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Konzert-Bericht
 
Musikalischer Anspruch im urbanen Nirgendwo

Virginia Jetzt!
Delbo

Worms, MC/DC
17.10.2003
Virginia Jetzt!
Etwas verschlafen ist sie, die provinzielle, aber bestimmt nicht an Charme arme pfälzische Kleinstadt Worms am Rhein. Mit knapp 80 000 Einwohnern fällt sie zudem recht übersichtlich aus. Letztes Jahr verhalfen die als Open Air vor dem Wormser Dom aufgeführten Nibelungenfestspiele der Stadt zu bundesweiter Beachtung, nicht zuletzt wegen der Beteiligung solch berühmter Schauspieler wie Mario Adorf und André Eisermann. Was die moderne Popkultur allerdings angeht, blickt man in Worms seit jeher in ein schwarzes Loch. Eigentlich schade drum, verfügt doch die oberrheinische Kleinstadt mit dem MC/DC über einen sehr schönen und verhältnismäßig großen Musikclub, den eine verspiegelte Bar und ein langer Tresen zieren. Leider wird diese Location jedoch viel zu selten in Anspruch genommen, das Potential ist hier noch lange nicht ausgereizt. Meistens spielen in diesem Laden eher unbekannte Nachwuchscombos aus der Region. Besonders groß ist die Freude natürlich dann, wenn sich auch mal gelegentlich ein renommierter Szene-Act in den Wormser Club, der mal früher eine Bank war, verirrt. Am heutigen Freitagabend darf man sich diesmal auf die derzeit so stark in den Medien präsenten Virginia Jetzt! aus Berlin freuen. Im letzten Sommer beglückten sie die Öffentlichkeit mit dem Release ihrer Debüt-Platte "Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!", auf der sich viele nette deutschsprachige Radio-Pop-Liedchen befinden, die keinem wehtun und nur ein Ziel verfolgen: Nämlich mächtig gute Laune verbreiten.
Delbo
Das Vorprogramm sieht zuerst die Gruppe Delbo zur Einstimmung auf den weiteren Verlauf des Abends vor. Das MC/DC ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht sonderlich gut mit Besuchern gefüllt. Der erste Höreindruck dieser Band bestätigt: Delbo sind nicht ganz so eingängig und handzahm wie Virginia Jetzt! Sie sprechen ihre eigene Sprache, ihre groben Indie-Rock-Songs sind mit Melancholie durchtränkt und erzählen auf Deutsch urbane Geschichten aus der Hauptstadt. Seit der Bandgründung im Dezember 1999 hat das Trio aus Berlin eine beachtliche Entwicklung durchgemacht. Das Debütalbum "Holt Boerge!" von Delbo wurde vor zwei Jahren bei den Kritikern noch mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die Anfang Oktober auf den Markt geworfene Platte "Innen/Außen" kommt da besser weg. In allen gebräuchlichen Musikgazetten werden Delbo mit Lobeshymnen überhäuft. Im Wormser MC/DC machen sie sich daran, die Stücke von "Innen/Außen" vorzustellen. Zwischendrin darf der Sänger und Bassist eine freudige Botschaft verkünden: "Uns ist zu Ohren gekommen, dass unsere neue CD heute bei den Verkaufscharts von Amazon.de um 3 000 Plätze auf den Rang 7 000 gestiegen ist! Nicht schlecht für einen Freitag, oder?" Ein kurzes Lachen zieht durch das Publikum. Wenn Delbo weiterhin so ausgiebig auf Tour gehen, können sie sicher noch so einige Plätze bei Amazon.de nach oben klettern und weitere Platten-Käufer erschließen. Zumindest die mit den Adidas-Trainingsanzügen.
Virginia Jetzt!
Mittlerweile ist das Wormser MC/DC auch ganz ansehnlich mit vielen Freunden handgemachter Musik vollgestopft, die nun vor der Bühne des Auftritts von Virginia Jetzt! harren. Ein Blick auf die Kennzeichen der geparkten Autos vor dem Club verrät jedoch, dass es sich bei den Zuhörern größtenteils nicht um Wormser, sondern um von weiter her angereiste Fans der Gruppe handelt. Heidelberg, Koblenz, Neustadt - sogar jemand aus Berlin fand den weiten Weg in die Pfalz nach Worms, nur um Virginia Jetzt! zu sehen. "Sag mal, bist du geistesgestört, so eine Anfahrt auf dich zu nehmen?!", fragt daher Bassist Mathias Hielscher die betreffende Person mit einem belustigtem Grinsen im Gesicht. In Worms ziehen Virginia Jetzt! eine routinierte Show ab und spielen sich souverän durch ihr 90 Minuten dauerndes Repertoire. Hin und wieder reißen die vier Wahlberliner den einen oder anderen flachen Witz über den ach so kuriosen Namen der Stadt, in der sie heute gastieren ("Da ist der 'Worms' drin!"), was vor allem den Lokalpatrioten im Saal leicht aufstößt. Folglich kommt es zu einem kleinen Knick in der Stimmungskurve, der einige Minuten anhält und nur langsam vergeht. Der Publikumsreißer des Abends ist wie erwartet die Nummer "Dreifach schön", deren Video-Clip oft auf MTV zu sehen ist und die von den Zuhörern mitgesungen wird. Die erste Singleauskopplung "Von guten Eltern" wird gleich hinterhergeschoben. "So richtig kenne ich Virginia Jetzt! gar nicht, ich hab vor kurzem ein Video von denen im Fernsehen gesehen und noch so ein Lied im Radio gehört. Die zwei Stücke haben mir gut gefallen, darum bin ich jetzt hier auf dem Konzert", erzählt eine junge Frau im Publikum. Mit der Macht der Medien im Rücken hat eine Musikgruppe kommerziell gesehen nun mal nicht zu übertreffende Möglichkeiten.

Als Zugabe covern Virginia Jetzt! den 80er-Hit "Smalltown Boy" von Bronski Beat, womit ein atmosphärischer Abend sein Ende findet. Fazit: Damit die Popkultur in Worms ihre Früchte tragen kann, müssen von nun an viel öfter und regelmäßiger bekannte Acts ins MC/DC geholt werden. Da kann offenkundig noch was draus werden, in Planung sind eventuell Engagements von Bands wie Blackmail, Sportfreunde Stiller oder Blumfeld. Solche Gruppen sind es, die mithelfen können, eine Kleinstadt wie Worms aus ihrem jugendkulturellen Dornröschenschlaf wach zu küssen.

Surfempfehlung:
www.virginiajetzt.de
www.delbomat.de
www.party-worms.de
Text: -Christian Hoffmann-
Fotos: -Christian Hoffmann-


 
 

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