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Konzert-Bericht
 
Die Harmonie, der Fisch und der Blues

Walter Trout And The Radicals
The Ian Parker Band

Bonn, Harmonie
27.04.2003

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Walter Trout And The Radicals
Wenn Walter Trout mit seinen Radikalen wie fast jedes Jahr in Bonn einfällt, ist die Begeisterung ungebrochen; schließlich gilt der Kalifornier als einer der größten weißen Blueser, wurde noch 2001 von LA Music Awards zum Gitarristen des Jahres gekrönt und hat in seinen 35 Bühnenjahren mit Größen wie B.B. King, John Lee Hooker oder bei Canned Heat den stählernen Darm gezupft und dabei jede nur erdenkliche Erfahrung eingesammelt. Und so war die Bonner Harmonie dann auch erwartungsvoll gefüllt mit ebensolchen Bluesbegeisterten, deren Haarpracht nicht nur in Einzelfällen zwischen graumeliert und nicht mehr vorhanden tendierte.
Als Anheizer und quasi als Überraschungsgast ging die britische Ian Parker Band an den Start. Weil der Gig vorverlegt wurde, konnten wir leider nur die letzten drei Stücke genießen, die dafür aber in vollen Zügen. Ian Parker hat mit seinen 26 Lenzen weniger Lebens- als Walter Trout Bühnenerfahrung und bringt bestenfalls halb soviel Kilos auf die Waage; das tut seiner Bluesinterpretation aber keinen Abbruch. Mit stilechter, rauchiger Röhre und gekonnter Gitarrenarbeit rockt er sich durch Blues und Boogie Woogie, was die Saiten hergeben, und erreicht damit mehr, als nur Atmosphärenbereiter des Großmeisters zu sein. Von seinen Mitstreitern fiel besonders "Morg" Morgan an den Keys mit sehr bluesdienlichem (wenn auch Synthie-erzeugtem) Hammond-Sound positiv auf. Den Schlusspunkt des Gigs setzte "Awake At Night", ein sehr schöner langer Slowblues, intensiv und gefühlvoll gespielt. In den Gesichtern der reichlich Beifall spendenden war dann auch die Erwartung abzulesen, dass man von Ian Parker zukünftig sicherlich noch öfter hören wird.

Nach der nur ca. 30-minütigen Umbaupause wurde Walter Trout, sein langjähriger Tieftonbegleiter Jimmy Trapp, Tastenmann Sammy Avila sowie Fellgerber Joey Pafumi als Neuzugang lautstark und begeistert empfangen. Los ging es mit "Dust My Broom", einem im Original von Robert Johnson stammenden Vollgasblues, bei dem Trout erstmal zeigte, wer der Chef am Set ist. Wenn der Mann mit dem fischigen Nachnamen (engl.: Forelle) schuppenfreien Blues spielt (sorry Walter, no more fish jokes!), brennt einfach die Luft. Das ist auch wörtlich zu nehmen, meinte auch Big Jimmy, der schon zu Beginn für den restlichen Abend ein genüßliches Grinsen aufsetzte: "...feel like a Pommes Frites". Es folgte der wunderschöne Slowblues "The Reason I'm Gone" mit ausgedehnten Solopassagen. Hier spielt Trout die ganze Bandbreite seines Könnens aus; als Meister des Volumenreglers lässt er seine gute alte Strat, der man deutlich ansieht, wie viele Bluesabende sie mit dem Saitenartisten durchlitten hat, lachen, weinen, wimmern und schreien. Er spricht mit ihr und durch sie und verbreitet damit ein faszinierendes, unwiderstehliches Bluesfeeling. Sein persönliches Triumvirat vervollständigt er durch seine enorm breitbandige Bluesröhre und die unvergleichliche Mimik, die dem geneigten Publikum quasi als Visualisierung des Gehörten dient. Einfach faszinierend! Aus dem lärmigen Zwischenteil schleichen sich die Saiten elegant in Richtung "Für Elise" ("...this is a song of a local guy!").

Das getragene, melodische "You Can Cry If You Want To" (ein neues Stück, Trouts Sohn gewidmet) wird von einem Roadie tatkräftig durch Backgroundgesang unterstützt. Es folgten zahlreiche Stücke aus Trouts umfangreichem Repertoire, von bretthart bis kuschelweich - da darf es dann auch mal eine Akustikklampfe sein - aber immer mit der passenden Bluesnote und oft mit einem Entstehungsgeschichtlein garniert; so entstand z.B. das fette "I'm Tired", als Trout morgens um fünf vom Gig nach Hause kam und eine Stunde später sein kleiner Sohn unbedingt mit ihm spielen wollte... Was auch immer Trout anfasst, man glaubt es ihm und seiner Gitarre aufs Wort / auf den Ton. Selbst eine Attacke auf Donald Rumsfeld ließ der ansonsten eher unpolitisch agierende Ausnahmemusiker nicht aus, was im Publikum entsprechende Zustimmung fand. Was dann folgte, hatten viele Zuschauer schon geahnt: Trout bat Ian Parker und seinen Tastenmann für eine Jam Session auf die Bühne. Nachdem Parker zunächst ziemlich ehrfurchtsvoll zusah, wie Trouts Finger übers Griffbrett rasten und die Streckgrenze der Saiten ausloteten, stieg er engagiert ein, und es wurde bluesmäßig richtig abgefeiert. Goilgoilgoil, die beiden ergänzten sich prächtig - auch optisch, zumal Parker eine baugleiche Strat spielt, die allerdings noch voll in der Blüte ihres Lacks steht. Lediglich Morg Morgan schien von der Situation etwas überfordert.

Wieder allein auf der Bühne, brachten die Radikalen "She's My Chatroom Girl" (...maybe looks like Jassir Arafat), "Marie's Mood" - trotz Schnulzencharakter sehr intensiv geklampft und mit einem schönen Orgel-Solo von Sammy Avila verfeinert - und das fette, schleppende "Serves Me Right To Suffer", bei dem Trout mit vielen Solospielereien noch mal alles zeigte. Hier durfte dann auch Joey Pafumi, der schon die ganze Zeit mit allerlei artistischen Einlagen zu gefallen wußte, zum gekonnten Drumsolo schreiten und zeigen, dass er jetzt einfach ein vollwertiger Radikaler ist. Obwohl es in der Halle immer heißer wurde - Trout kämpfte mit Hilfe von Handtüchern ständig gegen das Element, in dem sich seine Namensvettern am wohlsten fühlen (Oops! Wir wollten doch nicht mehr...) - wurde eine Zugabe bereitwillig gewährt: ein herrliches Blues-Medley, in dem Trout sound- und grimassentechnisch von verschiedenen Stationen seiner Musikerlaufbahn erzählte. Einfach großartig! Walter Trout And The Radicals wurden nach einem faszinierenden Bluesabend vom Publikum mit reichlich "Künstlerbrot" überhäuft und widerwillig entlassen.

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Surfempfehlung:
www.waltertrout.com
www.ianparkerband.com
Text: -Stephan Kunze & Reinhard Weidenbrücher-
Foto: -Stephan Kunze-

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