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Konzert-Bericht
 
Slip Into Unconsciousness

Chris Whitley
Jerry Jopseh

Köln, Prime Club
15.03.2001
Chris Whitley
Das war einer der befremdlichsten Momente in der Rockhistorie seit Patti Smith beim Rockpalast mit ihrer Klarinette zu Johnny Winter auf die Bühne krabbelte. Nichts - schon gar nicht der hochnervöse, konventionell agierende Jerry Joseph im Vorprogramm - konnte einen auf das vorbereiten, was dann kam. Obwohl die Anzeichen da waren: Während Joseph stimmgewaltig aber variantionsarm seine akustischen Standard Rocksongs zum besten gab, lugte Chris Whitley um die Ecke des Backstage-Raumes und grölte unzusammenhängendes Zeug. Die ersten Sekunden des dann folgenden Konzertes waren irgendwie grandios.
Chris Whitley
Nachdem die junge Begleitband mit düsteren Funk-Attacken eine solide Basis aufgebaut hatte, brach Whitley mit brachialer Gewalt über das Publikum herein. Mit zerstörerischen Heavy-Riffs schrammelte er sich innerhalb von Sekunden die Finger blutig und machte den Eindruck, dies sei alles auch so gemeint. Daß es das nicht war, wurde spätestens dann klar, als er ans Mikro stürzte und mit scheunentorgroßen Pupillen weiterhin unzusammenhängendes Zeug grölte. Zugedröhnt bis unter den Stehkragen bot Whitley fürderhin ein erbärmliches Abbild vergangener Größe. Daß hin und wieder - eher zufällig, wie es schien - die zweifelsohne vorhandene Virtuosität Whitley's durchblitzte lag wohl daran, daß der Autopilot mit unverbleitem Adrenalin vollgetankt war. Whitley stocherte hilflos in seinem Songmaterial herum, ohne etwas Brauchbares zu finden. Nicht ein Text kam zusammenhängend über seine Lippen, meist reichte es gerade noch für ein motorisches Lallen. Die Krönung war schließlich der Moment, als er seinen Verstärker leise drehte, ohne dies zu bemerken und eine ganze Strophe ohne Ton spielte. Nie machten Textzeilen wie "I'm doing the best to dissolve myself" mehr Sinn. Das ohnehin nicht besonders zahlreich erschienene Publikum zeigte wenig Verständnis und tat das selbe. Daß Whitley dann ausgerechnet die Coverversionen von "Crystal Ship" und "Perfect Day" noch am ordentlichsten hinbekam, war schon eine besonders bösartige Ironie des Schicksals.
Chris Whitley
Festzuhalten wäre noch, daß seine beiden Leidensgefährten ihre Aufgabe ausgezeichnet erledigten und Whitley hin und wieder zumindest passagenweise zu korrekten Einsätzen und schlüssigen Strukturen verhalfen. Wie gesagt: Das Potential darf man Whitley ja nicht in Abrede stellen. Auf anderen Konzerten der Tour glänzte er zum Beispiel mit der üblichen Genialität. Jeder andere Musiker wäre in dieser Situation auch schlicht und ergreifend implodiert. Es ist somit schon ein Wunder, was trotz der widrigen Umstände noch unterm Strich herauskam. Ein Freund sagte: "Das muß man erst mal hinbekommen" - womit er nicht ganz unrecht hatte. Whitley war ja noch nie dafür bekannt, ein leuchtendes Beispiel für ein politisch korrektes Musikantendasein zu bieten, und machte auch an diesem Abend nicht den Eindruck als ginge ihm diese Sache irgendwie nahe. Er sah allerdings sehr schlecht aus und es wäre in der Tat schade, wenn ein weiteres großartiges Talent sich auf diese Weise zugrunderichtete.
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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