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Konzert-Bericht
 
Die Nebel von Everon

Everon
Galahad/ Sylvan

Zoetermeer, De Boerderij
18.05.2003

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Everon
Zoetermeer, reizarme Trabantenstadt unweit des Europahafens Rotterdam, aber auch 15 Autominuten von jener mittelalterlichen Symphonie in blauen Kacheln gelegen - Delft. 19:30 Glasen, Einlassbereich: Die Boerderij (wörtlich etwa Bauernhof) lässt alle Erwartungshaltungen bezüglich Holzkonstruktionen, am Parkplatz angebundener Pferde und Kühe, Strohschütte auf dem Klo oder Cowgirls am Tresen im Ansatz zerschellen. Ari, ihr Manager, ist ein kleiner Mann in einer Motorradlederjacke. Er ist zuständig für alles von Buchhaltung über Booking bis zur Betreuung der Bands. Ari erklärt, dass dies bereits die zweite Boerderij ist. Und die inzwischen abgebrannte "Edition 1" war in der Tat ein rustikales, gemütliches Prachtstück, wenn auch mit verheerender Akustik, das von der hiesigen Hausbesetzerszene ("Krakers") kulturellen Zielen zugeführt wurde.
Die neue jedoch hat prima akustische Verhältnisse und würde weit mehr Besuchern Raum bieten, als an diesem Sonntagabend zum Themenabend "ProgFever" tatsächlich hergefunden haben. Doch glücklicherweise füllt sich der Raum während des Auftritts der Hamburger von Sylvan langsam, aber kontinuierlich weiter. Freek Wolff, Chefredakteur des in den Niederlanden wichtigen Musikmagazins "iO Pages" weiß: "Die Prog-Szene ist hier so 'heikel' und hoch spezialisiert, dass es Menschen gibt, die nur für Galahad oder nur für Everon anreisen und die Gigs der jeweils anderen Bands gar nicht sehen wollen."

Was im Falle des Auftritts von Sylvan eine Schande wäre. Die Nordlichter um den ausgezeichneten Sänger Marco Glühmann (Doktor der Physik) und die Brüder Kay und Volker Söhl (Gitarre und Keys) bringen in etwa 75 Minuten jede Menge Professionalität, Spielfreude, prächtige, von guten alten Genesis und Pink Floyd inspiriert erscheinende Songs von ihren drei Alben "Encounters", "Deliverance" und vor allem vom offensichtlich vorzüglichen, aktuellen "Artificial Paradise" sowie nicht zu vergessen rund 17 Kubikmeter künstlichen Nebel über die Rampe. Vor allem das hochmelodische "Deep Inside" senkt sich gleich beim ersten Hören widerhakenbewehrt in Gehörgänge und ins Gemüt - schön! "Human Apologies" überrascht mit Funk-Attacken von Bassmann Sebastian Harnack und verwöhnt mit sahnigen Gitarrenleads vom generell beeindruckenden und nicht wenig von Marillions Steve Rothery geprägt erscheinenden Kay Söhl. Während und nach "In Vain" von "Encounters" ist dann auf wie vor der Bühne ein kleiner Bann gebrochen - gelöstes Lächeln und freieres Agieren zeigt, dass Sylvan spätestens jetzt "angekommen" sind. Sie bedanken sich noch u.a. mit dem zwölfminütigen Titelstück der letzten Scheibe.

Galahad aus dem britischen Dorset legen Wert auf die Tatsache, dass sie sich nicht nach dem Tafelrundenritter benannt haben. Sei's drum, bereits ab dem wuchtigen, mit nochmals mehr Trockeneiseinsatz befeuerten, wuchtigen Intro wird jedenfalls mehr als deutlich, dass die bereits seit '85 aktiven alten Bühnenhasen auf Theatralik setzen. Der heftig geschminkte Stuart Nicholson am Gesang würde sich auch bei Madame Tussauds und in mancher Geisterbahn gut machen. Seine dramatische Selbstinszenierung trägt viel zu der etwas kühlen, gelegentlich gar an David Bowie oder dessen kalte Epigonen Saviour Machine erinnernden Bühnenpräsenz der Galahadianer bei. Auch die immer ein wenig nach einem tieffliegenden amerikanischen Streifenwagen klingenden Keyboards können etwas verschrecken. Gekontert wird dies aber durch Gitarrist Roy Keyworth mit der rotesten Les Paul, die man je sah, und vor allem von dem druckigen Groove, den Bassist Peter Wallbridge und Schlagwerker Spencer Luckman gemeinsam zu erzeugen verstehen. Die gebotenen Exzerpte aus dem aktuellen Album "Year Zero", "Bug Eye", vor allem aber der positiv abstechende Oldie "Sleepers" kamen jedenfalls in der Boerderij überwiegend gut an. Für Endesunterzeichneten blieb all diese kalkulierte Kühle aber zugegeben etwas im reichlich wabernden Theaternebel stecken.

Beim folgenden Umbau legen übrigens genau wie bei dem vor dem Galahad-Gig die Musiker von Everon mit Hand an, die beiden anderen Bands Teile ihres Equipments zur Verfügung gestellt hatten. Einen Soundcheck gab es nicht, wie Obereverone Oliver vor dem Gig erzählt. Was die Krefelder nicht davon abhielt, eine derartige Wuchtwand von Sound auf die Boerderij loszulassen, wie es auch sehr viel größere Bands mit riesigen Roadcrews nicht besser vermögen.

Der Marketingmann von Everons Label Mascot Records steht neben dem Gaestelisten.de-Schreiberling und versucht sich nicht ganz so anmerken lassen, wie sehr ihn der erste Live-Auftritt begeistert, den er von "seiner" Band mitbekommt. Komplette Tracklist s. Foto-Galerie - mit "Across The Land" hebt das Konzert gleich mit einem der melodiereichsten, mächtigsten Prog-/Rock-Songs des Universums an und vermag dieses Niveau auch im folgenden mit u.a. dem epischen "Flesh" vom letzten gleichnamigen Album zu halten. Erfreulicherweise ist auch Judith Stüber zugegen, die mit ihren warmen, so natürlich klingenden wie extrem gekonnten Gesangsparts auch "Flesh" veredelt hatte. Nummern wie "Already Dead" leben von dem innigen Aufeinandereingehen zwischen dem verblüffenden Talent Judith und dem Sänger, Komponisten, Keyboarder und zweitem Gitarristen Oliver. Nach dem intensiven "And Still It Bleeds" führt Christian "Moschus" Moos im Zuge eines längeren Drumsolos in die Thematik "If this drum could only talk" ein. Rezensent hat bislang nur drei Schlagzeugsoli erlebt, die nicht binnem kurzem Fluchtreflexe auslösen (die anderen beiden waren Cozy Powell und Bobby Rondinelli).

Subtile "unplugged"-Sektionen, u.a. mit "Harbour" belegen schließlich noch, dass die von Freek Wolff mal (bewundernd) als "deutsche Bombastbomber" bezeichneten Everon auch Zwischen- und ganz sanfte Töne beherrschen. Die Musikalität, stille Freundlichkeit und Intensität dieser Musiker und ihrer Tonwelten schlägt einfach in den Bann.

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Surfempfehlung:
www.everon.de
www.sylvan.de
www.boerderij.org
www.galahadonline.fsnet.co.uk
Text: -Klaus Reckert-
Foto: -Klaus Reckert-


 
 

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