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Comes A Time...

Neil Young
Jonathan Richman/ Joanna Newsome

Berkeley, Berkeley Community Theater
15.09.2004
Neil Young
Onkel Neil hatte geladen, und alle waren sie gekommen: Ein trommelnder Indianerhäuptling im Rollstuhl samt tanzender Tochter, Gary Farmer - wir kennen ihn als Nobody aus Jim Jarmuschs Film "Dead Man" - in seiner Eigenschaft als Chef der Radiostation "Aboriginal Voices Radio", dann die Slide Gitarre spielende Pura Fé, sowie eine Karate- und Tanzübungen aufführende Jugendgruppe des Destiny Arts Center. So ähnlich muss es auch in Greendale zugehen. Ans Eingemachte ging es jedoch erst, als Joanna Newsome die Bühne betrat. Als "next big thing" angekündigt, strapazierte die Harfenvirtuosin und Sängerin aus Nevada City mit ihrer quäkigen Babystimme jedoch die Ohren eines nicht gerade kleinen Teils des Publikum so sehr, dass sich einige genervt in die Lobby verkrümelten. Ein wie immer zu Scherzen und exaltierten Tanzeinlagen aufgelegter Jonathan Richman kam danach gerade richtig, um mit charmant verspieltem Humor verlorengegangene Sympathien zurückzugewinnen.
Neil Young schlurfte kurz nach zehn den Arm zum Gruß erhoben auf die Bühne, um es sich inmitten von Gitarren, Flügel, Harmonium und Klavier bequem zu machen, und den Reigen mit "Pocahontas" zu eröffnen. Ins Publikum blickte er den ganzen Abend so gut wie nie, aber ein paar gewohnt lakonisch trockene Kommentare über das eigene Alter und das der Songs ließ der alte Grantler hin und wieder ab. Er wolle nun einen alten Song spielen, kündigte er das in der Tat sehr alte "On The Way Home" an, und er fügte hinzu, dass das zuvor gespielte "Harvest Moon" für seine Verhältnisse neu sei. Der Song ist von 1992. Aber ob alt oder neu - solch lineare Kategorien haben im Universum eines Neil Young ohnehin keine besondere Bedeutung. Während "Journey Through The Past" verging die Zeit langsamer als sonst. Es war das erste Mal seit 1976, dass der Song wieder live zu hören war. Was die Magie dieses Songschreibers, Gitarristen, Sängers und Menschen ausmacht, wer kann das schon genau sagen. Sie beginnt wahrscheinlich bei einer schnarrenden E-Saite und endet beim rustikalen Charme des 58-jährigen Kanadiers. Irgendwo dazwischen liegt die mittlerweile noch dünnere Stimme, die bei Weitem nicht immer perfekte Vortagsweise - insbesondere das Klavierspiel verdiente an diesem Abend eher die Note "jenseits von Gut und Böse" - und seine leicht schroffe Holzfällermentalität. Eine seiner Gitarren sei irgendwann in den 60ern mal in einen Schusswechsel verwickelt gewesen. Die Stelle, wo die Kugel die Zarge durchschlagen habe, könne man noch erkennen...

Nach einer halben Stunde rief Neil seine Frau Pegi auf die Bühne, die fortan mit Harmoniegesang und eher seltsamen Tanzbewegungen aushalf. Es folgten mit "Human Highway" und "Four Strong Winds" die unerwarteten Highlichts eines Abends. Im Zugabenteil gab Neil Young zu, er müsse erst einmal grübeln, was er denn noch so spielen könnte, womit er ein Ritual auslöste, was bei seinen Solokonzerten mittlerweile nicht mehr wegzudenken ist: Das lauthals Herausbrüllen von Songwünschen seitens des Publikums. Der Meister würdigte keinen einzigen, quittierte aber den Wunsch eines Spaßvogels nach "Sweet Home Alabama" mit den Worten: "That's one of my favorites." Nein, er habe sich etwas anderes ausgedacht. Es sei ein Song, auf den er gekommen sei, als er mal wieder über die "Archives" nachgedacht habe, jene ultimative, seit langem angekündigte und nie erschienene Retrospektive aus unzähligen unveröffentlichten Songs. Das würde schon irgendwann kommen, versicherte Neil: "I'm moving slowly." Beim Wort "archives" jedoch vertummte der Saal urplötzlich. Was würde jetzt kommen? Irgendein Outtake aus den 70ern? Das, was dann tatsächlich kam, war einer der meistgespielten Songs überhaupt: "Comes A Time". Diesen Scherz hat im ersten Moment keiner verstanden. Erst erzählt er uns einen von den "Archives" und dann sowas. Frust. Doch halt! Die "Archives"... irgendwann sollen sie kommen... "comes a time" eben. Diese Art von Coolness tat richtig weh. Und wahrscheinlich war es ihm gar nicht bewusst, aber das war der Punkt, an dem wir nur für eine Sekunde Neil Young erklären konnten: Das Verhältnis zum Publikum, den gute Willen, die Entfremdung und die Auferstehung. Er kann es noch.

Surfempfehlung:
www.neilyoung.com
www.hyperrust.org
www.destinyarts.org
Text: -Christian Spieß-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

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