Ecken und Kanten gibt es bei Rachael Yamagata hingegen zu Hauf. Heutzutage sogar noch mehr, als zu Major-Zeiten. Es fing damit an, dass sie - budgetbedingt - mit nur zwei Musikern angereist war. Michael Chavez und Dan Clarke mühten sich an Gitarren, Bass und dem rudimentären Drumkit redlich - aber letztlich vergeblich -, eine vollständige Band zu emulieren, die etwa den recht opulenten Arrangements des neuen Materials entgehen gekommen wäre. Zudem war auf der bisherigen Tour, auf der, wie Rachael nicht ohne Ironie betonte, bereits vier Vans verbraucht worden waren, ein Teil des Equipments verloren gegangen, so dass etwa ihre E-Gitarre noch in Skandinavien - oder sonst wo - verweilte. Das Problem war dann ein wenig, dass die Arrangements eigentlich nicht umgearbeitet worden waren und so im Prinzip immer irgendetwas fehlte: Einen richtigen Drum-Einsatz gab es zum Beispiel eigentlich nur bei einem der wenigen "nicht depressiven"-Songs aus Rachaels Oeuvre, dem Up-Tempo-Blues "The Way It Seems To Go" - bei dem dann deswegen die Gitarre fehlte, denn Rachael saß hier - Carole King-Style - am Piano.
Egal: Die Musikanten gaben ihr Bestes und überzeugten dann insbesondere durch den Gesang - Rachael, weil sie jeden Song mit Inbrunst und Soul hinlegte und jeden noch so unbedeutenden Schlenker auslebte, als sei es ihr letzter - und die Herren, weil sie mit ungewohnt sanftmütigen (und hohen) Harmoniegesängen überraschten. "So eine Band muss man auch erst mal finden", meinte Rachael dazu. Aufgrund des ständigen Wechsels der Instrumente war natürlich für Abwechslung gesorgt, die durch einige Solo-Momente Rachaels sogar noch variiert wurde - beispielsweise spielte sie das Duett "Duet", das sie auf der letzten Scheibe mit Ray Lamontagne sang, alleine - lieferte aber auch gleich die Story dazu: Es geht um den Beziehungen zwischen Künstlern. Aber im Prinzip geht es bei Rachaels Songs ja sowieso immer um Beziehungen - und zwar solche, die sich irgendwie in Schräglage befinden. Das ist auch bei dem mit Mike Viola geschriebenen "You Won't Let Me" so, zu dem Rachael noch die Wal-Anekdote zu berichten hatte: Als sie das fertige Stück zum ersten Mal hörte, befand sie sich an einem Strand und beobachtete, wie ein toter Baby-Wal angespült wurde. Das sei ja wohl ein Zeichen, so sagte sie, - sie habe es bislang lediglich noch nicht deuten können, hoffe aber doch, dass dieser Song nicht gerade Wale töte. Woraufhin Michael Chavez umgehend Walgesänge auf seiner Gitarre anstimmte. Überhaupt stimmte die Chemie zwischen den Musikern, was sich in amüsanten Bühenpalaver voller zweideutiger Innuendos - etwa folgender Natur - äußerte: "Ich habe mein Plektron in meinem BH versteckt, weil ich keine Taschen habe", meinte Rachael. "Das mache ich auch immer", antwortete Chavez, "hast du vielleicht dort auch meine Drumsticks? Ach nein, warte, ich habe sie gefunden - sie waren in Dans Hose."
Nun gut - eine Comedy-Veranstaltung wurde das Ganze am Ende dann doch nicht, denn dazu sind Rachaels Songs einfach zu melancholisch und tiefgründig. Als das Konzert dann aber mit "Dealbreaker" zu Ende ging, war am Ende somit doch ein gelungener Konzertabend zu verzeichnen - jedenfalls für solche Leute, die auf Konzerten gerne etwas anderes geboten bekommen, als auf der CD; denn mit dem, was der beiläufige Hörer vielleicht von Rachael Yamagata aus US-Fernsehserien kennt, hat die "richtige" Rachael aus Fleisch und Blut nicht viel zu tun.
