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Konzert-Bericht
 
Nicholson, Hunt, Hamilton

Helmet
Lockjaw

Hamburg, Grünspan
10.12.2004
Helmet
Besser geht es nicht! Denn was Helmet und Hamilton an diesem Freitag im Hamburger Grünspan boten, war vermutlich das beste Konzert, was man dieses Jahr besuchen konnte. Vorraussetzung: Man ist Teil der Gattung der Helmet-Jünger, hört das Album "Size Matters" immer und immer wieder und hat auch die Frühwerke der Band niemals vergessen. Dann war dieser Abend ein Genuss, ein Highlight, ein unvergessliches Erlebnis. Die anderen, und von denen waren einige tatsächlich im Grünspan (und der Gaesteliste.de-Redaktion namentlich bekannt), saßen im Vorraum, tranken Kaffee und fragten sich, warum so viele Leute stets strahlend und begeistert durch den Club irrten. Weil sie eben ein Teil der Gattung der Helmet-Jünger sind.
Im Vorprogramm mühten sich Lockjaw und das machten sie schon mehr als ordentlich. Bei feinem Sound rockten sich die Solinger durch ihr Set, hatten die eine oder andere Noise-Perle im Gepäck, boten eine motivierte und energetische Show und sorgten für die ersten Aufwärmübungen. Ein sympathischer Auftritt, der Lust auf mehr macht.

Dann Helmet. Endlich. Nach sieben Jahren waren sie zurück. Beziehungsweise Page Hamilton war mit einer neuen Band zurück. Lediglich vor der Reunion schon dabei war Gitarrist Chris Taynor, neu an Bord sind Drummer John Tempesta, der vorher für Testament und Rob Zombie auf die Felle gedroschen hat, und der ehemalige Anthrax-Bassist Frank Bello. Und gemeinsam sind sie mehr Helmet, als es die frühreren Besetzungen je waren. Denn das Quartett präsentierte sich als Einheit. Keine zusammen gewürfelte Altherren-Mannschaft, die ihre Rente einspielen will, sondern eine Band, die Spaß am Rock N Roll hat.

Schon als die ersten Töne vom "Aftertaste"-Opener "Pure" erklangen, bebte der Club. "Das besten Konzert, auf dem ich je war" schrieben manche sofort per SMS an ihre Freundin und meinten das ernst. Und hatten vermutlich auch Recht. Hamilton sang besser, als er je gesungen hat und schrie, wie es eben nur er kann. Bello tobte über die Bühne, streckte jedem seine Zunge entgegen, der sie sehen wollte und alle zusammen spielten ein famoses Best-Of-Set, bei dem die letzten zwei Werke im Mittelpunkt standen. Highlights? Jede Nummer! Ob "See You Dead", "Exactly What You Wanted", "Unsung" oder "Wilma's Rainbow" - die Gänsehaut wollte partout nicht mehr verschwinden. "Wir haben doch gar keine Nebelmaschine", scherzte Hamilton aufgrund der Rauschwaden, die das Grünspan vernebelten, nur um gleich den nächsten Kracher unter's Volk zu rocken. Der Sound war perfekt, das Licht sowieso und kaum einer wippte nicht begeitert mit dem Kopf, wenn es Hits wie "Meantime", "Bad Mood", "Iron Head" oder "Milquetoast" gab. Mit Ausnahme eben derer, die Kaffee tranken. Und die haben was verpasst. Nämlich das beste Konzert des Jahres.

Helmet
NACHGEHAKT BEI: HELMET

Ein paar Stunden vor dem Konzert in einem Hotel in Hamburg. Page Hamilton schlürft in die Lobby. Im perfekten Deutsch checkt er ein, ehe er sich sichtlich erschöpft auf sein Zimmer zurück zieht. Am Tag zuvor spielten sie nicht nur in Berlin, auch Dimebag Darrel wurde auf einer Bühne in den USA erschossen. Und mit dem war Hamilton gut befreundet. "Wir haben gestern lange darüber gesprochen und mit vielen Freunden gemeinsam getrauert", erzählt er. "Das war sehr hilfreich." Er kann es wie wir alle nicht fassen. "Was für ein Arschloch", bringt er es auf den Punkt. Aber Hamilton ist auch Profi. Er spricht über Helmet und das tut er gerne. Trotz der alles anderen als guten Vorraussetzungen. Und er entpuppt sich als ungemein sympathischer Gesprächspartner, mit dem man gerne länger als eine halbe Stunden sprechen würde.

GL.de: Wie oft hast du in den letzten Jahren an Helmet gedacht?

Hamilton: Immer mal wieder natürlich. Aber ich habe jetzt nicht ohne Pause Helmet-Songs gehört. Ganz im Gegenteil, ich hatte ja eine neue Band in New York, die Gandhi hieß. Wir waren ein paar Freunde, die zusammen Spaß gehabt haben. Wir haben abgehangen, getrunken und Musik gemacht. Es war uns nie so ernst, wie es damals mit Helmet war. Damals stand die Musik im Vordergrund und das habe ich vermisst.

GL.de: Aber du hast schon ab und an ein paar alte Songs von dir gehört?

Hamilton: Eigentlich nicht. Aber als die Best-Of-CD ("Unsung - The Best Of Helmet") entstand, habe ich mich bewusst hingesetzt und die alten Nummern gehört und ausgesucht. Das war das erste Mal seit langer Zeit und es war verrückt. Da hört man Sachen, an die man sich nicht mehr erinnert und denkt nur "Wow, das hast du mal gemacht".

GL.de: Denkt man auch mal "Oh Gott, was habe ich da nur angestellt?"

Hamilton: Klar, immer wieder. Es gibt einige Riffs und Strophen, die ich gern anders gemacht hätte. Aber das denkt man schon, sobald ein Album fertig ist. Auf "Aftertaste" gibt es den Song "Like I Care". Wir hatten ihn schon aufgenommen und als wir in kurze Zeit später noch einmal spielten, entdeckten wir einen Akkord am Ende, den wir unbedingt in dem Song haben wollten. Heute wäre das kein Problem, aber das war 1996 und da gab es all den Computer-Krams, Pro-Tool und so was nicht. Wir nahmen es also noch mal auf. Denn wir wollten es unbedingt, weil es so schön war. [Um der Geschichte Nachdruck zu verleihen, greift Page Hamilton plötzlich zur Luftgitarre und beginnt eben diesen Part des Songs zu singen: "It always feels good to be right, na na na, and act like I care." Es war ein seltsames Gefühl, den Mann nach so vielen Jahren erstmals wieder live singen zu hören. Und dann nicht in einem Club, sondern nur für einen selbst.] Man ist nie mit einem einzelnen Song zufrieden. Aber wenn ich auf das Ganze zurück blicke, bin ich schon sehr glücklich, was wir damals geschafft haben. Ich bin ein sehr geduldiger Schreiber, ich lasse mir Zeit und nehme nicht vorschnell auf. Ich möchte, dass meine Songs wirklich gut sind und die Leute nicht denken, "Ah, cool, Helmet, das ist ganz okay", ich habe einen anderen Anspruch und möchte keine "Pop-Sensation" werden, ich möchte Sachen machen, die man hoffentlich auch noch in 20 Jahren für frisch und aktuell hält. Denn es ist doch schrecklich, wenn eine Band für eine Epoche wie Grunge oder meinetwegen einen 80er Drum-Sound steht.

GL.de: Wie fühlt es sich an, wieder mit Helmet unterwegs zu sein?

Hamilton: Es ist großartig, wieder auf Tour zu sein und überall Freunde zu treffen. Gestern in Berlin, überall in den Staaten, in Europa und alle sagen, es ist so ein besonderer Vibe auf der Bühne, und man spürt, dass wir Spaß haben. Das Ding ist, dass wir uns gegenseitig wichtig sind und das war früher nicht immer der Fall. Wir waren sicher eine gute Band, aber es fehlte die Kommunikation. Wir arbeiteten nicht zusammen. Ich brachte die Songs, wir probten und nahmen sie auf. Und dann sahen wir uns wieder, wenn wir auf Tour gingen. Das war es. Wir verbrachten keine Zeit miteinander und es war einfach keine Liebe dabei. Und irgendwann merkte ich, dass es keinen Sinn mehr machte.

GL.de: Denkst du heute auch noch, die Auflösung war die richtige Entscheidung?

Hamilton: Absolut ja!

GL.de: Gab es keine Möglichkeit, einzelne Mitglieder auszutauschen? Schließlich warst du der Boss.

Hamilton: Nun, ich denke, der Break war gut. Er war aber zu lang. Ich dachte damals, wir machen ein oder zwei Jahre Pause und dann geht es weiter. Aber Henry [Bogdan, Bass] hatte keine Lust mehr, er macht lieber Country und zu John [Stanner, Schlagzeug] habe ich heute auch keinen Kontakt mehr. Es war wohl das Beste und gab mir die Zeit, etwas anderes zu machen. Und das neuen Album ist das Resultat. Es ist tiefgründiger, dynamischer, harmonischer und melodischer. Und auch die Lyrics sind besser. Ich habe mich als Songwriter einfach weiter entwickelt. Denn ich habe nicht nur eine Menge Erfahrungen gesammelt [Hamilton arbeitete in den letzten Jahren mit unter anderem David Bowie, Gavin Rossdale und Trent Reznor zusammen] und viel andere Musik gehört, ich hatte auch keinen Druck, ich musste nicht auf Zwang etwas fertig stellen und konnte in aller Ruhe an den Songs arbeiten. Aber ich möchte jetzt nicht wieder sieben Jahre warten, bis das nächste Album erscheint.

GL.de: Wir auch nicht.

Hamilton: Haha! Ich habe schon wieder ein paar Songs geschrieben und einige andere in meinem Kopf, die ich nach der Tour fertig stellen möchte.

GL.de: Hattest du Angst, den Ruf von Helmet zu zerstören, als du die Band reformiert hast?

Und Hamilton startete einen mehrmütigen Monolog, der nur vom Zimmerservice kurz unterbrochen wird und weit über eine einfache Antwort hinaus geht...

Hamilton: Ja, am Anfang hatte ich ein ungutes Gefühl. Denn wenn man ein Bandleader ist, muss man dafür sorgen, dass alles smooth ist, dass jeder happy ist. Denn jeder hat ein Ego und jeder will sein Zeug einbringen. Du bist für alle verantwortlich und musst dich darum kümmern, wenn es einem nicht gut geht, egal was es ist. 90 Prozent der Probleme sind scheiße, das sind Ego-Probleme. Aber auch die musst du lösen. Es geht eben immer um die Band und ohne die anderen Musiker wäre ich ein Niemand. Ich müsste mit der Akustik-Gitarre meine Songs spielen und "In The Meantime" würde unplugged scheiße klingen. Also brauche ich gute Musiker, die mich verstehen und wissen, was ich will. Und wenn du diese Musiker dann gefunden hast, musst du alles tun, um sie glücklich zu machen. Als wir damals übrigens aufgehört haben, war es auch die Entscheidung der Musiker, niemand wurde gefeuert. In den letzten Jahren haben mir die Leute dann erzählt, wie toll Helmet waren und dass wir andere Bands beeinflusst haben. Und dabei merkt man dann, dass man die Band vermisst. Viele fragten, ob man nicht wieder was mit Helmet machen möchte und man sagt immer wieder nein. Doch die Zeit vergeht und man sagt sich: "Es war eine Rockband!" Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe die Band damals gegründet, in der "Village Voice" nach Musikern gesucht und wusste, was ich wollte. Wir haben gespielt und uns in eine Richtung entwickelt. Das waren tolle Musiker, aber heute ist mir klar, ich muss nicht die ganze Zeit mit den gleichen Leuten arbeiten. Denn es ist meine Band und ich mache das mit den Jungs, mit denen ich es machen möchte. Ich kann Fans verstehen, die sagen, dass es nicht mehr die gleiche Band ist, aber ich kann doch jetzt nicht die ganze Zeit rumsitzen und trauern, dass es nicht mehr so wie früher ist. Dafür ist das Leben zu kurz, wie wir gestern gesehen haben, als unser Freund erschossen wurde. Er war 38 Jahre alt und machte das, was er liebte, als ein Arschloch auf die Bühne kam und ihn abknallte. Wir sind doch nicht die Beatles, wir sind nicht mal Pink Floyd. Wir sind einfach eine Rockband! Ich habe sie gegründet und wenn ich die Band Helmet nennen möchte, in der ich spiele, dann mache ich das! Bei allem Respekt für John und Henry. Chris [Taynor, Gitarre] hat mit Henry gesprochen, ob er nicht wieder einstiegen will und wir haben auch John kontaktiert. Doch es kam keine Resonanz. Na und? Dann machen wir es eben ohne sie. Wenn ein Fan wirklich ehrlich zu sich selbst ist und nur auf die Musik achtet, wenn er das Album hört, kann er nicht sagen, es sei nicht Helmet. Wenn jetzt ein Super-Indie-Hardcore-Fan kommt und sagt, er hat uns 1990 im CBGB's gesehen und behauptet, es wäre nicht Helmet, dann fein, aber das hat für mich nichts mehr mit Musik zu tun. Reznor hat dauernd andere Musiker bei Nine Inch Nails. Aber würde jemand sagen, es wären nicht die Nine Inch Nails? Niemand, denn er schreibt die Songs. Manche Bands sind ein Kollektiv, wie U2 oder Radiohead. Das sind Bands, die zusammen die Musik kreieren. Auch Helmet sind von den Musikern abhängig, aber die Richtung kommt von mir. In 30 Jahren, wenn niemand mehr die Band kennt, und man spielt jemandem "Smart" von diesem Album, "Exactly What You Wanted" von "Aftertaste" und "You Borrowed" von "Meantime" vor, dann hört man zwar eine Entwicklung, aber die Elemente der Band sind die selben. Mein beschissene Gitarren-Soli, meinen Gesang und die wirklich coolen Riffs.

Pause. Durchatmen. Und auf das Konzert freuen.

Surfempfehlung:
www.helmetmusic.com
www.helmet.de
www.lockjaw.de
Text: -Mathias Frank-
Fotos: -Chapman Baehler / Mathias Frank-


 
 

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