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Rhiannon Giddens

Köln, Kulturkirche
07.12.2019

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Rhiannon Giddens
Bei ihrem letzten Besuch in der Domstadt predigte Rhiannon Giddens (damals unterstützt von einer fünfköpfigen Band) noch ihren ganz eigenen Gospel - tauchte aber damals bereits tief ein in die Historie der dunkelhäutigen Mitbürger ihres Heimatlandes, die sie auf ihrem damaligen Album "Freedom Highway" bereits thematisch aufgegriffen hatte. Auf ihrem aktuellen Album "There Is No Other", das sie zusammen mit ihrem italienischen Kollegen, dem Multiinstrumentalisten Francesco Turrisi einspielte, wird dieser Diskurs nun fortgesetzt und intensiviert. Bei dem gemeinsamen Konzert in der Kölner Kulturkirche ging es dann nicht nur darum, die Traditionals, Treatments und Eigenkompositionen des neuen Album (sowie einige Favorites aus Rhiannons langer Karriere) in zum Teil wagemutigen, abenteuerlichen und faszinierenden, akustischen Arrangements zu präsentieren, sondern auch darum, diese in einen musikhistorischen und politischen Kontext zu stellen. Insofern war diese Veranstaltung fast schon nicht mehr als Musikkonzert zu bewerten, sondern als eine Art Vorlesung mit praktischen Beispielen.
Die Sache ist dabei die: Rhiannon Giddens ist ja nicht so sehr als Songwriterin unterwegs, sondern versteht sich als Kuratorin der Traditionen und der Geschichte ihres Metiers. Das demonstrierte sie an diesem Abend am Beispiel ihres Leib- und Magen-Instrumentes: Dem Banjo. Erst am Tag zuvor hatte sie in Amsterdam der Tropenmuseum besucht, um dort das älteste existierende Banjo - eine Creole Bania von 1776 aus der ehemaligen niederländischen Kolonie Surinam - zu studieren. In Köln nun erläuterte Rhiannon die Geschichte des Banjos - das sie somit weniger wegen seines spezifischen Klanges, sondern wegen der historischen Relevanz ausgewählt hatte. Entscheidend dabei scheint zu sein, dass sie bei ihren Studien herausgefunden hatte, dass das Banjo keineswegs - wie oft angenommen - eine amerikanische Erfindung ist, sondern im Rahmen der ersten Sklaventransporte aus Afrika importiert worden war; wenngleich in einer etwas ursprünglicheren Form als es heute bekannt ist (Metallbestandteile und -Saiten gab es natürlich beim Ur-Banjo noch nicht). Damit aber noch nicht genug: Das Banjo war - nachdem es von Weißen als cool entdeckt worden war - auch ein integraler Bestandteil der sogenannten Minstrel-Szene im 19. Jahrhundert. Bei diesen Shows ging es darum, die potentiellen Eigenarten der schwarzen Bevölkerung zum Amusement des Publikums in parodistischer Form in einem Mix aus gespielten Witzen, Tanz- und Musikperformances zu präsentieren. "So als hätten wir den ganzen Tag nur Wassermelone und gebratenes Hühnchen gegessen", fasste Rhiannon das zusammen. Das Problematische bei dieser Sache war der Umstand, dass diese Performances ursprünglich von schwarz angemalten Weißen präsentiert wurden - andererseits später aber auch erstmals schwarzen Musikern die Möglichkeit bot, ihre Musik vorzutragen - auch wenn diese sich dann auch schwarz anmalen mussten. "Bis jemand mal aufgefallen ist, dass hier etwas nicht stimmen konnte", wie Rhiannon dann erläuterte. Später ging diese erste ur-amerikanische Musikform im Vaudeville-Stil auf, aus dem sich dann allmählich der Jazz herausschälte.

Nachdem dieses Thema dann ausführlich erläutert worden war, folgten die erwähnten praktischen Beispiele - sowohl aus Rhiannons und Francescos Kanon, wie auch aus der Musikhistorie (beispielsweise hatte das um einen Bassisten verstärkte Duo sowohl das Traditional "Wayfaring Stranger" wie auch "Dido's Lament" aus der Oper Dido & Aneas von Henry Purcell im Angebot). Das erklärte dann auch, dass heutzutage übliche amerikanische Musikformen - wie Country, Blues oder Jazz - in den aktuellen Banjo-Treatments Rhiannons kaum eine Rolle spielen, sondern sich eher an folkloristischen Traditionen orientieren. In dem Zusammenhang ist auch noch zu erwähnen, dass es bei dieser Show keineswegs ausschließlich um amerikanische Musik ging. Gleich bei den ersten beiden - zu einem Medley zusammengefügten - Tracks "Ten Thousand Voices" und "Letter" reisten Francesco und Rhiannon musikalisch aus dem arabisch geprägten Süditalien über Irland und Afrika in die USA. Bemerkenswerterweise war die Setlist sogar auf Französich übersetzt worden. Und im Übrigen stand Francesco Rhiannon in nichts nach und dozierte ebenfalls über die Geschichte seines Haupt-Instrumentes, des Tambourins. Hier stellte er die verschiedenen Spielarten seiner Tambourin-Sammlung vor, (darunter ein riesiges persisches Daf mit eingearbeiteten Resonanz-Ketten, die einen schnarrenden Sound erzeugen), zeigte sich betrübt darüber, dass einige dieser Instrumente ausgerechnet in Österreich hergestellt worden seien, wies auf Parallelen der italienischen Art, das Tambourin zu halten, zu jenen der Minstrel-Künstler hin und erklärte sein Solo eingangs des irischen Traditionals "Molly Brannigan" (sowohl Francesco wie auch Rhiannon leben in Irland) zum Höhepunkt der Show. Francesco war es auch, der die italienischen Aspekte des Programmes musikhistorisch bewertete. Beispielsweise erläuterte er anhand des Titels "Pizzica Di San Vito" die Geschichte des gleichnamigen italienischen Volkstanzes. Hierbei geht es um einen Tanz aus Apulien, der eine Unterart des Tarantella ist. Taranteln waren im 14. Jahrhundert, in denen der Tanz entstand eine Plage der Feldarbeiter. Die Idee war dann die, dass mit den Bewegungen der Pizzica ("= Biss") das Gift einer Tarantel nach einem Stich oder Biss neutralisiert werden sollte.

Es gab dann aber auch noch weitere musikalische Höhepunkte - so etwa das Instrumental zu Beginn des zweiten Sets, zu dem sich Rhiannon von Thomas Briggs hatte inspirieren lassen, der 1855 das erste Banjo-Lehrbuch veröffentlichte. Und dann war da noch die jazzige Version der tragischen Sklaven-Tragödie "At The Purchasers Option", auf die Rhiannon gekommen war, als sie eine Anzeige zum Verkauf einer Sklavenfrau in einer historischen Zeitung gesehen hatte, in der das neunmonatige Baby der Frau dem Verkäufer optional angeboten wurde und die von Francesco am Piano begleitet wurde. Zugegebenermaßen hört sich das in der Beschreibung alles ziemlich trocken und akademisch an - doch weit gefehlt: Das war mit Sicherheit die unterhaltsamste und kurzweiligste musikalische und kulturhistorische Studiengang in der Kulturkirche seit langem.

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Surfempfehlung:
www.facebook.com/RhiannonGiddensMusic
www.rhiannongiddens.com
www.facebook.com/francescoturrisimusic
www.youtube.com/watch?v=Q6gCuC3TimU
www.youtube.com/watch?v=uaITy4fpvik
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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