiner Band in den Startlöchern stand. Robert, der bereits zum dritten Mal auf dem Take Root Festival aufspielte, gehört dabei offensichtlich zu jener Spezies von Künstlern, die mit ihrem Publikum auch mal einen Witz machen. Denn während der Mann bislang als ganz normaler Singer/Songwriter in Erscheinung getreten war, hatte er sein letztes Werk - "Texas Piano Man" - mit mehr als einem Hauch von Liberace als Americana-Piano-Pop-Album inszeniert. Inklusive weißem Tuxedo und Glitterschminke. "Ich bin ein professioneller Performer und habe alles unter Kontrolle", erklärte Ellis im folgenden gleich mehrfach selbstironisch, um dann sein Programm mal als Texas Guitar Man wie früher, aber hauptsächlich eben als Piano Man im Grand Ole Opry-Stil zu zelebrieren. Dazu gehörte, dass er neben den Tracks von "Piano Man" auch alte Songs wie "California" ebenso in diesem Setting darbot wie auch Coverversionen wie beispielsweise George Straits "Amarillo By Morning". "Macht euch aber keine Hoffnung, wenn ihr das Stück kennt", schmunzelte Robert, "wir spielen es nämlich auf unsere Weise - was euch auch nicht hilft, wenn ihr es nicht kennt. Es ist also eine 'lose/lose'-Situation für euch." Das galt dann überhaupt nicht mehr, als Ellis eine ganz und gar unsentimentale, unironische und somit durchaus ernst gemeinte Version von "It's A Wonderful World" präsentierte und damit das Thema des Tages eigentlich ganz schön zusammenfasste. Insgesamt war das alles ganz schön verrückt. Aber auf eine durchaus sympathische und kontrollierte Weise (denn Ellis ist ja ein professioneller Performer, der weiß was er tut).

Verrückt war dann auch der Auftritt von Garrett T. Capps und seinem Nasa Country Kleinorchester. Verrückt war das dann aber dieses Mal auf eine rumpelige, chaotisch unstrukturierte und kaum kontrollierte Art. Irgendwie war Capps auf die Idee gekommen, in seiner psychedelischen Country-Kapelle einen Synthesizer mit einzubauen, was dazu führte, dass sich seine torkelnden Space-Age-Country-Jams teilweise anhörten, als stürze da ein Raumschiff unter schwersten technischen Problemen ab. Davon aber mal abgesehen erinnerte das Ganze in seiner naiv/unbekümmert dahin mäandernden Art dann aber an die Exploitationen des seligen Sir Douglas Quintetts. Dieser Gedanke war aber noch nicht ganz ausgereift, als Capps schon ankündigte, dass er als nächstes ein Stück von seinem großen Idol Doug Sahm spielen wolle. So viel also zum Thema Self Fulfilling Prophecy.

Ebenfalls ein wenig verrückt, dieses Mal aber auf eine sympathisch gutgelaunte Party-Manier, ging es beim parallel stattfindenden Gig der Quaker City Night Hawks zu. Die Texaner hatten es nämlich irgendwie geschafft, mit ihrem progressiven Space-Boogie und mächtig groovenden Southern Rock die jüngeren Leute im Publikum (bzw. das, was bei einer solchen Veranstaltung als "jung" durchgeht) für sich zu gewinnen, die vor der begeisterten Musikanten den Bereich vor der Bühne im Foyer in eine einzige Tanzfläche verwandelten. Tatsächlich fand das Festival auf diese Weise mit einer kollektiven Party seinen Ausklang - was in Anbetracht dessen, dass Musiker und Publikum zu diesem Zeitpunkt ja schon seit ungefähr acht Stunden in Sachen Musik tätig gewesen waren, zumindest bemerkenswert war.

Die Zeit war also vergangen wie im Fluge - und irgendwie hatte man das Gefühl, dass viele sogar freiwillig gerne noch da geblieben wären. Aber es gibt ja immer auch ein nächstes Mal.

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www.facebook.com/TakeRootFestival
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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