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Mondsüchtig

Jennifer Terran
Boris McCutcheon

Ottersum, Cultureel Podium Roepaen
08.10.2006

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Jennifer Terran
Das Cultureel Podium Roepaen ist eine relative neue, aber zunehmend beliebte Plattform hauptsächlich für das, was man unter Roots- oder Americana Musik versteht. Das Landgut Roepaen - inklusive pittoresker Kapelle, die auch als Auftrittsort hergenommen wird - ist malerisch an einem kleinen Fluss im holländischen Ottersum gelegen, das von der deutschen Grenze in ca. 20 Minuten erreicht werden kann. Hier treten hauptsächlich solche Acts auf, für die sich eine Anreise nach Deutschland mangels Interesse kaum lohnen würde, die sich aber bei unseren diesbezüglich aufgeschlosseneren Nachbarn selbst durch moderat dimensionierte Touren über Wasser halten können. Eine Eigenart ist, dass Sonntags gleich zwei Shows stattfinden - und zwar bereits am Nachmittag und keineswegs als Support / Headliner-Kombination, sondern als zwei getrennte Sets, die aber auch zu einem Sparpreis beide besucht werden können. Rein Anwendertechnisch ist diese Einrichtung also sehr angenehm. Viele Musiker, von denen man hierzulande bestenfalls in einschlägigen Gazetten gelegentlich mal liest, kann man hier live erleben.
Zum Beispiel Boris McCutcheon. Der Mann aus New Mexico überzeugte mit einem satten Americana Sound, der nur durch jahrelanges Tingeln und Machen an der Basis und die damit erworbene spielerische Routine erworben werden kann. McCutcheon, der bereits drei bei uns offiziell nicht erschienene CDs veröffentlichte, ist dabei zweifelsohne jemand, der weiß wovon er singt, denn im richtigen Leben ist er Farmer und obendrein weit gereist. Neben einem ausgewogenen Sound seiner Live Band, The Salt Licks, bei der besonders die meist akustisch agierende Bassistin Susan Holmes herausstach, gab es als besonderen Clou ein "Klebeband-Solo" seines Drummers Jeff Berlin. Das ist so zu verstehen, dass Jeff ein Klebeband mit lockerer Hand rhythmisch abzog und so perkussiv missbrauchte. So etwas hat man ja auch nicht alle Tage!

Jennifer Terran, auf die wir bei Gaesteliste.de ja schon des Öfteren hinwiesen, zählt zweifelsohne auch zu der oben beschriebenen Kategorie Musiker - auch wenn ihre eigenwillige Musik natürlich nicht ins Rock-Schema passt. Jennifer agiert fast fanatisch Independent. Nicht nur, dass sie ihre Scheiben - zuletzt das beeindruckende "Full Moon In 3" - selbst produziert, einspielt und herausbringt: Auch ihre Europa-Touren bucht die energische Frau aus Los Angeles selber. Dabei kann sie sich auf eine treue Fangemeinde stützen, die es ihr ermöglicht, auch durch so genannte "Homeconcerts" in Privathaushalten ihren Tourenplan aufzubessern. Oder aber, sie tritt eben in kleineren Venues wie eben in Roepaen auf. Die Show am Sonntag fand leider nicht in der Kapelle statt, sondern stattdessen im aber immer noch ansehnlichen Café, das mit seiner abgehängten Decke, der integrierten Bar und der typischen Caféhausbestuhlung aber auch seinen plüschigen Charme hat. Jennifer reiste dieses Mal mit ihrer ganzen Familie an, darunter auch Töchterchen Phoebe Moon Ray, die sich auf Jennifers letzter Tour vor zwei Jahren noch in deren Bauch befunden hatte. Musikalisch begleitet wurde sie dieses Mal von der Cellistin Laura Mihalka. Im Vergleich zu ihren Solo-Shows und der ersten Tour mit Bassist - und damals Hubby - Brandon Statom war das ganz klar ein Pluspunkt. Ebenfalls im Vergleich zu ihren bisherigen Auftritten barg diese Show weit weniger verstörende, experimentelle und verrückte Elemente - dafür aber eine umso intensivere Darbietung. So war z.B. eine nackte Plastik-Barbie nur noch Staffage auf dem Piano und nicht mehr Bestandteil der Show.

Rein vom Timing her hätte dieses Konzert gar nicht passender platziert sein können, denn es war Vollmond. Jennifer deutete den Mond als ausgleichendes Element und ergo gab's den Titeltrack des neuen Albums auch gleich zu Beginn der Show. Laura Mihalka, die auch auf der CD Cello spielte, beschränkte sich darauf, die Songs Jennifers zu akzentuieren und gelegentlich das Cello als Bass zu verwenden. Das passte besser zu den lyrischen, hochdramatischen Songs, als umgekehrt einen Bass als Cello einzusetzen, wie das Brandon Statom weiland tat. Wie sagte Kristin Hersh schließlich einmal ganz richtig: Das Cello ist das dramatischste aller Instrumente. Den Rest des Dramas trug dann Jennifer selber bei, deren gewöhnungbedürftig hohe Stimme sich während des Vortrages in immer noch höhere Sphären schraubte - was den Songs indes keinen Abbruch tat. Insgesamt fiel auf, dass Jennifer dieses Mal die Songs als solche mehr wirken ließ, sie ausspielte und vor allen Dingen darauf verzichtete, sie nicht mit lustigen Ansagen zu konterkarieren. Zwar gab es dieses Mal bezüglich des Programms keine großen Überraschungen - außer Leonard Cohens "Halleluja" spielte sie nur eigene Stücke von ihren inzwischen vier Scheiben. Dennoch war die Sache selbst für Fans lohnend, da das Material in dieser ruhigen, überlegten Form praktisch neu entdeckt werden konnte. Das galt ebenso für ältere Stücke, wie das leicht psychopathische "Mad Magdalene" (dem das besänftigende Cello besonders gut bekam), wie auch für neue Nummern - zum Beispiel das eher augenzwinkernden "Three Legged Dog" (ein Song über dreibeinige Hunde und Schönheitskosmetik) und "Litte Brown Trout" (eine Art Kinderlied, bei dem die Metapher des "Flyfishing" für den Lauf des Lebens steht). Besondere Eskapaden gab es dieses Mal keine. Es wurde hingegen ein Track a cappella und einer zur Begleitung einer kleinen Fingertrommel vorgetragen. Fazit: Wer eine Künstlerin erleben möchte, die in jeder Beziehung dem Business die Stirn bietet, der ist bei Jennifer Terran nach wie vor an der richtigen Adresse.

Und das Cultureel Podium Roepaen empfiehlt sich als Alternative für grenznah wohnende Freunde traditionell orientierten Musikgutes.

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Surfempfehlung:
www.jenniferterran.com
www.borismccutcheon.com
www.cultureelpodium.nl
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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