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Take Root Festival

Assen, De Smelt
02.10.2004

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Cowboy Junkies
Wie in jedem Jahr fand am ersten Samstag im Oktober das Take Root Festival im De Smelt, im niederländischen Assen, statt. Die Anfahrt zum "Home of American Roots Music" gestaltete sich gegen Ende gleich zu einer Geduldsprobe: Hinter Hogeveen, ungefähr 10 km vor Assen, hatte "Rijkswaterstaat" die Autobahn abgesperrt, um die Seitenstreifen in Ruhe mähen zu können. Die Umleitung bedeutete zwar eine Verzögerung von gut einer Stunde, führte dafür aber auch durch eine landschaftlich sehr reizvolle Gegend. Nun ja, immerhin ging es ja im weitesten Sinne auch um "ländliche Musik". Die Organisatoren hatten beschlossen, dieses Mal im großen Saal an Stelle von zwei lediglich eine Bühne zu plazieren. Dafür waren aber im Akustiksaal erheblich mehr Stühle aufgestellt worden als in den vergangenen Jahren.
Thomas Denver Jonsson aus Schweden eröffnete im Akustiksaal das Festival mit zweiköpfiger Begleitband. T.D. Jonsson ist beileibe kein Neuling in der Musiklandschaft mehr. Obwohl seine Debüt-CD erst im Oktober 2003 herausgebracht wurde, gab er in den vergangenen Jahren mehr als 100 Konzerte im Norden Europas. Er zeigte sich zum Ende seines Sets sichtlich bewegt vom Zuspruch des Publikums und versprach, bald mit voller Band zurückzukehren. Anschließend war ein schneller Wechsel in den großen Saal notwendig, um auch noch etwas von den kanadischen Sadies mitzubekommen. Die Brüder Travis und Dallas Good spielten Gitarre, als ob ihr Leben davon abhinge, zumindest wenn Travis seine Geige nicht in die Hand nahm. Trotz einer kräftigen Dosis Garage, Surf und 60s Psychedelia blieb das Ursprüngliche der Country-Einflüsse immer präsent. Übrigens veredelten die Sadies mit ihrem No-Nonsense Attitüde als Backing Band soeben die aktuelle Neko Case-CD und sorgten dort für ein überraschendes Ergebnis. Einen recht überzeugenden Auftritt bot Mary Lee's Corvette im proppevollen Kleinen Saal. Mary Lee's Corvette ist Mary Lee Kortes, die nicht nur als Singer-Songwriterin tätig ist, sondern auch noch Romane schreibt. Mit einer eigenwilligen Coverversion der kompletten "Blood On The Tracks"-LP von von Bob Dylan aus dem Jahr 1975, landete sie 2002 einen Überraschungshit und wurde damit in den Niederlanden bekannt. Begleitet von einem Gitarristen spielte sie ihre anspruchsvollen Songs mit intelligenten Texten, die sich deutlich am großen Vorbild orientierten. Gegen Ende ihres Auftritts zog es aber doch einen Großteil des Publikums in den großen Saal zu Giant Sand. Hier konnte man dann erleben, wie Howe Gelb mit seiner neuen Dänen-Band fast ohne seinen üblichen Schnickschnack ein wohltuend rockiges und konzentriertes Set darbot. Sein Versuch, mit dem Publikum zu kommunizieren, blieb aber leider erfolglos - vielleicht auch wegen der Breite des Fotografengrabens, der sich so gar nicht dem Intimitätscharakter sonstiger Howe-Konzerte verstand. Während dessen wusste die in Stockholm lebende Norwegerin Ane Brun im Akustiksaal die zurückströmenden Zuhörer zu überzeugen. Mit ihrer kräftigen hellen Stimme und ihrem eleganten Gitarrenspiel verstand sie es - dieses Mal von einer Pianistin begleitet, die die eher spröden Songs von Ane auf interessante Weise umspielte - das Publikum zu fesseln, das mit Aufmerksamkeit und vor allem fast lautlos lauschte. Tom Freund begann dann seinen Auftritt ohne jede Einleitung. Wie von selbst reihte sich Song an Song - sowohl von seinem Debüt-Album "North American Long Weekend" als auch von seinem Album "Copper Moon". Tom Freund kommunizierte dennoch auf vielfältige Weise mit den Zuhörern; und nachdem er von der Gitarre zum verteufelt gut gespielten Kontrabass wechselte, schaffte er es sogar, die Zuhörer zum Mitschnippen mit den Fingern zu bewegen. Auf dem Hauptpodium hatte derweil Susan Cowsill mit Band ihrem Auftritt begonnen, den sie professionell, aber ohne wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen, absolvierte. Das erinnerte stark an ihren Auftritt am Abend zuvor in Köln und zeigte nochmals, dass sie in Bands mit einem kreativem Gegenpart - wie z.B. den Continental Drifters - besser aufgehoben scheint. Für Johnny Dowd mit seinem Partner Willie B. Nelson wurde anschließend extra eine große Leinwand aufgebaut. Die Session lief unter dem Motto "Werdegang eines Menschen über verschiedene Stationen seines Lebens" ab; mit den begleitenden Bildern (projiziert von Mrs. Dowd), und gesprochenem Wort fügte Johnny Dowd seinen Auftritten eine ganz neue Dimension hinzu. Dowd erweist sich immer mehr als Querdenker und Unikum in der Rock'n'Roll-Welt. Die Deadstring Brothers aus Detroit waren dann gar keine Brüder, sondern eine Alt.Country-Band allererster Güte - die allerdings vielleicht eine Nummer zu poppig wirkte. Sänger und Gitarrist Kurt Marschke wurde dabei effektiv durch den Harmoniegesang von Masha Marjieh unterstützt. Als einziger Minuspunkt sei genannt, dass die Band über keinen echten Sologitarristen verfügt - was vielleicht den Pop-Faktor hinreichend erklärte? Danach trat im Songwritersaal Dawn Kinnard auf. Dawn, aufgewachsen in Pennsylvania als Tochter eines Baptisten-Predigers, wird gemeinhin als neue Lucinda Williams am Musik-Himmel angekündigt. Ihre Debüt-CD, die im vorigen Jahr in den Niederlanden auf dem Markt erschien, versetzte das Publikum in große Erwartung. Ob dieser Vorschusslorbeeren wirkte Dawn Kinnard dann auch reichlich nervös, was zum Beispiel in einer für alle zu hörenden Zurechtweisung ihrer Backingband gipfelte - was leidlich unsouverän wirkte. Letztlich zeigte es aber auch, dass die Gute noch ziemlich menschlich wirkte. Ihre Unerfahrenheit sollte aber nicht von der Darbietung ihrer Lieder ablenken, die vor allem wegen der verschmelzenden subtilen Harmoniestimmen imponierten.

Den Höhepunkt des Festivals bildeten dann ohne Zweifel die Cowboy Junkies aus Kanada. Margo Timmins bewegte sich wie eine Python auf dem Podium und zog wie von selbst jede Aufmerksamkeit auf sich - gerade so, wie es einer echten Diva eben zusteht. Jeffrey Birds einzigartiges Fuzz-Mandolinenspiel und besonders das perfekte Timing von Gitarrist Michael Timmins begeisterten wieder einmal restlos. Tatsächlich glaubt man dem Mann, wenn er sagt, dass das Gitarrespielen ihm nach all den Jahren immer noch Spaß macht. Die Cowboy Junkies gaben jedenfalls eine grandiose Vorstellung. Im Akustiksaal bereitete sich derweil Darrell Scott auf seinen Auftritt vor. Darrell Scott hat schon mit Guy Clark zusammengearbeitet und weist eine enorme Bühnenerfahrung auf. Außerdem arbeitete er zusammen mit den Dixie Chicks an deren Hits "Long Time Gone" und "Hearbreak Town". Und trotzdem hatte man das Gefühl, dass dieser "Dinosaurier" der Roots-Szene es sich und seinem Publikum tatsächlich unbedingt noch einmal beweisen wollte. Nach gut der Hälfte des Auftritts erschien dann Partnerin Suzi Ragsdale auf dem Podium und begleitete Darrell Scott mit ihrem Harmoniegesang sowie mit Keyboard und Harmonika. Und es "klickte" zwischen dem Duo und dem begeisterten Publikum, wie viele der Zuhörer deutlich machten. Den Abschluss des Festivals bildeten dann Th' Legendary Shack*Shakers, die mit ihrer Mischung aus Tanzfest-Musik aus den Appalachen, rauhem Blues, Punk und selbst Humpa-Polka das Publikum, das noch erstaunlich zahlreich vorhanden war, noch einmal mobilisierte und in die richtige Stimmung für die zum Teil doch beträchtlich weite Heimfahrt brachten.

Fazit: Die große Leinwand im Konzertsaal bedeutete für die Zuschauer die Möglichkeit, dem Geschehen im Akustiksaal zu folgen, oder für diejenigen, die weiter hinten standen, den Auftritt auf der Hauptbühne mitzuverfolgen. Störend wirkten ab und an allerdings die Kameraleute, die schon mal im Weg standen, und vor allem im Singer / Songwriter-Saal zeitweise den Eindruck erweckten, als ginge es darum, jede Hautfalte eines Künstlers zu dokumentieren. Das Positive an der Kameraarbeit dagegen ist, dass es in Kürze eine DVD dieses Festivals auf dem Markt geben wird. Der Presse- bzw. Fotografengraben vor der großen Bühne wirkte leicht überdimensioniert, wodurch das Publikum vor dem Hauptpodium ungefähr drei Meter von den Künstlern entfernt stand - während im Akustiksaal der Zuschauer fast auf Tuchfühlung mit den Künstlern gehen konnte oder, wegen der vorherrschenden Überfüllung sogar musste. Alles in allem war das wiederum ein tolles Festival, das letztendlich mit 2 000 Besuchern nach Angaben der Veranstalter ausverkauft war und zeigte, dass das Take Root - zumindest für Nordeuropa - tatsächlich zur Heimat der Roots-Musik geworden ist.

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Text: -Peter Pricken-
Foto: -Peter Pricken-

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