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Konzert-Bericht
 
Wer die Wahl hat, hat die Qual

Teitur
Brisa Roché/ Helgi Jónsson

Köln, Luxor
01.04.2008

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Teitur
Zum Glück kein Aprilscherz war das Konzert des international erfolgreichen und bewanderten Songwriters von den Faröer-Inseln Teitur im frisch renovierten Kölner Luxor (ehemals Prime Club ehemals Luxor). Als Support-Act spielte - erstmals in unseren Breiten - die amerikanische Songwriterin Brisa Roché mit ihrer französischen Band und (leider nur für zwei Songs) Multitalent Helgi Jónsson aus Island, der in Teiturs Band auf dieser Tour auch als Posaunist und Sänger tätig war (sofern er keine Termine mit anderen Bands wie z.B. Sigur Ros hat, mit denen er soeben an einer neuen Scheibe arbeitet). Der Abend war dann ebenso international besetzt wie musikalisch eklektisch: Brisa Roché ist, wie bereits ihre CDs "Chase" und "Takes" vermuten ließ, auf konstruktive Art musikalisch wahnsinnig (weswegen es Sinn machte, dass ihre Musiker wie Krankenpfleger gekleidet auftraten), Helgi Jónsson empfahl sich - mit österreichischem Akzent auf deutsch parlierend - als äußerst amüsanter Apostel von Jeff Buckley (der ja auch mal auf der gleichen Bühne gestanden hatte) und Teitur selbst hat sich - spätestens seit dem aktuellen Album "The Singer" - endgültig dem musikalischen Irrsinn verschrieben. Ein Irrsinn freilich, der Methode hat und äußerst unterhaltsam daher kommt.
Nicht nur, dass er seine Tourband neben Helgi Jónsson auch mit dessen Schwester Unnur Jónsdóttir an Cello, Marimba und Klarinette sowie mit seiner wandlungsfähigen Freundin Anna Emilsson als Sängerin, Keyboarderin und Saxophonistin verstärkt hatte (was dem auf der CD ausgelobten Orchestergedanken schon sehr nahe kam), sondern obendrein überzeugte Teitur vor allen Dingen als wirklich witziger, charmanter und beredter Performer. Irgendwie schleicht sich der Verdacht ein, dass sich dieses Konzert, was den Unterhaltungsfaktor betrifft, so schnell nicht toppen lassen wird. Brisa Roché, die ja bei uns noch vollkommen unbekannt ist, redete mit dem Publikum, als sei sie eine alte Bekannte und erklärte ungehemmt die zum Teil recht eigenartigen Stories hinter ihrem kunterbunten Psychedelic-Pop, der vorwiegend von der Qual der Wahl handele, wie sie erklärte, oder aber davon, seinen geliebten Partner im Auto entführen zu wollen, um sich selbst zu finden. Oder vom Pfeifen, Trommeln oder Papiermädchen. Ihre eigenartige Selbstfindungs-Historie schlägt sich auch in der Unberechenbarkeit ihrer Songs nieder. Hier reihen sich psychedelischer Spacerock im Stile der Doors nahtlos an folkige Pop-Songs oder verstiegene Vokalakrobatik. Ihren Plattenvertrag bekam Brisa, indem sie in Pariser Clubs Jazz-Standards sang. Vielleicht deswegen hört sich ihre Stimme so gar nicht nach Girlie-Pop an. Als Sängerin bricht sie zudem ständig aus irgendwelchen vorhersehbaren Schemata aus und jodelt, jauchzt, wimmert und grölt sich zeitweise geradezu durch die Songs - die indes so geschickt ausgewählt und kombiniert wurden, dass das Ganze weder langweilig noch befremdlich wirkte. Ganz im Gegenteil: So stellt man sich als Musikfreund intelligente, überraschende und kurzweilige Unterhaltung mit Niveau (und eben einer Prise Wahnsinn) vor. Denn Brisa ist zudem eine clevere Songwriterin: Auch wenn ihre Tracks zuweilen freistiligen Charakter haben mögen: Am Ende findet sie doch zu einem letztlich schlüssigen Format. Brisa, die auf zehn cm hohen Plateauschuhen und wild wuchernder Haarpracht auch optisch eine gute Figur machte, empfahl sich als lebhafter, vielseitiger Live-Act - was im Übrigen auch gut zum Thema des Abends passte.

Helgi Jónsson, der einige Jahre in Österreich gelebt hatte, weswegen er auf deutsch mit dem Publikum und den Technikern parlieren konnte, durfte aus Zeitgründen leider nur zwei Songs vortragen - einer elektrisch, einer akustisch und beide im (nach wie vor) Club-typischen Tiefdunkel. Dabei zeigte er Format als Songwriter, Sänger und Conferencier. "Jetzt kommt ein schwieriger Teil mit Fingerpicking", erklärte er mitten im Song, "das kann mein Vater sehr gut. Wenn ihr meine CD kauft, könnt ihr ihn diesen Part spielen hören." Charmantere Eigenwerbung hatte man schon länger nicht gehört.

Teitur hatte dann eine klare Vorstellung vom Programm: Es wurden vorwiegend die Stücke des brandneuen Albums "The Singer" gespielt - da sie schon mal da seien und damit es nicht so langweilig für's Publikum wäre. Daneben gab es haarsträubend aberwitzige Ansagen ("Ich bin Teitur und ich war schon in mehr deutschen Städten als die meisten von euch"), lustiges Geplänkel mit den Musikanten und dann, in einem akustischen Solo-Teil auch die älteren Stücke seiner ersten beiden Alben, die dann per Zuruf aus dem Publikum gewünscht werden durften - mit den entsprechenden Folgen: "You Get Me" fuhr er z.B. mit einigen Lapsi und charmanten Improvisationen gegen die Wand - weil er es so lange nicht mehr gespielt habe. Die Highlights der Show waren aber tatsächlich die neuen Tracks. Wer befürchtet haben mochte, die z.T. anspruchsvollen und weniger eingängigen Kompositionen könnten in der Live-Version zu Showstoppern geraten, sah sich eines besseren belehrt. Teitur und seine Mitstreiter nutzten alle Möglichkeiten, die die große Besetzung ergab und erfüllten die neuen Songs mit einem höchst amüsanten Eigenleben. Das war nicht nur auf Teiturs Charme zurückzuführen, sondern vor allen Dingen auf die handwerklichen Fähigkeiten seiner Musiker, denen es mühelos gelang, auch die komplexesten Arrangements mit leichtfüßiger, ansteckender Begeisterung lebhaft vorzutragen. Insbesondere der bis zu fünfstimmige Harmoniegesang gefiel dabei - unter anderem deswegen, weil die Stücke allesamt recht ungewöhnlich aufgebaut sind und das Timing - z.B. auch in Bezug auf die zahlreichen polyphonen Pfeifeinlagen - wahrlich meisterhaft saß. Mittlerweile hat Teitur auch einige Up-Tempo-Nummern wie z.B. (das einer vorbeihuschenden Bedienung gewidmete) "Catherine The Waitress" im Programm, die eine gern mitgenommene (aber tatsächlich gar nicht unbedingt notwendige) Abwechslung boten. Selbst eher lamentösen Tracks wie dem besinnlichen "Letter From Alex" oder "We Still Drink The Same Water" konnten auf diese Weise humorvolle Aspekte entlockt werden. Und das fast Prog-Rock-würdige "I Run The Carousel" roch so förmlich nach Sägespänen und Zuckerwatte. Als Live-Act ist Teitur mit dieser Tour der ganz große Wurf gelungen. Wir dürfen gespannt sein, was er sich für die Zukunft noch alles einfallen lässt.

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Surfempfehlung:
www.myspace.com/teitur
www.myspace.com/brisaroche
www.helgijonsson.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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