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Die große Koalition zeigt Wirkung

Steve Wynn

München, Substanz/ Köln, Gebäude 9
12.11.2005/ 15.12.2005

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Steve Wynn
Kaum ist die große Koalition beschlossene Sache, schon zeigt sie Wirkung, so könnte man glauben. Steve Wynn, dessen Auftritt für 21.00 Uhr angekündigt war, bittet den Veranstalter darum früher beginnen zu dürfen, da er aus jahrelanger Bekanntschaft mit dem Substanz auch dessen Probleme mit dem Curfew (spätestens 22.30 ist Ende mit Live Musik. Dank an die Nachbarn!) kennt und gerne freiwillig etwas länger spielen will. Wenn sich diese Arbeitsmoral in Deutschland durchsetzt, kann es mit (oder trotz) der großen Koalition nur aufwärts gehen.
So ist der kleine Club zu Beginn auch noch nicht besonders gut gefüllt, als Steve Wynn um viertel vor neun mit "Death Valley Rain" gleich fulminant loslegt. Umso bewunderungswürdiger ist die Freude, mit der alle Akteure ans Werk gehen. Immer wieder kann man beobachten, wie ein Lächeln übers Gesicht huscht und wie per Augenkontakt miteinander kommuniziert wird. Die Rhythmus Gruppe - bestehend aus Linda Pitmon am Schlagzeug, dem für die Europa Tournee dazugekommenen Bassisten Erik van Loo sowie Steve Wynn an der Gitarre - baut dabei ein solides Gerüst, auf dessen Basis der Leadgitarrist Jason Victor seine Soli zelebrieren kann. Sein Spiel bleibt immer dem Zweck dienlich, den Song zu unterstützen, nutzt aber alle Freiheiten, die das aufgebaute Gerüst bietet, voll aus.

Abgesehen vom Eröffner spielt Steve im Laufe des Konzertes hauptsächlich Stücke der neuen CD "...tick...tick...tick", aber auch diese, den meisten noch unbekannten Stücke werden vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen. Kurz vor Schluss kommen dann mit "That's What You Always Say" und "The Days Of Wine And Roses" noch zwei Klassiker von Steves früherer Band Dream Syndicate aufs Tapet. Dabei spielt Steve Wynn eine seiner Stärken voll aus - er weiß einfach mit der Dynamik umzugehen. Da wird ein Song aus voller Fahrt quasi bis zum Stillstand abgebremst, wobei den Bandmitgliedern über Handbewegungen das Tempo vorgegeben wird, um dann aus dem Stillstand wieder voll loszulegen. Das macht Laune auch wenn dem Hauptset die ein oder andere ruhigere Nummer ganz gut getan hätte.

Dem Curfew sei Dank geht es dann in der Zugabe deutlich ruhiger zu. Steve und Jason spielen alleine Versionen von u.a. "Merritville" (ebenfalls Dream Syndicate). Hier zeigt sich, dass Steve auch in diesem Format sehr zu überzeugen weiß. Zum Abschluss komplettieren Linda und Erik dann noch mal die Band und es wird eine der fortgeschrittenen Zeit angemessene, nicht ganz so laute Version von "500 Girl Mornings" geboten. Und das Publikum, das mit ca. 100 Gästen leider etwas spärlich war (zeitgleich spielt Frankreich gegen Deutschland), hätte auch nach fast zwei Stunden gerne mehr gehört, denn hier spielte der Michael Ballack des Rock live.

...knapp vier Wochen später in Köln...

Das war sicherlich auch ein Novum im Gebäude 9: Mitten im Set von Steve Wynn & The Miracle Three fiel das komplette Bühnenlicht aus (mit Ausnahme der Weihnachtsbeleuchtung an Linda Pitmons Drumset), während der Strom für die Anlage noch vorhanden war. Das führte zu einer einzigartigen Situation, die alle Beteiligten indes mit Humor nahmen. "Gut, dann ziehen wir die gruseligen Stücke eben vor", meinte Steve kurzerhand und schmiss von da ab die Setlist komplett um. Zwar war z.B. "Medicine Show" nicht wirklich gruselig - aber ein guter Beleg dafür, dass Steve und seine Mannschaft nach acht Wochen Tour das Material tatsächlich im Blindflug drauf hatten. Denn mal abgesehen vom wackeren Einsatz eines Hobby-Filmers, der seine Filmlampe auf die Musiker richtete, spielten sich die nächsten drei, vier Songs komplett im Dunkeln ab - bis der emsige Haustechniker dann den Sicherungskasten fand (oder was immer man finden muss, um wieder Licht machen zu können). Aber mal ernsthaft: Solche Lappalien können Vollprofis wie Steve Wynn nicht mehr wirklich erschüttern. Hinzu kam, dass Steve & Co. beim Kölner Konzert nach so einer langen Tour noch vergleichsweise gut gelaunt antraten. (Bis auf Gitarrist Jason Victor, der vor der Show auf deutsch radebrach, dass er "die shnouze full habe" - aber das war sicher nicht so ganz ernst gemeint.) Und was die Setlist betrifft: Die ist bei Steve Wynn eh immer bloß so etwas wie ein grober Richtwert. Meist zwischen Pizza und Verdauungs-Whisky von Linda Pitmon kurz vor dem Auftritt auf einen Zettel gekritzelt, bietet sie eigentlich bloß Anhaltspunkte für die Stücke-Auswahl. Steve erklärte uns mal, dass er für jede Tour mindestens ca. 50 Tracks mit seinen Musikern einprobt, aus denen er dann nach Gusto auswählen kann. Und dieses Gusto zeigte bei dieser Show - mehr noch als bei anderen der Tour - auf volle Rockdröhnung.

Von den ersten Tönen (dieses Mal "There Will Come A Day") bis zu den üblichen Schluss-Orgien wie "Amphetamine" und "Days Of Wine & Roses" schien es die Band darauf angelegt zu haben, sich ständig selbst überholen zu wollen. Mal abgesehen von einigen "Notbremsen" wie dem beschaulichen "The Deep End" war dieser Auftritt eine einzige Tour de Force, bei der neben den üblichen Klassikern vom Schlage "That's What You Always Say" und dem für die Tour wieder ausgegrabenen "When The Curtain Falls" vor allen Dingen die schnieken Rocknummern des aktuellen Albums "...tick...tick...tick" gegeben wurden. Aber nicht nur Tracks wie "Wild Mercury" oder "Wired" wurden mit Turbo-Beschleuniger gespielt, sondern auch Stücke vom Schlage "Cindy It Was Always You" wurden durch den Rockwolf gedreht. Dazu tanzten Steve und Jason wie gewohnt umeinander und lieferten sich die üblichen Gitarrenduelle während Bassist Eric zusätzlich auf den Boxen herumturnte und es sogar schaffte, eine Bass-Saite zu zerreißen. Und mal ehrlich: Wann passiert so etwas schon einmal? Was der Vortrag also an Subtilität und Zwischentönen zu wünschen übrig ließ, wurde durch Energie, gute Laune und Lautstärke mehr als Wett gemacht. Das war ergo eine Steve Wynn-Show der flotteren Natur - weniger Facettenreich als sonst, dafür aber Stimmungsmäßig vollkommen überzeugend. Und das nach acht Wochen des Tour-Daseins! Respekt.

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Surfempfehlung:
www.stevewynn.net
Text: -Klaus-Dieter Gerhards (M) / Ullrich Maurer (K)-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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