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It Hurts So Good

Ray Wilson

Köln, Kunstsalon
21.02.2003

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Ray Wilson
Ray Wilsons musikalische Karriere als "wechselhaft" zu beschreiben, wäre mehr als britisches Understatement: Während seine Band Stiltskin zwar '94 mit "Inside" mal einen Jeansreklamen-Hit erzielte, dennoch aber der Mehrzahl der Leser weit weniger bekannt sein dürfte als das namensstiftende Rumpelstilzchen, erlebte der sympathische Schotte seine wenigen Monate intensiven internationalen Ruhms, als ihn die ehemaligen Progrock-Pioniere von Genesis als Ersatz für Phil Collins ans Gesangsmikro riefen. Mit diesen nahm er auch "Calling All Stations" auf. Doch der Absturz folgte auf dem Fuß...
...und der Absturz war tief. Und er tat noch mehr weh, als vielleicht nötig gewesen: Ray musste damals von anderen als seinen Ex-Kollegen erfahren, dass er aus dem Team gekegelt worden war. Bzw. dass man sich entschlossen habe, zunächst gar nicht und dann doch nur nicht mit ihm weiterzumachen. Man kann sich das unschwer vorstellen: Von einer weitgehend unbekannten Band mitten in die Scheinwerfer der größten Konzerthallen der Welt - und dann wieder zurück. Weitere nette Anekdote: Alle ehemaligen Genesismitglieder wurden anlässlich aktueller "Hits"-Compilationen befragt, nur der untröstliche Mr. Wilson nicht. Wen wundert's also, dass sich eine Phase des Wundenleckens fernab des kalten, trügerischen Treibens der Musikindustrie anschloß. Doch das ist ja heute alles Geschichte. Oder doch noch nicht ganz?

Mittlerweile über 30 geworden und mit ein paar Jahren Abstand von den schmerzlichen Ereignissen fand Ray auch wieder Zugang zur Musik und sogar zu öffentlichen Auftritten. 2001 trat er "unplugged" und nur von der ebenso atemberaubend talentierten wie unberühmten Sängerin Amanda Lyon und seinem Bruder Steve Wilson (an zweiter Gitarre) begleitet auf dem Edinburgh International Festival auf - und verkaufte dort aufgrund des großen Erfolges gleich 13 komplette Shows hintereinander! Die Aufnahmen einiger dieser wunderbar intimen Auftritte wiederum gerieten in die Hände, Gehörgänge und Herzen der Verantwortlichen des deutschen Labels InsideOut Music, die dem gebeutelten Ray ein Angebot machten, das er nicht ausschlagen konnte. Mit fortan wieder erheblich mehr Rückenwind gelang es Ray, als Support bei der für März anstehenden Europatour der kanadischen Prog-Dinosaurier Saga verpflichtet zu werden (übrigens gemeinsam mit der schwedischen Neoprog-Ausnahme-Erscheinung A.C.T). Aber InsideOut - mit sechs Mitarbeitern in der Zentrale in Kleve und nur drei Kollegen beispielsweise in der U.S.-Dependance nicht unbedingt ein riesiges, finanzkräftiges Label - scheint gewillt, Mr. Wilson ohne schottische Sparsamkeit, sondern vielmehr entsprechend seines künstlerischen (und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch Markt-) Potenzials zu promoten.

So fand sich der Gesandte von Gaesteliste.de nun also an diesem Freitag unter ca. 70 geladenen Gästen im Kunstsalon, einem wahrlich kunstsinnigen wunderschönen Ziegelbau im Kölner Süden zu einem Ray Wilson-Exklusivkonzert anlässlich der Vorstellung seiner bislang ersten CD-Single wieder. Wie sich das in Köln gehört mit reichlich Sion (für nicht-Rheinländer: Eine leider etwas zuckrige Kölschsorte) und Sushi (rohe Fischhappen, die - wenn sie nicht in der Schickeria als Kult verschrien wären - wohl nur bei Eskimos und Seehunden wirklich beliebt wären) versorgt, dargeboten von wirklich exorbitant hübschen und schrill angetufften jungen Damen, konnten Vertreter des lokalen Musikalienhandels und der Presse sich aus allererster Hand über die Qualitäten von Ray Wilson 2003 überzeugen. Soviel vorab: Diese One Off-Show hätte doch eigentlich verkaufsorientiert sein müssen. Und war doch eines der intensivsten, "ehrlichsten" Konzerte in einer relativ langen Reihung.

Ray Wilson und seine beiden Mitstreiter - ebenjene auch von den Edinburgh-Shows - durchqueren das Auditorium und erklimmen die kleine Bühne. Ray wirkt zunächst fast schüchtern, wendet sich aber von der ersten Minute an betont an sein Publikum und nimmt einen sich ständig vertiefenden Kontakt auf, der bis zum Schluss nicht abreissen wird. Als Sänger ist Wilson über die Jahre wie schottischer Single Malt Whisky immer und immer besser geworden und bewegt sich heute irgendwo zwischen Julian Dawson, Michael Penn und Peter Case. Als Gitarrist begleitet er sich zweckdienlich, aber niemals effektheischend oder gar solierend. Sein Bruder Steve hält sich soweit nur irgend möglich im Hintergrund und steuert auf Ragtime- und Godin-Gitarre nur direkt Bereicherndes bei. Das Sangeswunder Amanda Lyon aus Aberdeen tritt auf, besteigt einen Barhocker und scheint die Welt um sich zu vergessen. In einer meterdick fühlbaren Gemütsruhe ruht sie in sich selber, beobachtet dennoch genau, was Ray macht und ist trotz seiner bisweilen sprunghaften Regie, die Songs mittendrin unterbricht etc. immer genau auf dem Punkt für diese wundervolle zweite Stimme oder die wenigen Solospots, die ihr die Show lässt. Schon nach der zweiten, in wundervoll singendem schottischen Akzent erfolgenden Ansage von Ray wird auch deutlich, aus welcher Triebfeder dieser phantastische Künstler ganz offensichtlich immer noch einen Großteil seiner Energien bezieht: Trennungsschmerz... Auch wenn man ihm zurufen möchte, dass er das doch überhaupt nicht nötig hat, gelingt Ray doch keine einzige Interaktion mit seinem Publikum, ohne dass ihm eine Bezugnahme auf seine Liebesbeziehung zu Genesis, seine Höhepunkte und auf die unverstandene Trennung und gewaltsame Scheidung dazwischenkommt.

Obwohl es in erster Linie heute abend um wirklich grandiose, vielfach Gänsehaut bescherende Interpretationen von Songs geht, die oft erst in Rays Anverwandlung so richtig unter die Haut gehen, erinnert das Konzert doch auch an das Treffen mit einem guten alten Freund, der als vernarbter Veteran aus einer zerfleischenden Trennung hervorgegangen ist; der es sich immer wieder anders vornimmt, der aber trotzdem über Jahre von nichts wirklich anderem sprechen und sich mitteilen kann, als von dem Gewinn dieser kostbaren Liebe, von ihrem Besitz - und ihrem grausamen Verlust. Der dabei unausgesetzt davon spricht, dass es ihm jetzt ja gut geht, besser als je zuvor, dass er "all das" überwunden habe, doch man sieht, hört und weiß es besser, wenn man ihn nur ansieht und ihm zuhört. Das mag ja auch zumindest in Teilen Wilson selbst - ganz sicher aber seiner Umgebung - bewusst sein, geht aber so weit, dass Stücke sogar mitten im Takt unterbrochen werden, um noch eine weitere Anekdote zu "Mike, Tony und Phil" los zu werden. Aus größter Nähe beobachtet und intim, selbstquälerisch exakt in verteilten Rollen gespielt; teils gehässige, teils immer noch verstossen liebend... So geschehen etwa beim Phil Collins-Smash Hit "In The Air Tonight", dessen Zeilen "The Hurt Doesn't Show / The Pain Still Grows" an diesem Abend mit ganz neuer Bedeutung aufgeladen wurde, oder bei "Mama". Aus jedem der letztgenannten Lieder holt Ray in seiner Fassung übrigens wie leichthin mehr Feuer als die Originalversionen jemals auch nur vorspiegeln konnten - es scheint, dieser Schmerz ist eine außerordentliche künstlerische Energiequelle. Und diese wird 14 wunderbare Songs lang zelebriert und ausgenutzt. Die Erstlingssingle "Change" atmet besonders viel von Michael Penns lakonischem Stil, die - sozusagen - B-Seite "Gouranga" greift ein Hare Krishna Wort und die oben angedeutete Selbstbeschwörung auf, dass der Liebeskranke sich immer wieder einzureden versucht, ja jetzt über alles hinaus zu sein. Bei dieser Nummer gelingen Amanda L. live übrigens Hintergrundgesänge, die in einer Reihe mit den legendären Chören auf Pink Floyds "Dark Side Of The Moon" stehen.

Der Rest des Sets teilt sich auf zwischen Kompositionen von Wilson (teils vom für April angekündigten Full-Length-Produkt "Change") sowie Songs aus der großen Genesis-Wolke, ob nun vor ("Ripples" bis "Mama") oder während (wie "Not About Us") der Wilson-Ära oder in Parallel-Universen entstanden ("Don't Give Up" von Peter Gabriel und Kate Bush).

Wenn aus sonst keinem anderen Anlass, so ist mindestens dieser wunderbare, zerrissene, kranke, gesundende, große Singer/Songwriter hinreichender Grund, die Saga-Tournee im März zu besuchen. Stay tuned.

Setlist:
Gouranga
Ripples
Change
Cry If You Want To
In The Air Tonight
Another Day
A Longer Way
Don't Give Up
Inside
Beach
Yesterday
---
Mama
I Can't Dance

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Surfempfehlung:
www.raywilson.co.uk
www.genesis-music.com
www.genesis-web.co.uk/cas/ray_wilson.html
Text: -Klaus Reckert-
Foto: -Klaus Reckert-


 
 

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