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Schattentanz

Cat Power

Berlin, Volksbühne
06.11.2006

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Cat Power
Endlich fand die "Chan Marshall-Big-Band" also auch einmal den Weg in unsere Gefilde - wenngleich auch nur für einen einzigen Termin (das Konzert in München am 09.12.06 findet in Trio-Besetzung statt). Ergo war es dann nicht wirklich ein Wunder, dass die Berliner Volksbühne nicht nur bis auf den letzten Platz ausverkauft war, sondern dass die Fans aus dem ganzen Bundesgebiet anreisten, um dem Ereignis beizuwohnen. Die ganze Sache war in mehrerlei Hinsicht sowieso bemerkenswert. Noch vor Jahren schloss Chan es nämlich kategorisch aus, einmal mit einer größeren Besetzung aufzutreten und noch bei der letzten Tour konnte sie sich nicht vorstellen, noch einmal mit Band auf Tour zu gehen. Doch die Zeiten ändern sich. Wie schon bereits von Besuchern anderer Konzerte der Jetztzeit kolportiert, bekam man hier eine gutgelaunte, quasi runderneuerte Chan zu sehen, die so gar nichts mehr mit jener zwar hochverehrten, aber instabilen Performerin der Vergangenheit gemein hatte, bei der jeder Konzertbesuch für den Besucher zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang wurde.
Der Grund dafür ist relativ einfach: "Mein Leben hat sich vollkommen verändert und ich bin heutzutage total glücklich", verriet Chan nach dem Konzert. Dazu gehört unter anderem, dass sie heute im sonnigen Florida lebt und keinen Alkohol mehr trinkt (die erste geplante Tour hatte deswegen noch abgesagt werden müssen). Die Krönung dieser neuen Entwicklung dürfte der Fernsehauftritt bei Conan O'Brian Ende letzten Monats gewesen sein. Ganz in diesem Sinne verlief dann auch die Show in der Berliner Volksbühne - allerdings mit einem gravierenden Manko: Das ganze musikalische Bravado fand leider keinen optischen Gegenpart. Die Bühne blieb im Halbdunkel, die Musiker waren nur schemenhaft zu erkennen und Chan selbst nur als Scherenschnitt - denn die einzige Beleuchtung war oft ein einziger Spot von hinten und oben. Musikalisch tat die Sache dem Ganzen zwar keinen Abbruch, aber gerade für diejenigen, die gekommen waren, um Chan zu SEHEN, war dieser Abend natürlich eine gewisse Enttäuschung. Das war insofern schon schade, da sie sich große Mühe gab, den Vortrag lebendig zu gestalten. Nachdem die Memphis Rhythm Band die Show mit einem lebhaften Standard-Funk Instrumental eröffnet hatte, bei dem die Solisten mit ersten Einlagen glänzen durften, tänzelte Chan zu den Klängen des Titeltracks ihres letzten Tonträgers "The Greatest" lässig auf die Bühne und begann die Songs des Albums, die den ersten Teil des Sets ausmachten, mit ausufernden Bewegungen, Gesten und Tanzschritten zu illustrieren. Im Vergleich zu früher präsentierte sich Chan hier geradezu als farbenfroher Schmetterling, der den Weg aus dem Kokon gefunden hatte. Vereinzelt konnte sie sogar dabei beobachtet werden, wie sie die Hände geradezu beschwörend in den Himmel streckte. Dabei war das alles kein Kalkül, sondern das neue Chan-Ich. "Neee - ich habe nichts einstudiert", erklärte sie, "das kommt alles von innen heraus. Und trainieren tue ich auch nicht."
Müßig zu erwähnen: Das kam natürlich dem Vortrag immens zu Gute. Auch wenn die Arrangements der Memphis Rhythm Band im Prinzip jene waren, die auch auf der Konserve zu hören waren: Live kam die Sache dann doch einen Gutteil spritziger und lebendiger rüber. Nicht nur, aber auch, weil die Musiker mehr Freiheiten für Solo-Einlagen hatten (z.B. Drummer Steve Potts), vor allen Dingen aber, weil Chans Stimme in diesem Ambiente mit Bläsern, Streichern und Gospel-Sängerinnen erst so richtig aufblühte. Wäre da nicht das Problem mit der Beleuchtung gewesen, wäre die Bezeichnung "strahlend" angebracht. Auch wenn gesanglich nach wie vor keine richtige Technik im klassischen Sinne zu beobachten ist: Chans gottgegebene Fähigkeit, die Töne und Noten nach ihren Bedingungen zu verbiegen, zu umschmeicheln und tanzen zu lassen, sorgt nach wie vor immer wieder für ungläubiges Staunen. Soul und Blues hat Frau Marshall jedenfalls zu Hauf. Sie selbst geht damit nach wie vor unaffektiert um. Mehr als einmal singt sie am Mikro vorbei, scheut sich nicht, sich während des Vortrages zu räuspern oder ihren Einsatz mal zu verschleppen. Hauptsache, die Emotionen stimmen. Und die stimmen eigentlich immer. Der erste Teil des Konzertes ging mit einem weiteren Instrumental zu Ende. Und dann kündigte die mütterliche Queen, eine Gospel-Sängerin wie sie im Buche steht, lautstark den Solo-Part des Sets an. Hier zeigten sich dann auch wieder einige der typischen Cat Power-Ticks: Das Hadern mit der Technik, den Umständen und mit sich selbst. Aber erstens war das längst nicht so schlimm wie früher und zweitens nimmt sie es auch längst nicht mehr so ernst. Bei "I Don't Blame You" tippte sie z.B. augenzwinkernd auf ihr Spiegelbild im Piano. Dazu unterhielt sie sich munter mit dem Publikum und erklärte auch, worauf es ankäme: Dass es z.B. wichtig sei, dass sich ein Song richtig anfühle - ansonsten mache ein Vortrag keinen Sinn. Auf diese Weise verarbeitete sie einige ihrer traditionell sehr eigenständigen Cover-Versionen. Sie selbst nennt es "messing a song up", wobei "aufmischen" zwar nicht die korrekte, aber passende Übersetzung wäre. Da war z.B. das zerdehnte, unendlich verlangsamte "House Of The Rising Sun", das aber umso mehr unter die Haut ging. ("Du hast uns zum Weinen gebracht", lobte Queen die Künstlerin nach dem Konzert) oder eine sehr abstrakte Version von "Hit The Road Jack", das Chan insofern abwandelte, als dass sie über sich selber sang. "Das ist ironisch zu verstehen", erklärte sie anschließend. Es folgte ein zweiter Teil mit der Memphis Rhythm-Band. Hier nun gab es neben der Stücke von der Scheibe auch endlich älteres Chan-Material zu hören, wie z.B. eine stampfende, treibende Version von "Cross Bone Style". Es folgten auch hier Cover-Versionen, darunter "Naked" - gegenüber ihrer bisherigen Versionen mit total verändertem Timing, "Satisfaction" - nach wie vor ohne gesungenen Refrain, dafür aber ganz schön rockend und eine poppige Version des Gnarls Barkley Stückes "Crazy". "Das fing als Witz beim Soundcheck an", erklärte Chan später entschuldigend.

Im Konzert-Kontext funktionierte es aber als prächtiger Rausschmeißer vor den Zugaben. Hier gab es zunächst eine A-cappella-Version von "Tracks Of My Tears", bei der alle Bandmitglieder ans Mikro durften. Anschließend setzte sich Chan noch einmal ans Piano und gab eine Zugabe. Unter anderem spielte sie - weil das Publikum so lustig gewesen sei, wie sie meinte - noch einen neuen Song namens "Time Is The Healer", der angesichts der o.a. Umstände sicherlich autobiographische Züge gehabt haben durfte. Das Publikum war aber nicht nur lustig, sondern auch begeisterungsfähig. Zum Schluss gab es minutenlange stehende Ovationen. Die neue Chan Marshall war offensichtlich gut angekommen. Ihr selbst scheint dieser neue Lebensstil auch Spaß zu machen. So erzählte sie im Anschluss noch voller Begeisterung von ihren Zukunftsplänen, zu denen unter anderem Ausflüge in die Schauspielerei gehören. So ist z.B. eine Rolle im neuen Wong Kar Wai Film "Blueberry Nights" an der Seite von Jude Law denkbar. Ob das klappt, werden wir sehen. Eines steht jedenfalls fest: Um diese neue Chan Marshall müssen wir uns keine Sorgen mehr machen.

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Surfempfehlung:
www.catpowerthegreatest.com
www.matadorrecords.com/cat_power/
de.wikipedia.org/wiki/Cat_Power
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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