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Austausch

Midlake
Fotos

Bonn, Harmonie
19.10.2006

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Midlake
Zunächst einmal sah es so aus, als würde in der Bonner Harmonie für eine Spende aufgerufen - "Fotos für Kante" stand dort überall geschrieben. Doch dann wurde es zur Gewissheit: Nachdem zunächst Cracker das Konzert aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hatten (allerdings lange im Vorfeld), taten dies auch Kante - und zwar um 19:30 Uhr am Vorabend. In allerkürzester Zeit gelang es den Veranstaltern aber, die Fotos als Ersatz zu verpflichten. Das Pikante dabei: Auch beim Kölner Fucking Independent Festival war die gemischt-städtische Band bereits als Ersatz aus allen möglichen Himmelsrichtungen angereist. Wollen wir mal hoffen, dass das nicht so weiter geht, denn als "Lückenbüßer vom Amt" möchte sicherlich keine Band der Welt in die Geschichte eingehen. Schon gar nicht, wenn sie wie die Jungs so überzeugend als Live-Act aufzutrumpfen wissen.
Conferencier Rembert Stiewe kündigte die Fotos an als Band, die sich den "Arsch abspielen", und das taten sie denn auch. "Wir spielen euch die Stücke von unserer CD, weil wir noch gar keine anderen haben", meinte Sänger Tom Hessler halbironisch. Für die Fotos geht eben momentan alles sehr schnell. Gleich der Opener, "Wiederhole deinen Rhythmus", ist ein Live-Track in Reinkultur. Der namensgebende Rhythmus treibt das Stück voran, während knappe Gitarrenriffs Akzente setzen. So oder ähnlich sind momentan noch alle Fotos-Tracks aufgebaut. Die subtilen Finessen müssen sich die Jungs also noch erarbeiten. Den fehlende Variantenreichtum machen die Fotos momentan aber mit Bühnenpräsenz, Energie und Enthusiasmus noch mühelos wett. Das Stück "Giganten", zugleich auch eine Single-Nummer, kündigte Tom beim FI-Festival noch als "Power-Ballade" an. Doch erstens ist das nicht wirklich eine Ballade und zweitens schon gar nicht, wenn die Fotos gut aufgelegt sind, wie hier. Auch wenn hier oder da Kommentare zu vernehmen waren, dass das, was die Fotos machten, doch eigentlich klänge, wie einige typische deutschsprachige Rockbands eben auch, darf man nicht vergessen, dass es nicht drauf ankommt, den Rock'n'Roll neu erfinden zu wollen, sondern darauf, den Eindruck zu vermitteln, dass man dies eben getan habe. Und das gelingt den Fotos mühelos. Und außerdem sind sie ja auch eine typische deutschsprachige Rockband. Gegen Ende der Show lief dann noch ein aufgeregter WDR-Techniker durch die Gegend und musste beichten, dass es am Anfang der Aufzeichnungen technische Probleme gegeben habe. Die ersten drei Stücke mussten die Fotos dann noch einmal spielen. Nachdem "Rhythmus" mit der gleichen Verve absolviert wurde, wie beim ersten Durchlauf, griff Tom Hessler zur Wasserflasche und meinte "Meine Stimme ist weg - und das schon nach dem ersten Stück." Ein Witz, der sich dem Betrachter der Aufzeichnung später schwerlich erschließen dürfte, aber andererseits ein augenzwinkernder Hinweis darauf, dass die Fotos solche Situationen mit Humor zu wissen nehmen. Diesbezüglich stellen sie sich jedenfalls professioneller an, als manche Kollegen.
Nach dem Auftritt hatten die Fotos Mühe, ihr Equipment von der Bühne zu schaffen, denn Midlake aus Denton, Texas, waren mit schwerem Gerät angereist. Fotos-Bassist Beppo murmelte etwas von "Recht des Stärkeren", doch es half nichts: Ungefähr vier Keyboard Trutzburgen wurden auf der Bühne verankert. Das veranlasste Rembert bei der Ansage zu der Anmerkung, dass es ihn schon wundere, dass der Drummer keine Keyboards bekäme. Doch der ganze Aufwand machte Sinn. Tim Smith und seine Jungs haben sich schließlich in jahrelanger Kleinarbeit einen Stil erarbeitet, der auf Vielschichtigkeit und Komplexität großen Wert legt. Dass die Jungs mal als Jazz und Funk-Combo angefangen haben, hört man heute zwar nicht mehr heraus, dass sie indes seit langer Zeit zusammen musizieren schon. Die persönlichen Vorlieben der Bandmitglieder haben für ein interessantes neues Sub-Genre gesorgt, das sich in etwa mit "70s Westcoast Artrock-Songwriting" beschreiben ließe. Wie gesagt: In etwa. Smiths Vorliebe für Vokalharmonien und klassisches Songwriting ist ebenso zu erkennen, wie die allgemeine Tendenz, sich nicht mit der erstbesten Idee zufrieden zu geben, sondern die Stücke durch kleine Schlenker, und "kompositorische Anbauten" interessanter und eben komplexer zu machen. Das wird dann auch live so phantasievoll und unterhaltsam wie möglich in Szene gesetzt. Dazu gehören dann eben auch zig Keyboards, die mal Melodien spielen, mal begleiten, mal Soundeffects erzeugen, mal Bass spielen, mal Atmosphäre und mal nur Geräusche absondern. Doch auch Gitarren gab es zu Hauf und kaum ein Stück kam ohne bandinternen Instrumentenwechsel aus. Langweilig wird es also nie bei einem Midlake-Konzert. Leider gehen Midlake bei der Umsetzung ihrer vielseitigen Keinkunstwerke dann immer derart bierernst zu Werke, dass es so scheint, als haben sie selbst überhaupt keinen Spaß auf der Bühne, ja würden sogar ein wenig leiden. Ein Eindruck der täuscht, denn Tim Smith selbst erzählte uns, dass es ihm lediglich darum ginge, so viele Emotionen wie möglich beim Zuhörer hervorzurufen. Und dafür muss man sich selbst dann natürlich schon ein wenig konzentrieren. So - und nicht anders - sind also die verkniffenen Mienen zu erklären, mit denen die Midlaker an ihrem komplizierten Instrumentarium herumhantieren. Musikalisch spannt ein typisches Midlake-Konzert - auch ohne Jazz und Funk - einen ganz schön großen Bogen. Denn neben den Stücken des aktuellen Albums "The Trials Of Van Occupanther" (wobei das treibende "Roscoe" sich immer mehr als Kernstück und Angelpunkt der Show entpuppt) spielten Midlake auch immer wieder Stücke vom ersten Album "Banman & Silvercork" (Smith versucht wohl seinen eigenen Namen mit blumigen Kreationen wie diesen zu relativieren) oder sogar noch älteres, rockigeres Material aus einer Zeit, als die Band noch einen anderen Namen hatte. Dennoch sind Midlake keine typische Rockband (schon alleine wegen der Keyboards nicht). Doch wahrscheinlich ist es gerade das Erfolgsgeheimnis von Smith & Co., dass sie bewusst ein wenig zwischen den Stühlen sitzen.

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Surfempfehlung:
www.midlake.net
www.myspace.com/midlake
www.fotosmusik.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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