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"They don't play shows like this anymore"

Badly Drawn Boy

Köln, Prime Club/ München, Metropolis
12.03.2001/ 22.03.2001
Badly Drawn Boy
"Schönen Dank, wenn ihr die Platte gekauft habt", meinte Damon Gough alias Badly Drawn Boy nach dem ersten Track zum Publikum gewandt, "erwartet aber nicht, daß wir es heute abend spielen. Denn Shows wie diese werden eigentlich nicht mehr gemacht." Was Damon damit meinte, wurde im folgenden klar. Kein Wunder, daß der kleine Mann in England für das übliche Wochenende zum "next big thing" gekürt wurde. Sowas hat es aus England eigentlich noch nicht gegeben. Frei von jedwelchen Zwängen spulten Gough und seine Band eine ziemlich abgefahrene Show herunter.
Badly Drawn Boy
"Wir haben uns nach dem letzten Konzert in Brüssel lange unterhalten", erläuterte er dem Publikum seinen Ansatz, "und uns dann darauf geeinigt, daß wir uns selbst amüsieren wollen. Dann müssen wir uns uns auch nicht mehr darauf konzentrieren, die beste Band der Welt zu sein. Das sind wir nämlich schon." Das stimmte zwar nicht - die Band war mit Gough's Impulsivität aus der Mitte schlicht überfordert - aber Spaß hatten alle. Gough entpuppte sich nämlich als englischer Howe Gelb, als Jack-in-the-Box, als Derrwisch, als Scharlatan, als De Sade der Improvisation und als Possenreisser erster couleur. Kurzum: Sowas hatte man wahrlich schon lange nicht mehr gesehen. Die Tracks von BDB's Debut "Hour Of The Bewilderbeast" bildeten in der Tat nur so eine Art grobe Richtlinie für Gough's Eskapaden.

Eine Setlist gab es ebensowenig wie einen klaren Plan. Gough war dermaßen davon überzeugt, der größte auf Erden zu sein, daß er mehr als einmal schlicht und ergreifend danebengriff. Andererseits hatten diese Ausrutscher auch wieder den gewissen Charme, den man beispielsweise eben von Giant Sand Konzerten kennt. Daß Gough ein genialer Songwriter ist, steht außer Frage. Seine Ursprünge erläuterte er anhand einer wackelig-improvisierten Cover-Version von Springsteen's "Thunder Road". Ansonsten gab es Gough pur. Und das: Mittels einer ca. 10minütigen, improvisierten Soul-Nummer namens "What's Your Name" bemühte der Meister sich, alle Mädels in der ersten Reihe anzubaggern und dabei Schoten abzulassen wie: "Ich bin allerdings schon vergeben. Das ist schade. Für euch, nicht für mich." Der persönliche und körperliche Kontakt zum Publikum war dem kleinen Musikanten eh wichtig. Ständig kletterte er auf die Boxen, shakte hands, strich dem Publikum durch die Frisuren, reichte Fotos seiner 3 Monate alten Tochter Edie herum (deren Namen auch seine Jeans-Jacke zierte) und verteilte ungefähr 2 Drittel des vorhandenen Instrumentariums und sämtliche Handtücher ans Auditorium. Nachdem die Show nach gut 2 Stunden dann vorbei war, ließ Gough ein gespaltenes Publikum zurück. Die, die hinten standen und nix sehen konnten (weil er wirklich nicht groß ist) fanden's nämlich offensichtlich langweilig. Die anderen aber gingen mit dem Eindruck nach Hause, wirklich mal etwas Einzigartigem beigewohnt zu haben. "Entschuldigt bitte, daß ich so was mache", meinte Gough zum Schluß - nachdem er das Publikum vorher übrigens hemmungslos beschimpft hatte - "aber wenn ich's nicht tue, macht es sonst auch niemand."

...10 Tage später, in München...

Zum coolen Groove von "Fall In A River" kommt der kleine runde Mann mit der obligatorischen, tief ins Gesicht gezogenen Strickmütze ins Scheinwerferlicht getiegert, hebt scheinbar gelangweilt die rechte Hand zum Gruß, präsentiert mit steinerner Mine zweiten und fünften Finger der linken, um dann mit großer Geste das breite rote Lederarmband mit den Spiegelstücken freizulegen. Damit wird nun ausführlich und im Takt zur Musik der eine oder andere aus dem Auditorium geblendet. Da brennt wohl jemandem der Hut, drängt sich der Verdacht auf und tatsächlich wäre es wenig verwunderlich, wenn der in den letzten Monaten doch ziemlich gehypte Damon Gough etwas an Bodenhaftung verloren hätte. Hat er aber nicht - alles nur Spaß.

Badly Drawn Boy
Als nächstes greift er sich die Gitarre und beginnt, sie wieder und wieder beschwörend in Richtung Publikum zu strecken und bevor er den ersten Akkord spielt, sind so locker fünf Minuten vergangen. Schon zu Beginn wird klar, dass dieser ironische Badly Drawn Boy nicht einfach das Material von "The Hour Of The Bewilderbeast" herunterspulen würde, denn "Fall In A River" dauert auf der CD nicht mal zwei Minuten. Über gut zweieinhalb Stunden gibt es - neben den relativ frei interpretierten Stücken seines ersten Longplayers und einigen Songs von den zuvor erschienenen EPs - Sonderliches wie eine quälend abstrakt-dissonante Version der amerikanischen Nationalhymne als Soloeinlage oder einen "Trumpfen" betitelten Ländler, der angeblich am Vorabend im Münchner Hofbräuhaus komponiert wurde (und auch von dem 93er FSK-Album "The Sound Of Music" stammen könnte), auf die amüsierten Ohren.

Der sympathische Entertainer, der sich in der Tradition von Frank Zappa, Captain Beefheart und Lou Barlow sieht und zu seinem Leidwesen - aber nicht zu unrecht - ständig mit Beck verglichen wird, hatte von Anfang an das Publikum auf seiner Seite und fest im Griff. Unentwegt wurden Hände geschüttelt, Komplimente ausgetauscht, Spässe getrieben und dergleichen mehr. Wer nicht dabei gewesen ist, könnte vermuten, dass sich da jemand auf ungebührliche und unwürdige Weise zu verbrüdern suchte. Wer dabei war, weiß, dass an diesem Abend einfach alles gepasst hat, irgend eine Form von Magie stattfand oder was auch immer. Von einer Welle der Zuneigung gepackt holte Damon irgendwann das Foto seiner im Dezember letzten Jahres geborenen Tochter aus dem Geldbeutel und reichte es, mit dem expliziten Wunsch, dass alle an seinem Glück teilhaben sollten, ins Publikum. Nach einer knappen Stunde kam es tatsächlich wieder zu ihm zurück.


"Another Pearl" Live in London:
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"The Shining (Avalanches Good Word For The Weekend Mix)"
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Text: -Ullrich Maurer (Köln) / Dirk Ducar (München)-
Fotos: -Ullrich Maurer-

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