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Konzert-Bericht
 
Fragen zu vergessenen Songs

Scout Niblett
Castanets

Köln, Gebäude 9
12.12.2007

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Scout Niblett
Die Sache stand unter keinem guten Stern: Will Oldham war natürlich nicht da, der Vorverkauf schleppend gelaufen, der Support Act hatte eine mutiple Persönlichkeitsspaltung und Scout Niblett einen dicken Hals. Zumindest im übertragenen Sinne: Sie hatte Halsschmerzen, die sich nachdrücklich bemerkbar machten und dazu führten, dass das Konzert eher 45 Minuten als eine Stunde dauerte. Indes und das zeichnet Scout Niblett als echte Indie-Ikone eben aus: Das, was sie in dieser kurzen Zeit bot, war dann schon sehr beeindruckend und in keiner Weise kompromissbehaftet.
Zunächst überraschte der ansonsten eher wortkarge Raymond Raposa mit der Majestätis Pluralis: "Wir sind die Castanets und spielen ein paar Songs", stellte er sich vor. Wohlgemerkt: Es kam dann niemand mehr hinzu. Und mehr als einen Song spielte der Mann im Prinzip auch nicht wirklich. Raposa (der zugegebenermaßen zuweilen auch mit anderen Musikern auftritt) hatte dabei ein recht interessantes Konzept: Zunächst sampelte er sich eine Art psychedelische Basis, auf der er dann mit sprödem, elektrischen Indie-Blues aufsetzte und im Prinzip klassische Folk-Balladen spielte - allerdings ziemlich düster, um nicht zu sagen desolat und im Indie-Rock wurzelnd. Dazu sang der zuweilen auf einem Bein balancierende Vollbartträger dann wie ein männlicher Victoria Williams (wenn diese Verdrehung mal gestattet ist). Das wurde dermaßen integer, bierernst und geradlinig dargeboten, dass es niemand wagte, sich zu beschweren. Schon alleine, um sich nicht mit Scout Niblett anlegen zu müssen, die den Mann handverlesen mit auf Tour genommen hatte.
Scout stellte sich dann hochkonzentriert ans Mikro, brauchte eine ganze Weile, um in den Groove zu kommen und machte dann - mit geschlossenen Augen und verbisserener Miene - mangelndes Show-womanship durch eine nahezu unheimliche Intensität wett. Im Zentrum standen natürlich die - zum Teil außerordentlich guten - Tracks ihres aktuellen Albums "This Fool Can Die Now", das sie ja - von der Presse mit viel Hallo bedacht - mit Unterstützung vom eingangs erwähnten Will Oldham eingespielt hatte. Um es gleich zu sagen: Der fehlte nicht wirklich. Ganz im Gegenteil: Scout schien solo noch mehr Empathie in den Vortrag zu legen, als auf der Scheibe. Das galt sowohl für den Gesang, wobei sie sich wirklich nicht schonte, wie auch für das äußerst energische, bluesige Gitarrenspiel. Das ist auch so ein Kennzeichen von Scout Niblett, dass sie sich nämlich nicht - wie viele ihrer Artgenossen aus der Szene - vom Blues gelöst hat. Natürlich singt sie nicht wirklich von gestohlenen Schuhen am Morgen, aber die Zwischentöne ihres Vortrages erinnerten doch zuweilen sehr an die klassische Blue Note. Und an Nirvana. Und an Shannon Wright, PJ Harvey, Cat Power, Joanna Newsom, Mary Timoni und alle anderen Größen des Genres, zu denen Scout Niblett mittlerweile mit leichter Hand aufgeschlossen hat, in deren Gesellschaft sie sich offensichtlich wohl fühlt, von denen sie aber bitte ausdrücklich nicht borgt. Dafür ist der mit beinahe mittelalterlichen Melodiebögen durchzogene, kaum noch von nervenden Kieksern durchzogene und mit unerwarteten Ecken und Kanten durchzogene Vortrag dann doch zu eigen.

"Hat jemand Fragen?", fragte sie gleich nach dem ersten Stück ins Rund und versuchte, mit dem zögerlich reagierenden Publikum ins Gespräch zu kommen. "Immerhin habt ihr euch ja bemüht", lobte sie dann auch artig, als wenigstens einige Wortmeldungen kamen. Wie stets, so ließ sie sich von ihrem Drummer Kristian Goddard begleiten - torpedierte das allerdings ein wenig, in dem sie gleich den ersten Text vergaß und auch ansonsten mehr oder minder impulsiv in ihrem Oeuvre herumstocherte. Wohl auch, um einige Passagen finden zu können, bei denen sie nicht zu singen brauchte. Publikumswünsche zu erfüllen war dabei sowieso nicht drin. "Ich wünschte, ich könnte mehr Songs", meinte sie entschuldigend, "aber ich vergesse sie einfach. Das ist ganz schön peinlich." Das wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, wenn die Gute nicht offensichtlich massiv mit ihrer Stimme zu kämpfen gehabt hatte. Dennoch: Gerade die Höhepunkte des neuen Albums wie "Kiss", "Do You Wanna Buried" oder auch "Dinosaur Egg" gerieten zu wahrlich meisterhaft dargebotenen Blaupausen in Sachen effektivem Minimalismus. Und als Bonbon gab's dann noch einige extatische Led Zeppelin-Momente bei den lauteren Nummern - dafür aber keine Zugabe. Sicher, Scout Niblett ist eine Künstlerin der dritten oder vierten Generation und hat das, was sie da tut, nicht gerade erfunden. Sie bewegt sich auf dem Gebiet der angeschrägten Indie-Heroine jedoch mittlerweile ungemein souverän. Das ist alles nicht mehr zu vergleichen mit den seltsamen Anfängen ("A Girl And Her Drums But No Rhythm"). Way to go, Scout Niblett!

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Surfempfehlung:
www.scoutniblett.com
www.myspace.com/scoutniblett
www.myspace.com/castanets
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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