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Lampshade
Lingby

Köln, Gebäude 9/ Bonn, Mausefalle
17.10.2006/ 26.10.2006

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Lampshade
Lingby aus Köln nennen sich selbst eine "Indiesongwriterband". Judith Hess und Willi Dück traten an diesem Abend in "Big-Band-Besetzung" mit Drums, Cello und Waldhorn auf, wobei zwei der Musiker erst kurzfristig dazugekommen waren. Hier im Vorprogramm von Lampshade auftreten zu können, so Judith Hess, sei eine große Chance für das Projekt. Und trotzdem: Das war nicht bloß eine Gefälligkeit, die hier vergeben wurde, sondern es passte irgendwo auch konzeptionell. Denn wie die Dänen, so haben auch Lingby eine Möglichkeit gefunden, mit sattsam bekannten Versatzstücken und guten Ideen eine eigene musikalische Nahrungsmittelgruppe zu kreieren.
Die (trotz Drums) eher leisen und fragilen Stücke von Lingby, bei denen es um Reisen (ins ich?) oder die Sehnsucht als solche geht, entwickeln sich aus sparsamen Gitarren oder Piano-Figuren, zu denen dann Judith und Willi wechselseitig oder zusammen ziemlich verhalten singen. Die restlichen Musikanten werden dann punktuell dazu gebeten, um bestimmte Passagen dramatisch zu verstärken. Da kein Bass zum Einsatz kam, wirkte die Sache zuweilen recht spröde, hatte allerdings andererseits auch ihren Charme, da so die minimalistisch platzierten einzelnen Elemente natürlich mehr Raum hatten, sich zu entfalten. Von kleinen technischen Problemen abgesehen - für die die Musiker indes nichts konnten - war das eine ziemlich beeindruckende Debütvorstellung vor interessiertem Publikum (zu denen auch die Musiker von Lampshade gehörten).
Wenn man als Berichterstatter zu einem Konzert einer persönlich bekannten Band eilt, fragt man für gewöhnlich höflicherweise, was es Neues gibt. Meist bekommt man dann zu hören, dass dieser oder jene Song im Repertoire ausgetauscht wurde oder diese oder jene Passage umarrangiert wurde. In diesem Fall war die Antwort auf die Frage, was denn neu sei, ein schlichtes, aber bestimmtes "Alles". Johannes Dybkjær Andersson, der musikalische Direktor des inzwischen zum Sextett angewachsenen Musiker- und Künstlerkollektives brachte es folgendermaßen auf den Punkt: "Du wirst nichts wiedererkennen." Damit meinte er die Stücke der beiden Lampshade-CDs "Because Trees Can Fly" und "Let's Away" - denn diese waren einer radikalen Verjüngungskur unterzogen worden. Schien zunächst mit "Clean" vom Debüt-Album noch alles beim alten geblieben zu sein, so bog das Stück - und alles folgende - ungefähr nach der Hälfte in eine vollkommen neue Richtung ab. Bislang war die Energie, die von Lampshade-Tracks ausging, ja eher eine dynamische: Lange Passagen, die von Sängerin Rebekkamarias elfenhaftem Gesang geprägt wurden, wechselten mit gelegentlichen vertikalen Sound-Explosionen ab, bei denen alle Musiker dann wie die Derwische umherhüpften. Schnelle Stücke in diesem Sinn gab es aber bislang nicht. Bislang. Die Band war - wie gesagt - zum Sextett aufgestockt worden. So gibt es im aktuellen Line-Up gleich zwei Gitarristen und eine neue Rebeckamaria. Das ist kein Witz: Die neu hinzugekommene Sängerin, Pianistin und Geigerin heißt auch Rebeckamaria - nur mit "ck" und nicht mit "kk". Dieses Ensemble wurde dann unter Anleitung von Johannes immer wieder in längere, mächtig nach vorne marschierende Instrumentalpassagen auf Stakkato-Basis getrieben, die mächtig losrockten - unter anderem auch wegen der Betonung der beiden wie ein Zahnwerk ineinander greifenden, rhythmischen Gitarren. Das hatte nun mit Elfenmusik wahrlich nichts mehr am Hut. Bestes Beispiel war die grandiose Dekonstruktion des Beatles Stückes "Good Day Sunshine". Das Arrangement hierfür war auf der letzten Tour in einem Kölner Hotelzimmer entstanden, da die Band vom Mojo-Magazin gebeten worden war, kurzfristig das Stück für das "Revolver Reloaded" Projekt einzuspielen, bei dem die ganze Revolver-Scheibe der Beatles neu aufgelegt wurde. Nun, auf der Bühne war daraus eine abgefahrene, alternative Tanz-Nummer geworden, wie sie Devo zu ihren besten Zeiten nicht knackiger hinbekommen hätten. Die Möglichkeiten, die sich durch zwei Gitarren, zwei Keyboards, E-Geige und Trompete ergaben, wurden weidlich ausgenutzt und als weitere Neuerung gab es Passagen, bei denen gleich fünf Stimmen zum Einsatz kamen. Und kleine Details, wie z.B. ein Melodica-Duett (!) und das nach wie vor präsente Glockenspiel sorgten für weitere Akzente.

Da hatte Johannes schon recht: Das hatte ohrenscheinlich nicht mehr viel mit dem alten Material zu tun. Die merkwürdige Kostümierung der Band - die Damen trugen z.B. goldene Hosen und Ohrringe von der Größe mittlerer Postleitzahlen-Bezirke und die Herren hatten sich Ashram-mäßige Bommelsammlungen umgehängt - rührte daher, dass Lampshade einen Stylisten damit beauftragt hatten, ein visuelles Konzept zu entwickeln. Diesen hatten sie aber dann nicht mit auf Tour genommen, was dazu führte, dass sich die Musiker nur noch das umhängten, was ihnen auch persönlich zusagte, da sie sich unter der designtechnischen Regie des Stylisten "ein bisschen wie Clowns" gefühlt hatten. Dennoch ist das Konzept immer noch ein wichtiger Faktor bei Lampshade. So schafften sie es mühelos aus scheinbar improvisierten Rock-Passagen in konzertierte Aktionen wie z.B. koordinierte Gesangsparts oder gezieltes, choreographiertes Händeklatschen umzuschalten. Den Begriff "Zufall" gibt es nicht im Lampshade-Universum. Trotzdem wirkte die neue Show natürlich alles andere als steril oder einstudiert - dafür haben die Musiker den Geist ihrer Musik zu sehr verinnerlicht. Gegen Ende des (gefühlt zu kurzen, wahrscheinlich aber eher besonders kurzweiligen) Konzertes wurden dann noch Tambourines an das Publikum verteilt, damit die Stimmung auch auf dieses übergreifen möge. Es schien jedoch, als haben die Leute genug damit zu tun gehabt, über das gebotene einfach nur zu staunen. Wenn es Lampshade gelingt, diese neu gefundene Energie auf die nächste Scheibe zu retten - was auch so angedacht ist, wenn diese Tour beendet ist - dann dürfte dies ihr bisheriges Meisterstück werden.

Ein paar Tage später in Bonn...

Das war dann schon ein Projekt, das in Bezug auf Logistik und Organisation an die physikalischen Grenzen ging: Eine sechsköpfige Band mit komplettem Equipment, zu dem ja immerhin zwei ausgewachsene Keyboards gehören, auf der Bühne der Bonner Mausefalle unterzubringen. Dass dies dann dennoch gelang, und dabei am Ende gar nicht mal so schlecht klang, zeugt für die Beteiligten. "Es ist immer dann eine große Herausforderung, wenn die Bühne zu groß oder zu klein ist", formulierte Johannes Dybkjær Andersson vor der Show. Hier griff wohl eher letzteres. Nachdem es dann gelungen war, das ganze Equipment (inklusive Glockenspiel) zu verstauen und der Soundmischer es geschafft hatte, einen Soundcheck mit zwei Rebekkamarias ("Ihr heißt beide Rebekka? Wer ist denn Maria? Was, auch beide?") erfolgreich zu absolvieren und dabei sogar ein recht ausgewogenes Klangbild hinbekam, konnte es also losgehen.

Die Band war ziemlich geschlaucht von einer langen Fahrt aus Jena am Vorabend, so dass Johannes vorab noch warnte, dass es heute etwas gesitteter zugehen würde als sonst üblich. Das bedeutete in dem Fall: Die Stücke wurden ein wenig langsamer und natürlich auch nicht so laut gespielt, wie auf dem Rest der Tour und die Showeinlagen wurden - naturgemäß - zurückgefahren. Die gedrängte Haltung, in der die Musikanten auf der Bühne standen, sorgte aber auch für lustige Einlagen, wie z.B. den "Harmoniechor" der beiden Gitarristen Eric Nylén und Henric Classon oder der Moment, in dem Johannes auf den Gitarrenverstärker kletterte, sich dann aber wieder bücken musste, weil die Decke nun mal nicht sehr hoch war. Gegeben wurde das Programm der aktuellen Tour ohne große Variationen. Es war an diesem Abend aber genug, dass die Stücke in einem eher beschränkten Umfeld gespielt wurden, das einige interessante Variationen notwendig machte. So war ein Abrocken unter diesen Umständen natürlich kaum möglich (die Gitarristen und die jeweilige Rebekka auf deren Seite kamen sich da ein wenig ins Gehege), dafür kamen aber die einzelnen Bestandteile der Songs und die besonderen Akzente durch Geige, Trompete und Melodicas besser zur Geltung. Auch wenn dies natürlich kein Gig unter Idealbedingungen und eine eher untypische Lampshade-Show war, bei dem die Band ihr Potential nicht voll ausschöpfen konnte: Dem Publikum sagte es durchaus zu. Immerhin war ja die Tür zu den Toiletten ausgehängt worden, wodurch ein wenig mehr Platz für Zuschauer gewonnen worden war. Fazit: Auch diesen Härtetest für herausfordernde Konzertsituationen haben Lampshade bestanden.

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Surfempfehlung:
www.lampshade.dk
www.myspace.com/lmpshd
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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