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Die Nacht der langen Namen

Wir sind Fucking Independent Festival 2006

Köln, Blue Shell / Stereo Wonderland
29.09.2006/ 30.09.2006

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Wir sind Fucking Independent Festival 2006
Auch das diesjährige Fucking Independent Festival stand natürlich wieder ganz im Zeichen der internationalen Völkerzusammenführung in Sachen alternativer (und unabhängiger) Musik. Es stand aber auch im Zeichen fantasievoller, malerischer und langer Projektnamen. Einige der auftretenden Bands hatten sich sogar eigens zum Anlass des Festivals zusammengefunden und ließen es sich nicht nehmen, dies durch besonders aussagekräftige Markenbezeichnungen auszudrücken. Im Mittelpunkt stand aber natürlich wieder der unbedingte Wille, auch ohne Budget, großartige Marketingkampagne oder gar Unterstützung durch Sponsoren oder Plattenlabels eine abwechslungsreiche, kurzweilige Veranstaltung auf die Beine zu stellen, die zeigt, dass es eben auch heutzutage noch möglich ist, der Musik eine Chance zu geben. Der Zuspruch bestätigte die Macher in ihrem Tun: Alle Festival-Armbändchen konnten abgesetzt werden und die Tageskasse erfreute sich großer Beliebtheit (auch dank genialer Casting-Coups wie z.B. dem Auftritt der Fotos am Tage der Veröffentlichung ihrer mit Spannung erwarteten Debüt-CD). Da es dieses Mal - anders als in den Jahren zuvor - noch relativ warm und sommerlich war, entspannte sich die Lage in den überschaubar großen Clubs zwischen den Auftritten jeweils spürbar. So macht ein 2-Tage Festival mit 18 Bands auch dem Zuschauer spaß!
Los ging es am Freitagabend mit The Robo-Kop Crouch aus Köln im Stereo Wonderland und der Deutsch-Dänin Alice Rose im Blue Shell. Letztere versuchte sich als kompetente Mini-Björk zwischen Computer und Kinderzimmer mit verspieltem Elektro-Pop auf Elektronik-Basis. Das Blackface Orchestra, das im Folgenden im Stereo-Wonderland auftrat, war zwar nur ein Duo mit Gitarre / Gesang / Schlagzeug - aber ein ziemlich cooles. Die "kölschen White Stripes" gaben hier und jetzt ihr erstes Konzert überhaupt - und dennoch klang diese Mischung aus Blues und Schrammelrock doch verdammt abgehangen, zeitlos, unterhaltsam und auf eigenartige Weise sogar "realistisch" (also was das Soundbild betraf). "Ich würde ja gerne das nächste Stück als neuen Song ankündigen", meinte der englischsprachige Sänger Tom, "aber wir haben ja nur neue Stücke." Im Blue Shell war derweil der Lokalpatriot Hinterlandt auf die Bühne gestiegen. Organisator Thomas Pollmann versuchte, die Gäste mittels eines Megaphons zu bewegen, wieder in den Club zu strömen, löste damit jedoch eher Befremdung aus. Schade, denn Hinterlandt hat ein klares Konzept: Ein Mann, ein Baseballkäppi, eine Gitarre, eine Trompete und ein Laptop mit unglaublichen Soundtracks ist alles, was es braucht um glücklich zu sein. Hinterlandt überraschte mit einigen unglaublichen Soundorkanen, die er mittels Feedback und eleganten Brachial-Gitarrensoli entfachte und in seine intelligenten Songs zu integrieren wusste. Sehr interessant, das.

Im Stereo-Wonderland war derweil der Newcastler Alleinunterhalter Tarzan Stripes auf die Bühne geklettert. "Let's get serious", meinte dieser gutgelaunt und ließ dann einen unglaublichen Schwall gar nicht mal so ernsthafter Songs auf das Publikum los. Wenn man sein etwas ausuferndes Gefasel richtig deutete, hatte der Mann hier Texte, die ihm per eMail von einem Freund zugeschickt worden waren, zu Musik gebracht und vorgetragen. Auch ein Konzept! Boy Division aus Hamburg machten dann im Blue Shell ernst: Die Jungs im Krawatten-Outfit machten Cover-Versionen im Joy Division Stil - z.B. von Devo oder Bon Jovi (auch wenn kaum eines der Stücke wiederzuerkennen war). Der Sänger arbeitete gleich mit mehreren Megaphonen und verstörte durch ein gewisses Sendungsbewusstsein. Technische Probleme mit dem ungewöhnlichen Drumkit (Waschzuber und E-Pad) führten zu dem Vorschlag aus dem Publikum, dass die Jungs doch einfach mehr Alkohol trinken sollten, um diese zu beheben. Im Stereo Wonderland stand der Seattler Songwriter Josh Hillmann dagegen auf einem verlorenen Posten. Seine traurigen, persönlichen, vor allen Dingen aber leisen Songs waren einfach zu lieb, um um diese Zeit noch etwas gegen das alkoholgeschwängerten Plapperlevel im Wonderland ausrichten zu können. Anstatt das mit Humor zu nehmen, wie viele vor oder nach ihm, zog sich der ernsthafte junge Mann verbittert hinter seine modisch ins Gesicht gekämmten Haare zurück und grummelte resigniert vor sich hin. Die meisten Zuhörer hatten sich da aber eh schon ins Blue Shell zurückgezogen, denn hier gab's eine kleine Sensation. Der neueste Deutschpop-Hype, die Fotos, konnte nämlich kurzfristig für einen Auftritt am Tage ihres CD-Debüts gewonnen werden. Diese inoffizielle Record-Release-Party zog jede Menge Fans an, die durch die bisherigen Aktivitäten der Band auf diese aufmerksam geworden waren. Im Publikum waren kurz vor Beginn der Show noch zahlreiche Mädels zu beobachten, die aufgeregt nach draußen telefonierten, um das Ereignis kundzutun. Das gemischte Quartett aus Hamburg, Wuppertal und Köln bot eine schneidige Schnittmenge aus Blumfeld, den Sternen, Geschmeido, Rekord, Brüllen und allen möglichen ähnlichen Bands dieser Art. Dabei verfügen die Jungs über jede Menge Energie und eine gewisse Art von teutonischem Soul. Obwohl das nun alles nichts besonders Neues war, braucht es kein großes prophetisches Vermögen um vorauszusagen, dass die Herren ihren Weg gehen werden. Immerhin haben sie ja mit "Giganten" schon so etwas wie einen kleinen Hit. Nur ein paar Probleme mit dem Drumkit behinderten den Durchmarsch der Herren. "Heh, unser Snare-Ständer ist auch fucking independent", witzelte Sänger Tom Hessler.

Der zweite Tag begann dann relativ gemütlich und ein wenig hakelig. The Kat Wellmanm School For Girls (auch so ein Name) präsentierte mehr so eine Idee als erkennbares musikalisches Material. Das Trio um die sympathisch zurückhaltende Kat Wellmann bemühte sich, so eine Art wortkarge New Wave Arthouse-Melange vorzustellen, stolperte dann aber des Öfteren über den Rhythmus. Übel nehmen tat das aber niemand, denn schließlich war das eher so ein Spaß-Projekt. Im Blue Shell standen schon zwei grimmige Herren und ein Laptop auf der Bühne. "Die nächste halbe Stunde ist Gratis", meinte einer der beiden - weil sie sich ja so nannten. "Das ist das Projekt von dem Spex-Fotografen", informierte Thomas Pohlmann vertraulich. So klang das dann auch: Streng durchkomponiert, intellektuell auf der Höhe der Zeit, kompromisslos, anstrengend und ein wenig unverständlich. Im Wonderland machte sich ein weiteres Spaß-Projekt bereit. Bei Satans Eardrum spielt Locas In Love-Gitarrist Niklas Gitarre wie ein junger Gott - und das obwohl er mehr Buttons am Gitarrengurt hat als ein mittelprächtiger russischer General Orden an der Brust. Dazu gab's damenhaften Gesang, klasse Songs und ein wenig Unheil-Dräuen. Mit Satan hatte das aber dennoch eigentlich nix zu tun. "Wie nennt man ein Haus, in dem Katzen wohnen?", fragte Sebastian Troll von der Mason Dixon Line im Blue Shell. Antwort: "Ein Miezhaus". Neben netten Witzen dieser Art hatten Sebastian und seine Mannen zum, Beispiel noch zwei Steel Guitars dabei. Es gab demzufolge klassischen Americana-Sound mit einer Prise Country-Feeling. Nicht unbedingt das, was man hier erwartete, aber klasse. Alleine schon deswegen, weil die Jungs keinen deut schlechter, sondern - im Gegenteil - noch eine Prise inspirierter aufspielten, als so manche Kollegen aus dem unübersehbaren Meer diesbezüglicher US-Bands. Tendenziell ähnlich ausgerichtetes Liedgut erwartete die Zuhörer im Wonderland, wo A Boy Named Sue auftraten - nur eine Spur frischer. Sängerin Danja trat bislang immer nur als Zuschauerin beim FI-Festival auf - nun also mit eigener Band auf der Bühne. Es gab schrammelige, elektrifizierte Folk-Gitarren-Pop-Songs mit mädchenhaftem Gesang (also im Gegensatz zum damenhaften). Grundsympathisch, kurzweilig und aufrichtig kam das daher.

Die in Verballhornung des klassischen Dirigenten Sir Simon Battle benannte Band aus Berlin war ein Lieblings-Kind der Veranstalter. Per Flüsterpropaganda an diese herangetragen begeisterte der schlaksige Künstler Simon Battle mit seinem Demo. Das Live Debüt vor Ort zeigte einen feinsinnigen Songwriter, dem es mühelos gelang, jene Nuancen, wie sie für gewöhnlich nur muttersprachige Ureinwohner zustande bringen, in seine vertrackten, aber leichtfüßigen englischsprachigen Kompositionen einfließen zu lassen. Dazu erklärte er dann Dinge, die das Publikum vielleicht noch nicht wusste, oder die dieses nicht interessierten, um teschnische Pausen zu überbrücken - bis jemand scherzhaft aus dem Publikum rief: "Du machst dir hier keine Freunde!" Kitty Solaris aus Berlin trat solo im Wonderland auf und bot leicht entrückte, zumindest aber zurückhaltende Songs, die sie ruhig und überlegt zur sanft gezupften E-Gitarre vortrug. Sanft zupfen ist eher weiniger das Ding von Sir Toby Goodshank. Der ehemalige Moldy Peach, der eh gerade mit seinen Freunden von Schwervon auf Tour war, spielte ein paar akustische Songs im Blue Shell, die im Vergleich zu seinen Kollegen Kimya Dawson und Jeffrey Lewis, die ja schon zu Gast beim FI-Festival gewesen waren, weit weniger hektisch und wortreich ausfielen - allerdings auch nicht weniger intensiv. Zum Schluss kamen dann Schwervon noch hinzu und es gab eine Coverversion von "Dead Flowers". Gus Black hatte bereits im Sommer einmal im Stereo Wonderland gespielt und scheinbar Blut geleckt. Der sympathische Songwriter aus L.A. hatte ein gutes Rezept, um den Soundcheck und Stimm-Pausen elegant zu überbrücken: Er trug sie einfach improvisiert in Songform vor. Doch natürlich waren es die Stücke seiner Alben, die er hier auf akustischer Gitarre mit Nylon-Saiten erstaunlich sanftmütig zu Gehör brachte, die die Aufmerksamkeit des Publikums noch einmal in Anspruch nahmen. Dazu gab's wirre Stories von einem Bad in Michael Stipes Swimming Pool und einem gemeinsamen Hot-Dog Essen.

Major Matt Mason und Nan Turner alias Schwervon aus New York sind ja bereits FI-Veteranen und gute Freunde des Hauses. Im Gegensatz zum letzten Auftritt machte man sich dieses Mal die Mühe, Nans Drumkit an den Bühnenrand zu hieven - was auch sinnvoll war, denn sie sang schließlich auch die meisten Stücke. Es gab hier grundsoliden Rock'n'Roll mit leichter Schräglage und neue Stücke mit eigenartigen Titeln (demnächst gibt es eine neue CD). Das gefiel auch Gus Black, der mittlerweile mit seinem Set fertig war und sich nun gemütlich vor die Bühne setzte, um dem Treiben zuzuschauen. Der Schweiß floss in Strömen und die Luft vibrierte bis Schwervon dann völlig ausgelaugt von der Bühne taumelten. So muss das auch sein! Fazit: Das FI-Festival ist mittlerweile zu einer verlässlichen Institution geworden und das ist gut so. Denn hier gibt es eine der wenigen Gelegenheiten, lokale, nationale und internationale Künstler gemeinsamer Gesinnung einträchtig nebeneinander beobachten - und dabei manch eine Entdeckung machen zu können.

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Surfempfehlung:
www.fuckingindependent.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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