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Konzert-Bericht
 
Guter Dreck

Big Thief
Ithaca

Köln, Kantine
07.03.2020

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Big Thief
"Ihr habt guten Dreck hier", erklärte Adrienne Lenker als sie sich erstmalig ans Publikum in der ausverkauften Kölner Kantine wandte, nachdem Big Thief die ersten Tracks der Show kommentarlos gespielt hatten. Es ging dabei um den Parkplatz vor dem Gebäude, den sie zuvor im Hellen inspiziert hatte, weil das Konzert ja wegen der anschließenden Disco-Veranstaltung so früh angesetzt worden war. Eine besondere Bewandtnis hatte diese Geschichte nicht. Es ist nur so, dass die Frontfrau des Indie-Rock-Ensembles nicht gerade die große Plaudertasche ist, und sich auf der Bühne auch nicht so wohl fühlt, dass sie sich als Alleinunterhalterin produzieren möchte. Vielleicht war das auch der Grund, warum sich Big Thief als Support für die Tour zum aktuellen Album "Two Hands" ausgerechnet die Scream-Core Hardrocker Ithaca ausgesucht hatte. Denn - so erklärte Adrienne später, als sie um Applaus für das Quintett bat -, "da verfliegt dann jeder Anflug von Apathie."
"Das ist jetzt vielleicht nicht das, was ihr erwartet", erklärte Sam Chetan-Welsh, der Lead Gitarrist von - laut Kerrang - Englands wütendster neuer Band, nachdem das Publikum unvorbereitet mit der brachialen Urgewalt der Band konfrontiert worden war, "aber danke, dass ihr so tolerant seid, uns eine Chance zu geben, wie das Big Thief auch getan haben." Nachdem der erste Schock verflogen war, waren dann im Publikum tatsächlich einige Headbanger zu beobachten - obwohl es Ithaca selbst denen nicht leicht machen, denn die Stücke der Band werden eher zerhackt als aufgeführt. Es gibt absolut nichts Versöhnliches an der Musik des Quintetts. Insbesondere die Gesangstechnik von Djamilia Azzouz befremdet Freunde konventioneller Musikformen dann doch, denn das ist ein gutturales Gebrüll, das unmöglich auf natürliche Weise zustande kommen kann. Faszinierend ist dabei der Umstand, dass Djamilia zwischen den Tracks ganz normal spricht - ohne dass da eine medizinische Abnormität erkennbar wäre. Die Frage, warum Ithaca diese Art von Musik machen - denn so viel Zorn kann ja unmöglich über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten werden -, wird durch die Musik der Band nicht beantwortet. Ein Moment zum Schmunzeln gab es dennoch - als nämlich Djamilia dem Soundtechniker zurief, dass da ein wenig zu viel Feedback im Monitor sei.
Was nun die Dramaturgie des Abends betraf, so lässt sich sagen, dass die Solo-Ambitionen von Adrienne und Gitarrist Buck Meek sich nicht wirklich prägend auf den Live-Sound der Band ausgewirkt hatte. So griff Adrienne lediglich für "Pretty Things" für einen Solo-Vortrag zur akustischen Gitarre und die betreffenden Tracks, die sich sowohl auf dem Album "U.F.O.F" wie auch auf Adriennes Solo-Album "Abysskyss" befinden - namentlich das als Opener gespielte "Terminal Paradise" wie auch "From" im letzten Drittel der Show wurden eher in der Big Thief-Variante gespielt. "Eher" heißt es hier deswegen, weil alle Tracks im Wesentlichen im geradlinigen, knackigen Rockmodus gespielt wurden - und zwar im Gegensatz zu den Studioversionen durchaus nochmals mit mehr Punch und einem interessanten Gimmick - denn Big Thief beherrschen es, das kontrollierte Bestandteil des Gitarrenspiels einzubauen, was den Stücken eine ganz eigene Spannung verleiht.

Nachdem die Show zunächst noch auf einem relativ entspannten Level begonnen hatte, legten sich Big Thief dann mit einigen Gassenhauern wie "Capacity" und "Shark Smile" erstmals richtig ins Zeug. Gerade "Shark Smile" holte dabei mit seinen überdimensional aufgeblasenen Velvet Underground-Grooves in Kombination mit den vertrackten aber stimmigen Hermoniewechseln die in der Kantine versammelte Indie-Gemeinde ab wie das zuletzt vielleicht der Fall gewesen war, als Elliott Smith auf seiner letzten richtigen Tour "Needle In The Hay" gespielt hatte. Übrigens mit einem ähnlichen Effekt: Dass man sich nämlich als Zuhörer eine Zeitlang fragte, was denn da bitte schön noch kommen solle. Zum Glück haben Big Thief aber noch so einiges in der Hinterhand. Darunter auch neue Tracks wie "Sparrow", die man vor kurzem geschrieben habe und nun mal ausprobieren wolle, wie Adrienne sagte. Einen Schreckmoment gab es, als Adrienne Lenker mitten in dem Song "Shoulders" plötzlich innehielt und meinte, dass sie mal eine Pause einlegen müsse, weil es in ihrem Kopf gerade einen Trip gäbe. Sie führte das aus und erklärte, dass es ja manchmal Momente gäbe, bei denen man sich ja durchaus zum weitermachen puschen könne - aber dann gäbe es eben auch Momente wie diesen, bei denen man einfach nur "hhhhhhh" machen könne - und solche Momente seien ja auch wichtig. Immerhin ging es danach sowohl mit dem Song wie auch dem Konzert weiter. Eine richtige "Cat Power-Situation" blieb dem Publikum (und auch Adrienne Lenker selbst) somit erspart. Sei es drum: Krisenmodus hin oder her, hingen die Fans ihrem Idol auch so an den Lippen und allenthalben waren auch junge Damen zu beobachten, die die komplexen, poetischen Elegien Adrienne Lenkers Wort für Wort mitsangen.

Bei Konzerten wie diesen - bei denen es also dezidierte Frontpersonen gibt - agieren die Bandmusiker ja eher unauffällig. Bei Big Thief scheint das jedoch etwas anders zu sein. Insbesondere Gitarrist Buck Meek legte sich auf coole Weise entspannt und nachlässig ins Zeug und zeigte sich dabei ebenso empathisch involviert wie generös (denn er überließ Adrienne alle wesentlichen Solo-Anteile). Ähnlich war das eigentlich auch mit der Rhythmusgruppe James Krivchenia und Max Oleatchik - nur wirkten diese dabei nicht so cool. Selbstredend hatten sich Big Thief die eigentlichen Knaller bis zum Schluss aufgehoben. Bevor die Band sich mit "Not" vom letzten Album "Two Hands" - zweifelsohne eh schon einem der besten Songs des ausgehenden letzten Jahrzehnts - in ein furioses Finale stürzten, bei dem alle vier Bandmitglieder als inbrünstiger Chor zum Einsatz kamen, sich Adrienne dann tatsächlich in einen Feedback-getränkten Rausch spielte und Drummer James Krivchenia kurz davor stand, sein Drumkit vor Begeisterung zu zerlegen, hatten Big Thief zum aufwärmen den ähnlich strukturierten "Not"-Vorgänger "Cattails" vom Vorgängerwerk "U.F.O.F" eingebaut. Es gab danach mit "Forgotten Eyes" und "Paul" noch zwei Zugaben - die aber eigentlich vollkommen überflüssig waren, denn man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am Schönsten ist.

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Surfempfehlung:
bigthief.net
www.facebook.com/bigthiefmusic
www.facebook.com/IthacaUK
www.youtube.com/watch?v=2evsLCbDiac
www.youtube.com/watch?v=pWW-eKX8uSo
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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