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Konzert-Bericht
 
Die Gegenwart des Rock'n'Roll

Seachange
Escapologists/ Promises Promises

Köln, Gebäude 9
19.09.2006

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Seachange
Es versprach ein heißer Rock-Abend zu werden. Praktisch die komplette Fraktion der Nottinghamer Rock-Szene war im nämlich im Gebäude 9 versammelt - und zwar inklusive des inoffiziellen Anchormans, Neil Wells, der außer in seiner eigenen Band Escapologists auch gleich bei Seachange mitspielt und obendrein auch noch bei Savoy Grand. Unterstützt wurden die beiden mittelenglischen Acts vor der Formation Promises Promises aus Oldenburg. Diese Band hatte alles, was eine aufstrebende Gitarrenband braucht, um Konzerte in solchen Situationen spielen zu können: Einen guten Song ("Summer Suicide") am Anfang der Show sowie genügend Energie, Attitüde, technisches Vermögen und Rockpower, um den Rest der Show auch mit Anstand über die Bühne zu bringen ohne dabei allzu sehr zu nerven.
Zwar hörten sich die Stücke mit zunehmender Laufzeit immer ähnlicher an - das ist aber bei vielen jungen Band so - auch bei englischen und amerikanischen. Wie gesagt: Die Jungs gaben sich redlich Mühe, versuchten vergeblich das misstrauische Publikum mitzureißen und machten unter dem Strich einen soliden Eindruck - auch wenn der ganz große X-Faktor fehlt. Ach ja: Eine Gitarre wird hier auf Dauer zu wenig sein! Genau dieses Problem hatten auch Neil Wells, sein alter Kumpel Pete Fletcher und der aus Argentinien zugewanderte Drummer Jorge Leda erkannt und sich für die Tour einen befreundeten Keyboarder mitgebracht. Leider ist die CD der Escapologists ja noch nicht draußen, aber es darf verraten werden, dass gerade die Idee mit dem Tastenmann im Vergleich zur recht spröden CD eine sehr gute war. Der Sound der Escapologists überzeugte mit einer Mischung aus brachialem Übermut und kanalisierter Energie. Gerade das Wechselspiel zwischen laut und leise, langsam und schnell, das die Jungs zu ihrem Credo erhoben haben (und das unter dem Strich den hier auch vorhandenen X-Faktor ausmacht), profitierte von der Möglichkeit, an geeigneten Stellen mit Synthesizer- oder Piano-Sounds aufgewertet zu werden. Dabei klang z.B. Pete Fletcher live noch sehr viel selbstbewusster als auf dem Tonträger und leistete sich hier sogar einige ziemlich punktgenau sitzende Soli (wobei er selber meint, dass er dazu tendiere zu viel zu spielen - was aber Quatsch ist). Kernstück der Show war ein Track namens "Just Scenery", der dabei gar nicht auf der CD zu finden ist, sondern nur auf der EP "No Grand Design". Er spiegelte aber genau das wider, wofür die Jungs stehen: Für unerwartete Wendungen, Details und Ansätze mit einer Prise Art-Rock im Gepäck. Die Escapologists mit einem selbstbewussten Neil Wells an Bass und Vocals, der vielleicht nur von seiner Frisur in seine Grenzen verwiesen wurden, gaben hier einen verdammt überzeugenden Einstieg als Nottinghams nächstes großes Ding.

Dabei ist das letzte große Ding ja selbst noch ziemlich heiß: Seachange erfreuen sich im ansonsten gitarrenscheuen Köln schon seit längerer Zeit einer gewissen Beliebtheit. Ihr letzter Gig im Blue Shell litt indes ein wenig unter technischen Unstimmigkeiten und allgemeiner Zerstreutheit. Wie meinte Neil Wells z.B.: "Das tolle an Seachange ist immer das allgemeine Chaos, weil dort so viele Leute mitmachen. Das ist eine besondere Herausforderung." Nicht so hier und jetzt: Bei dieser Show lief alles wie am Schnürchen. Sänger Daniel z.B., der vorher schon schmunzelnd seine Kumpels vom Bühnenrand aus beobachtet hatte, war prächtig aufgelegt und hatte das Publikum sofort im Griff. Momentan ist er gewiss der englische Sänger mit dem intensivsten Körpereinsatz. Er steht keine Sekunde still, rudert wie ein Derwisch mit den Armen und läuft scheinbar ziellos - letztlich aber von der Musik getrieben - hin und her. Das ist nun mal mitreißend - man gerät jedenfalls schon als Zuschauer ins Schwitzen. Seine Jungs spielten an diesem Abend wie ein Uhrwerk. Das heißt: Miteinander und nicht umeinander herum, wie öfters schon zu beobachten. Neil und Daniel machten unverständliche Witze und ansonsten zählte hier nur die Musik. Zwar gabs noch kein neues Material zu hören, dafür aber - neben den Hits des aktuellen Albums "On Fire, With Love" (wobei "The Key" da mit seinem Casanova-Refrain ganz vorne regiert) auch Tracks von ihrer ersten CD "Lay Of The Land", die im Vergleich zum neuen Werk ja noch ein wenig erratisch geraten war. Dennoch: Gerade die stampfenden Rocknummern gefielen hier und passten auch zum Sounddesign.

Noch eine Anekdote am Rande: So sehr Daniel sich auch als Vortänzer feilbot: Seine Jungs sehen das anders. So teilten sich Bass und Gitarre einen Stuhl auf der Bühne, um abwechselnd Zigarettenpausen einlegen zu können. Aber zurück zum Thema: Zwar bot dieser Abend jetzt keine grundlegenden neuen Erkenntnisse, aber gefiel in Gänze, weil einfach alles stimmte. So konnte man mit dem Gefühl nach Hause gehen, hier zwar nicht die Zukunft, aber doch immerhin die Gegenwart des Rock'n'Roll gesehen zu haben. Denn nur so, wie das diese Bands aus Nottingham auffassten, sollte man heutzutage rocken: Ohne Ehrfurcht vor der vorangegangenen Musikgeschichte, aber mit einer eigenen Identität und ein wenig Plan und Köpfchen.

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Surfempfehlung:
www.seachangemusic.com
www.escapologists.com
www.promises-promises.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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