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Rufus Wainwright
Martha Wainwright

Köln, Gloria
22.11.2005

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Rufus Wainwright
"So ein Mist, hier ist ja gar kein Platz mehr", grummelte Martha Wainwright beim Soundcheck für ihre Show. Das stimmte wohl: Der überschaubare Bühnenraum im Kölner Gloria war mit Rufus' Equipment vollgepflastert bis auf den letzten Millimeter. Es war von Anfang an zu erkennen, dass der Mann aus Quebec das Klotzen dem Kleckern vorziehen würde. Was ja auch Sinn machte, da er mit der Schwulenhochburg Köln ja quasi auf heimatlichem Gebiet agierte. (Er möge Köln, weil dort in den Buchhandlungen überall Bilder von nackten Männern zu sehen seien, erklärte er später.) Seine Schwester Martha wurde bei seiner letzten Tour ja noch durch eine Konserve vorgestellt. Jetzt, da ihre selbstbetitelte Debüt-CD auch bei uns erhältlich ist, nutzte sie die Chance, ihr ausgezeichnetes Songmaterial auch live zu präsentieren. Marthas Rezept für einen Live-Auftritt ist ganz einfach: Sie habe keine Routine, so erklärte sie uns vor dem Konzert, sondern sehe jeden Abend als neue Herausforderung.
Das erklärte dann auch die sympathisch spontanen Ansagen, die so nirgendwo richtig hinführten, aber doch zur kommunikativen Atmosphäre des ganzen Abends beitrugen. Martha war mit ihrer Band angereist - obwohl sie es auch gewohnt ist, alleine aufzutreten. Ihre Songs verweigern sich - wie auch die ihres Bruders - jeglicher üblichen Kategorisierung. Dass sie öfter mal als Folk-Künstlerin beschrieben würde, läge einfach nur daran, dass sie mit einer akustischen Gitarre arbeite, meinte sie z.B. fast resignierend. Und so musste Martha dann ihre Songs sprechen lassen. Da ist zunächst mal ihre einzigartige Singstimme, die im Publikum durchaus für den einen oder anderen offenen Mund sorgte. Die Stücke selbst beschreibt sie selber als "Bögen", deren Verlauf es zu folgen gilt. Das stellte aber weiter kein Problem dar. Zum einen sind Rufus-Fans da noch weitaus schlimmeres gewohnt und zum anderen sorgte die ausgezeichnete Band und ein geschickter Set-Aufbau, der bewusst um die wenigen Up-Tempo Nummern ihres Programmes herum aufgebaut war, für einen äußerst kurzweiligen Auftritt. Wobei "Up-Tempo" vielleicht das falsche Wort ist: Stücke wie "Ball And Chain" oder das begeistert aufgenommene "Bloody Mother Fucking Asshole" überzeugen eher durch Dynamik und vor allem Intensität denn durch Speed. Martha rundete ihr Set ab mit zwei der drei Bonus-Tracks, die auf der Deutschland-Version ihrer Scheibe zu finden sind. Darunter das auf makellosem französisch vorgetragene Chanson "Dis, Quand Reviendras-Tu?", bei dem sie auch ihre dramatische, schauspielerische Ader ausleben konnte.

Drama gab's dann beim Auftritt von Rufus natürlich im Quadrat. Offensichtlich hatte er sich vorgenommen, gegenüber seinem ersten Auftritt (im Kölner Stollwerck) eher noch eins draufzusetzen. Wieder angetreten mit sechsköpfiger Band - darunter zwei multiinstrumentelle Harmoniesängerinnen (u.a. wieder Joan Wasser) - hatte er zunächst mal die Setlist umgestellt. Auf "Agnus Dei" wurde z.B. verzichtet. Dafür gab's - ähnlich strange, aber definitiv kürzer "Oh What A World" - noch im Dunkeln als effektive Einstimmung auf das Kommende. Mit seinen wenigen "normalen" Stücken (also vermutlich jenen, mit denen er in die Charts will) setzte er geschickt Akzente. So spielte er "The One You Love" gleich zu Beginn zum Aufwärmen. Mit der Folk-Pop-Nummer "Chelsea Hotel II" gab's im Mittelteil eine Erholungspause von den ansonsten vorherrschenden "Poses" (pun intended) und im letzten Drittel überraschte er mit einer Coverversion vom aktuellen "Christmas 'Til You Puke"-Album der McGarrigle-Sisters. (So nannte er es!) "Eigentlich ist es ja noch zu früh für Weihnachtslieder", kündigte er den Song "Spotlight On Christmas" an - der gewiss auch gut zu unseren Volksmusiksendungen mit Blasmusik und Titten in Dirndls passen täte, wie er erläuterte, "doch dann kamen wir hier her und sahen den Weihnachstmarkt und einen Santa Claus in King Kong Größe." Überhaupt war das wohl für die Kanadier die größte Überraschung. In Nordamerika beginnt die kommerzielle Verwertung tatsächlich später als bei uns.

Egal: "Spotlight" geriet dann zum Gassenhauer schlechthin. Eine gutgelaunte Polka-Nummer zum Mitschunkeln und -grölen, die (zum Glück) einfach nicht mehr aufhören wollte. Ein weiteres Highlight war dann "Into My Arms", das er mit Martha im Duett aufführte. Natürlich setzte sich Rufus auch immer wieder an's Piano und gab dort eher besinnlichere Sachen zum Besten. Dort parlierte er auch gutgelaunt mit dem Publikum, erklärte wissenswertes zu seinen Songs (z.B. dass "Little Sister" tatsächlich ein Stück für seine Schwester ist) oder erzählte haarsträubende Anekdoten, wie zum Beispiel die, dass er mal mit seiner Mutter singend durch Bonn gewandelt sei und diese dann einen Eimer Wasser übergegossen bekommen habe. Sehr schön geriet auch die Version von "Art Teacher", wo sich genau solche Szenen, wie er sie in eben jenem Song beschreibt, vor der Bühne abspielten. War das Konzert in Köln noch ein Showcase für die "Want Two"-Scheibe, so lockerte Rufus das aktuelle Set auf. Zum Beispiel mit einem neuen Stück namens "Between My Legs". "Wir sind doch hier in Beethoven Country, nicht?" fragte er vorsichtig, "nicht dass das nächste Stück etwas mit Beethoven zu tun hätte, aber ich wollte ihn unbedingt mal erwähnen." Gegen Ende des Sets driftete die Sache dann in vollkommen psychedelische Gefilde ab. "Old Whore's Diet" begann noch recht unverfänglich - wie auf der Scheibe eigentlich auch. Spätestens als jedoch die Swing-Version einsetzte, Geige und Banjo aufgefahren wurde und Rufus begann, die Sache als Komödie umzuinterpretieren, wurde es abenteuerlich. Schließlich verließ die Band bis auf Joan Wasser die Bühne, während das Stück nahtlos als Sample weiterlief. Nachdem die Roadies im Dunkeln das Klavier beiseite geräumt hatten, kamen dann alle Musikanten in römische Togas gekleidet wieder zurück und führten eine Art kurzweiligen Veitstanz auf, bei dem sich wirklich kein Beteiligter mehr ein breites Grinsen verkneifen konnte. Am Ende folgte etwas, dessentwegen sich hin und wieder teure Konzerttickets eben doch rentieren. Zu den Klängen von "Gay Messiah" ließ sich Rufus von zwei als römische Legionäre (mit Sonnenbrillen) verkleideten Roadies an ein eigens errichtetes Kreuz "nageln" und trug das Stück von dort aus vor. Damit hatte er es tatsächlich geschafft, seine bisherigen Show-Einlagen noch ein Mal zu toppen. Das Publikum ließ es sich natürlich nicht nehmen, die Party entsprechend mitzufeiern und zu würdigen. Im Zugabenblock trat dann wieder Normalität ein und unter anderem tauchte dort auch wieder Cohens "Hallelujah" unter Solo-Beteiligung der Sängerinnen auf. Mit diesem Konzert stellte Rufus Wainwright noch einmal klar, dass er momentan sicherlich der beste - zumindest aber der unterhaltsamste - Performer unterhalb des absoluten Superstar-Levels ist.

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Surfempfehlung:
www.rufuswainwright.com
www.marthawainwright.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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