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Heureka, I found love!

All Tomorrow's Parties UK 2002

Camber Sands, Pontin's
26.04.2002/ 27.04.2002/ 28.04.2002

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All Tomorrow's Parties UK 2002
"No camping and no crusties with dogs on string" versprachen die Veranstalter von All Tomorrow's Parties in ihrer Ankündigung und deuteten damit an, daß es sich beim ATP um ein Festival der besonderen Art handelte. Der Zusatz "curated by Shellac of North America" unterstrich dies vehement, bedeutete er doch, daß niemand Geringeres als die Herren Albini, Weston und Trainer die Bands für das dreitägige Event im verschlafenen Ferienort Camber Sands an der Südostküste des Vereinigten Königreichs auswählten.
Dort kamen wir am frühen Freitagnachmittag nach einem "Ryan Air"-Billigflug nach London Stansted und ungefähr siebenmaligem Umsteigen mit öffentlichen Verkehrsmitteln an, die mit jedem Umsteigen kleiner und wackliger wurden. Camber Sands besteht zum größten Teil aus dem "Camber Sands Holiday Centre", einer riesengroßen Ferienanlage mit direktem Strandanschluß, in der normalerweise kinderreiche britische Familien ihren Rundum-Sorglos-Sommerurlaub verbringen. Reihenweise motelartige zweigeschossige Appartementkomplexe säumen das Gelände, in dessen Mitte das "Pontin's Family Entertainment Centre" herausragt - erbaut zum Vergnügen der Feriengäste mit Restaurant, Spielhalle, Pub, Supermarkt und einer riesigen Mehrzweckhalle, die vermutlich im Sommer Massen-Bingo-Veranstaltungen oder drittklassigen Alleinunterhaltern für ihre Auftritte vor dankbarem Touri-Publikum dient. Für einen mehrwöchigen Sommer-Urlaub die Hölle, für ein Festival dieser Art das perfekte Ambiente!

Schnell kam das Gefühl auf, für ein Wochenende in einem traumhaften Paralleluniversum gelandet zu sein. Alle Bewohner hörten selbstverständlich gute Musik und waren äußerst freundlich zueinander. Letzteres zeigte sich beispielsweise darin, daß die zahlreich anwesenden Security-Jungs überhaupt nichts zu deeskalieren hatten. Einer rief uns sogar entgegen, daß wir das netteste Festival-Publikum seien, das er je erlebt habe. Auch die Tatsache, daß man zwischen den Konzerten mal eben sein Appartement zum Kaffeetrinken, Kochen oder Fernsehen (Special ATP TV) aufsuchen konnte, machte das ganze zu einer sehr lässigen Veranstaltung. Wem es nach mehr Aktivität gelüstete, konnte auf dem Gelände Go-Kart fahren, im Swimming-Pool rumplanschen, in der quietschbunten Spielhalle absurde Spiele digitaler und analoger Art spielen oder einen Abstecher an den Strand machen.

In einer derart entspannten Atmosphäre quasi nach dem 3-Uhr-Tee Shellac zu sehen, war ein besonderes Erlebnis. Trotzdem ist der Kult um Shellac auf positive Art geschwunden. Ihr Kultstatus rekrutiert sich bekanntlich auch daraus, daß sie nur alle Jubeljahre Konzerte spielen. Rar gemacht haben sie sich an diesem Wochenende überhaupt nicht. Neben den drei (!) gespielten Konzerten betätigten sich die Herren als DJ und Mixer, tigerten nach allen Seiten parlierend im Publikum herum und sorgten nicht zuletzt für einen hervorragenden Sound bei jedem der 32 Konzerte. Die Konzerte fanden parallel auf einer großen und einer kleinen Bühne statt, was bei der Vielzahl der Auftritte vernünftig war. Allerdings sorgte dies auch für Überschneidungen, die so manche Konzertgängerseele zum Zerreißen brachte.

So war die Parallelität der Auftritte von Mission Of Burma (ein absolutes Highlight des Festivals) und den Oxes (einer der derzeit besten Instrumentalbands mit ganz hervorragender Live-Show) für manchen fast unerträglich. Da aber die Oxes sowieso auf Europa-Tour sind, fiel die Wahl selbstverständlich auf Mission Of Burma, die Emo-Punk-Legende aus den frühen Achtzigern und für Bob Weston die "beste Band des letzten Milleniums". Die Band hatte sich bereits 1983 aufgelöst, nachdem Gitarrist und Sänger Roger Miller von einem Tinnitus befallen wurde, und fand sich in diesem Jahr für nur wenige Konzerte wieder zusammen. Das Ohrenpfeifen scheint ihn noch immer heftig zu plagen: Der Mann ist tatsächlich mit angepaßten Ohrstöpseln und zusätzlich (!) einem Lärmschutz-Kopfhörer aufgetreten. Ob Schlagzeuger Peter Prescott aus ähnlichen Gründen hinter einer Glasscheibe spielte, blieb unklar. Das alles tat der Show allerdings überhaupt keinen Abbruch. Die drei legten ein verdammt intensives Konzert hin, überzeugten mit dem Wechselgesang von Roger Miller und Bassist Clint Conley und erfreuten uns mit Hits wie "That's When I Reach For My Revolver", von denen wir nie gedacht hätten, sie jemals live zu hören. Höchstens vielleicht von Moby, ganz sicher aber nicht von MOB! Deren Show hatte glücklicherweise noch immer den rauen, energievollen Charakter ihrer alten Platten und war entgegen einiger Befürchtungen in keinster Weise modern weichgespült. Unterstützt wurden die drei von Bob Weston hinter dem Mischpult, der mit Loops und Samples vom Band den fehlenden vierten Mann seiner Lieblingsband ersetzte. Am Ende machte auch er die zeitplanbedingte Grätsche und rannte einen Stock tiefer auf die zweite Bühne, um an der ausartenden Abschlußperformance der Oxes teilzunehmen, bei der Musiker anderer Bands, insbesondere sich die Seele aus dem Leib dreschende Schlagzeuger, spontan auf die Bühne kamen. Dabei durfte natürlich Bob Westons wummerndes Baßspiel nicht fehlen.

Kommen wir zu Shellac. Deren Sound ist bekanntlich ein Thema für sich, was die drei täglichen Eröffnungskonzerte eindrucksvoll aufzeigten. Jedes der Konzerte war ein intensives Erlebnis, nicht zuletzt, weil es möglich war, Shellac dreimal hintereinander in einem relativ überschaubaren Rahmen (sie spielten immer auf der kleinen Bühne) zu sehen. Bob Westons Vier-Saiten-Sound läßt jeden Bassisten vor Neid erblassen, Schlagzeuger fragen sich, wie Todd Trainer mit derart hoch aufgehängten Becken und einer extrem hoch montierten Hi-Hat so hervorragend Schlagzeug spielen kann, und zu Steve Albinis Gitarrenkünsten muß wohl nichts mehr gesagt werden. Schon beim ersten Akkord geht der trockene, beißende Sound unter die Haut und läßt den Zuhörer gebannt auf die Bühne starren. Dort bearbeitet der schlaksige, wie ein Pennäler wirkende Albini wie wild seine Gitarre und benutzt dabei nur beiläufig das Mikrofon für vokale Einlagen. Neben ihm wirkt Bob Weston ob seiner Beleibtheit gemütlich, der fast ohne sich zu bewegen seine markanten Baßlinien als Ohrwürmer in die Gehörgänge der Zuhörer schleust. Todd Trainer wirkt, als wolle er sein vom eigenen Schweiß getränktes Schlagzeug trocken klopfen, was ihm natürlich nicht gelingt, sondern seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen in die Verzweiflung treibt. Zwischendurch brillierten die drei mit erstaunlich humorvollen Zwischenansagen und beantworteten wie immer Fragen aus dem Publikum. Dabei erfuhren wir beispielsweise, daß Bob Westons Frau seinen neuen Schnauzbart "completely unacceptable" findet. Glücklicherweise - für die Ehe und im Sinne guter Optik für das Publikum - war der Bart beim zweiten Konzert kürzer und beim dritten komplett entfernt.

Wer von den drei Shellacs für die Auswahl welcher Band im Line-Up verantwortlich war, wäre noch eine interessante Frage. Der Auftritt von Cheap Trick als Headliner des ersten Abends hinterließ nämlich einige Fragezeichen. Selbst Steve Albini im Publikum schaute gequält drein, als der Gitarrist angefeuert von seinem blonden, billigsonnenbebrillten Sänger die fünfhälsige Gitarre auf die Bühne schleppte. Prollhumor oder Selbstironie? Das blieb unklar, aber der Auftritt verleitete trotzdem zum Schmunzeln, nicht zuletzt wegen seit Ewigkeiten nicht mehr gehörter Hits wie "I Want You To Want Me", die komische Erinnerungen an den schnöden Rock der späten Siebziger aufkommen ließen.

Apropos alte Säcke - eine wirkliche Enttäuschung waren The Fall und Wire. Mark E. Smith hatte sich mit neuem Gitarristen und neuem Bassisten zwei ganz heiße Feger rangeholt. Beide wirkten wie zwei britische Hooligans mit in ihre Stone-Washed-Jeans gestopften schwarzen T-Shirts. Die Optik wäre noch verzeihbar gewesen, wenn der Gitarrist nicht nur absolut langweiligen Blödsinn gespielt hätte. Die früher von Smiths Frau gespielten Keyboards, die eigentlich kaum aus dem Sound von The Fall wegzudenken sind, fehlten eindeutig. The Master himself wirkte - einmal mehr - wie ein alkoholisierter Philosophie-Professor und präsentierte sich auf seine ihm eigene Weise als Arschloch, als er seinem Schlagzeuger ein Mikrofon abzog, und es auch sofort wieder abriß, nachdem es der auf die Bühne stürmende Roadie wieder befestigt hatte. Wire wirkten extrem lustlos und spielten ihre Songs ohne wirkliche Höhepunkte runter. Bei der Zugabe schienen sie sich zu wundern, daß die Leute sie trotzdem mochten, und ließen tatsächlich zum ersten Mal ein Lächeln über ihre grauen Mienen huschen. Schade.

Erfrischend waren dagegen die jungen Bands aus dem amerikanischen Indie-Umfeld, das sich bekanntlich durch Band-Inzest und Multi-Instrumentalismus auszeichnet. So spielt Matt Kadane bei The New Year Gitarre und singt, sitzt bei Consonant am Schlagzeug und bei Silkworm an den Keyboards. Chris Brokaw (Ex-Codeine und Come, jetzt Mitstreiter in Evan Dandos neuer Band) spielt wiederum bei The New Year Schlagzeug und ist Gitarrist bei Consonant, der neuen Band von Mission Of Burma-Bassist Clint Conley. Mit Conley als Sänger und Gitarristen steht Consonant einerseits unverkennbar in der Tradition seiner alten Band, hat sich aber andererseits deutlich dem modernen US-amerikanischen Indie-Pop verschrieben. Das Highlight aus dieser Liga waren auf jeden Fall The New Year, die mit vier (!) Gitarren auf der Bühne standen und ihre eher ruhig angelegten Songs mit wohltemperierten Gitarrenwandeinlagen spickten.

Weiterhin erwähnenswert sind inzwischen alte Freunde wie Dead Moon, die auch nachmittags um 17 Uhr kein Problem hatten, den jungen Leuten zu zeigen, wo der Hammer hängt. Rock N Roll, straight nach vorne, dreckig, herzzerreißend und trotz des Siebziger-Outfits zeitlos. Fred Cole, Frau Toddy am Baß und ihr bester Kumpel am Schlagzeug sind eine kleine Familie - jede Wette, die drei werden auch die nächsten 20 Jahre nichts anderes machen, als mit Dead Moon um die Welt zu reisen.

Die Japan-Noise-Fraktion war mit Zeni Geva und Melt Banana vertreten. Letztere wirkten trotz heftigem Noise-Gefrickel niedlich, da die zierliche Sängerin mit ihrer Mickey-Mouse-Stimme die Live-Show extrem dominiert. Zeni Geva waren dagegen eher maskulin-brachial. Dicke Männerarme bedienen schwere Gitarren und schlittern dabei des Öfteren haarscharf an der Grenze zum Metal vorbei. Beide Bands sind auf jeden Fall live unbedingt sehenswert, aber auf Platte eher schwer zu ertragen. Auch war es lustig zu sehen, wie Klischees erfüllt werden: Melt Banana kichernd mit umgehängten High-Tech-Kameras beim spontanen Gruppenfoto mit Dead Moon war ein kleiner schöner Spaß am Rande.

Der krönende Abschluß am letzten Abend auf der großen Bühne waren die Breeders, die sehr lässig ihre Pop-Perlen zum Besten gaben. Ewige 90er-Hits wie "Cannonball" brachten natürlich den Saal zum Beben. Kim und Kelley Deal betrieben auf sehr charmante Art locker flockige Kommunikation mit dem Publikum. Während des Spiels saß ihnen ordentlich der Schalk im Nacken: Kelley steckte ihrer Schwester schon mal eben grinsend die Zunge raus, wenn sie beim Gitarrensolo danebengriff.

Fast hätten wir den Auftritt von Kims altem Band-Kollegen David Lovering vergessen. Der Pixies-Schlagzeuger trat im weißen Kittel und überdimensionierter Brille eine Stunde lang als durchgeknallter Physik-Professor auf. Dabei setzte er Gurken unter Strom, suchte Energiefelder und füllte Pulver in eine Bass-Drum, die dann beim Schlag auf das Fell lustige Ringe ins Publikum pustete. Nach einer Vielzahl von Konzerten und einem gewissen Sättigungsgefühl war das eine sehr gelungene Zwischeneinlage.

Platz 1 in Sachen Humor und uneinholbar auch auf der ewigen Richterskala für Bühnenoutfit haben allerdings The Upper Crust aus Boston eingenommen. Als letzter Act auf der kleinen Bühne war ihr Auftritt ebenfalls ein guter Abschluß des Festivals. Mit weißgeschminkten Gesichtern und Barock-Kostümen inklusive Perücken parlierten sie in den Pausen zwischen ihren eher langweiligen Hardrock-Nummern in astreinem Earl-of-Nasehoch-Englisch daher. Dabei überzeugten sie mit Sprüchen wie "There is much beer left to drink in the green land of England", um sich anschließend den Inhalt eines Flachmanns ins Gesicht zu kippen. Auf der auf dem Festival umsonst erhältlichen 3-CD-ATP-Complilation waren sie mit ihrem Hit "Heureka! I found love!" vertreten. Danke für das Stichwort: Heureka! Das war das beste Festival, das je es geben wird!

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Text: -Sandra Kriebitzsch-
Foto: -Sandra Kriebitzsch-


 
 

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