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Konzert-Bericht
 
Die Beat-Combo im Pop-up-Store

Nada Surf
John Vanderslice

Köln, Live Music Hall
27.02.2020

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Nada Surf
Zurück zu alten Stärken: War bei Nada Surf zuletzt ein wenig Sand ins Getriebe geraten, klingt "Never Not Together", die vor wenigen Wochen erschienene neue LP der altgedienten amerikanischen Indierock-Heroen, wieder wie eine echte Herzensangelegenheit, die mit hinreißenden Melodien von strahlender Schönheit glänzt. Auf "Never Not Together" zelebrieren Nada Surf deshalb einmal mehr mit großem Einfühlungsvermögen und unbedingter Ehrlichkeit Liebe, Freundschaft und den Wunsch nach Verbindung und verquicken dabei Altbewährtes mit überraschenden neuen Wendungen und geben so nostalgischen Gefühlen keine Chance. Das zeigt sich auch bei der Live-Premiere auf deutschem Boden in Köln, zu der Nada Surf auch noch einen alten Bekannten fürs Vorprogramm eingeladen haben.
Zugegeben, es ist inzwischen fast zehn Jahre her, seit wir uns an dieser Stelle ernsthaft mit John Vanderslice beschäftigt haben, trotzdem wird an diesem Abend in der Live Music Hall schnell klar: Der Mann mit den blau gefärbten Haaren aus San Francisco hat's immer noch drauf, auch wenn, oder gerade weil sein ausgefranstes Supportset eher Stand-up-Comedy als Konzert ist. Die Vorbereitungen dafür beginnen bereits direkt nach dem Einlass in die Halle. Alle, die am Merch-Stand vorbeikommen und auch nur ansatzweise so aussehen, als könnten sie lesen und schreiben, werden von Vanderslice kurzerhand verhaftet und "dürfen" Fragen aufschreiben, die er während seines Auftritts von der Bühne herab mit überschwänglicher Herzlichkeit und einer fast schon kindlich anmutenden Freude am eigenen Tun beantwortet. Dabei gilt eigentlich das Motto "je abstruser, desto besser", die lustigste Antwort hat er dennoch auf die vergleichsweise simple Frage "Was ist dein Lieblingsdrink?" parat, als er grinsend erklärt: "Ich trinke nicht und nehme auch keine Drogen... während ich auf Tour bin!"

Zwischen den Scherzen streut er ein paar Songs ein und interpretiert die Lieder seiner inzwischen gerne mal mit komplettem Orchester oder vollelektronisch eingespielten Platten live im Stile seiner Indiepop-Frühwerke mit Stromgitarre und einem herrlich ungeschickt bedienten altmodischen Drumcomputer und hat bei Songs wie "Angela" (das doch tatsächlich von einem entlaufenen Kaninchen handelt) auch beim musikalischen Teil schnell die Lacher auf seiner Seite. Ganz allein will Vanderslice den Abend dann aber doch nicht bestreiten und bittet deshalb erst Matthew Caws (als Duett-Partner im Simon-&-Garfunkel-Modus bei "White Plains") und ganz am Ende Ira Elliot (als Drummer beim Publikumswunsch "Exodus Damage") auf die Bühne. Nach mehr als 50 kuriosen, aber auch sehr unterhaltsamen Minuten darf man Vanderslices zwischendurch vorsichtig gestellte Frage - "Funktioniert das, was ich hier mache, noch als Unterhaltungsveranstaltung?" mit einem klaren Ja beantworten.

Spaß haben danach auch Nada Surf. Nachdem neue Platten und die anschließenden Konzertreisen für Matthew Caws, Daniel Lorca und Ira Elliot in den letzten Jahren bisweilen mehr Pflicht als Kür gewesen zu sein schienen, ist die Freude über ihr wirklich feines aktuelles Album auch beim Auftritt in Köln von Beginn an greifbar. Obwohl die neuen Songs durchaus etwas anderes erlaubt hätten, baut das altgediente New Yorker Trio, das mit Keyboarder Louie Lino inzwischen wieder ein Quartett ist, seine Setlist in der Live Music Hall eher wie ein Greatest-Hits-Programm auf, in dem knapp eine Handvoll Lieder von "Never Not Together" problemlos mit den alten Klassikern konkurrieren. Geschickt variieren Nada Surf bei den neuen Songs alte Markenzeichen und machen so "So Much Love" oder "Looking For You" zu Stücken mit unmittelbarem Wiederkennungswert, die trotzdem nicht wie ein fader Aufguss klingen. Mit "Live, Learn And Forget" gibt es sogar eine waschechte Weltpremiere, auch wenn Lorca Caws' vollmundige Ansage ("Das nächste Lied haben wir noch nie gespielt!") umgehend lachend verbessert: "...noch nie vor Publikum gespielt!" Auch sonst werfen sich die Musiker bei den Ansagen die Bälle oft mit einer Herzlichkeit zu, die man in der Vergangenheit des Öfteren schon mal vermisst hatte, und überzeugen wieder als echte Einheit.

Das Publikum dankt es der Band mit unerwartet viel Bewegung: "Als Rockband legen wir es ja nicht unbedingt darauf an, die Leute zum Tanzen zu animieren, deshalb ist es umso schöner, wenn es dann doch passiert", sagt Caws sichtlich begeistert. "Dann fühlen wir uns wie eine Beat-Combo, die zum Tanz aufspielt!" Die vier Herren machen es ihren Gästen an diesem Abend aber auch wirklich leicht: Mit Hits und Hymnen aus allen Schaffensphasen - sogar "The Plan", die allererste Single der Band von 1994, hat sich ins Programm gemogelt - unterstreichen Nada Surf fast zwei Stunden lang ihr goldenes Händchen für harmonieselige Ohrwürmer, die im Spannungsfeld von College-Rock, Power-Pop und Schrammel-Indie Kopf und Herz gleichermaßen ansprechen und bei aller einschmeichelnden Eingängigkeit trotzdem in genau den wichtigen Momenten auch viel Raum für mitreißende Rock-Wucht lassen - ordentlich Distortion inklusive.

Bevor mit "Blizzard Of '77", "Always Love" und "Blankest Year" das finale Hit-Feuerwerk gezündet wird und sich die vier gleich nach dem letzten Ton noch auf der Bühne glücklich in die Arme fallen, klärt Caws augenzwinkernd noch schnell ein Missverständnis auf. Eigentlich seien wir ja gar nicht auf einem Konzert, sondern in einem Pop-up-Store für Platten, CDs und T-Shirts. Weil aber - rein zufällig, versteht sich! - dort die Devotionalien von Nada Surf erhältlich seien, hätte sich die Band bereit erklärt, vor der Verkaufsveranstaltung noch schnell ein paar Lieder zu spielen... Die lange Schlange am Merchandise-Tisch - wo die Band sogar bei der Spontan-Akustik-Zugabe sogar noch den Publikumswunsch "Zen Brain" erfüllt - beweist danach: Nada Surf haben an diesem Abend einfach alles richtig gemacht.

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Surfempfehlung:
www.nadasurf.com
www.facebook.com/nadasurf
www.johnvanderslice.com
www.facebook.com/johnvanderslice
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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