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Orange Blossom Special 12 - 2. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Villa
11.05.2008

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Orange Blossom Special 12
Der letzte Tag des Festivals zeigte eine - angesichts der Historie - beinahe beängstigende Konsequenz in Sachen Wetter. Und so wunderte es dann nicht, dass um 12:30 Uhr der Platz vor der Bühne bereits sehr gut besucht war. Es spielte Mary Epworth mit ihrer Band. Im letzten Jahr hatte sie als zweite Stimme von Michael J. Sheehy (und körperlich irgendwie umfangreicher) ebenfalls bereits auf der Bühne gestanden. Nachdem sie dann ihren befremdlichen rosafarbenen Hausfrauenkittel abgelegt hatte und ein pailettebesetztes Glitzerkleid zum Vorschein kam, das Conaisseur Rembert zungenschnalzende Beifallsbekundungen entlockte, legte sie ein prächtiges Set zwischen zünftigem Americana Rock und solidem Folkrock-Songwriting hin. Mary hat bislang nur eine eine EP vorgelegt (die im Vergleich zu den straighten Live-Sachen auch relativ psychedelisch erscheint) und musste sich ziemlich strecken, was das Repertoire betraf.
"So viele Songs habe ich ja noch nie am Stück gespielt", murmelte sie, als am Ende noch Platz für Zugaben war. Doch sie löste ihre Aufgabe eigentlich ziemlich souverän. Unterstützt von den Bläsern von Norm Bek (die Mary augenscheinlich adoptiert hatte), überzeugte sie mit Charme, kräftiger Stimme und der bewundernswerten Fähigkeit, während des Konzertes eine Autoharp stimmen zu können. So etwas sieht man nämlich nicht allzu oft. Der nächste Act, Gisbert zu Knyphausen, ist eigentlich ein noch recht neuer Stern am Sternensinger-Himmel. Im Vorprogramm von Olli Schulz spielte er jüngst - und jener Olli Schulz war ja auf dem letzten OBS die Überraschungskanone schlechthin gewesen. Dabei sei gleich klar gestellt, dass Gisbert (der übrigens tatsächlich so heißt) KEIN Olli Schulz-Clone ist. Gisbert legt nämlich weniger Wert auf schnoddrigen Witz, als auf musikalische Kompetenz und sachliche Nachdenklichkeit (was die Texte betrifft). Wie zuvor bei den Girls In Hawaii gelang es Gisbert, nonchalant technische Probleme mit dem Einsatz einiger Akustiknummern zu überbrücken. Ansonsten gaben er und seine Band auch schon einmal Gas - eine Sache, die angesichts von Gisberts demnächst erscheinender CD gar nicht einmal in dieser Form zu erwarten gewesen wäre. Gisbert - von Natur aus - mit dem verwegenen Charme eines Troubadours ausgestattet, erfreute sich bereits in diesem Stadium einer recht ansehnlichen Popularität - nicht nur, aber vor allen bei den jüngeren Personen im Publikum und kam nach dem Konzert kaum dazu, seine Anlage abzubauen, weil er von Autogrammjägern geradezu bedrängt wurde.

Gisbert durfte etwas länger als geplant spielen, weil sich der nächste Act - Scout Niblett - trotz des "Scout" im Namen verfahren hatte, wie Rembert erklärte. Das fand sogar Scout selbst lustig. Die in Portland, Oregon, ansässige Engländerin und ihr Drummer Kristian Goddard standen zweifelsohne für eine ganz andere Klientel als die Americana-Freunde. Ihr Stil, der in der Tradition der großen Indie-Queens-steht, polarisiert eben. Während die Rockfreunde also vor dem Radio die Bundesliga verfolgten, harrten die aufgeschlosseneren Geister vor der Bühne aus. Das führte dazu, dass eine gespannte Aufmerksamkeit herrschte - was bei einem Act, der mehr auf Dynamik denn auf Rockpower setzt, nicht ganz selbstverständlich ist. Wer sich darauf einließ, wurde mit einem ungemein intensiven Set belohnt. Scouts neue Stücke - allen voran das brillante "Kiss" - erinnern in ihrer leidensfähigen Intensität dabei durchaus an die sortierteren Momente einer frühen Chan Marshall. Konterkariert wurde das durch Scouts "PJ Harvey-Momente" - mit dissonannten, lauten Schrammelbretten. Auf der einen Seite. Dazu kam dann noch ihre Quiz-Show, bei der sie Fragen aus dem Publikum beantwortete: So erfuhr man, dass sie 34 ist und keine Haustiere hat. Abgerundet wurde das Set mit einer Coverversion von TLCs "Scrub". Für manch einen der Verbliebenen dürfte dieses Set einer der Höhepunkte des Festivals gewesen sein.

Die Tradition, während der Umbaupausen lustige Bläsertruppen im Publikum agieren zu lassen, hat auf dem OBS ja bereits Tradition. Dieses Mal spielten also Norma Bek auf. Das sind Rainer und Karsten Suessmilch an diversen Blasinstrumenten und Gitarrist Matze Schmidt. Mit Megaphon und auf dem Rücken geschnallten Gitarren-Verstärker gab das Trio eine kunterbunte Mischung von Coverversionen wie "Walk This Way" oder "Burning Down The House" - und zwar als "New Orleans beeinflusster Kammerfunk", wie es auf der MySpace-Seite der Jungs heißt. Die Sache hatte - neben der offensichtlichen Begeisterung des Publikums (besonders jener, die weiter von der Bühne entfernt verweilten) - auch noch einen Zusatznutzen: Außer bei Mary Epworth halfen die Suessmilchs später auch noch bei den Great Crusades mit knackigen Bläsersätzen aus. Dass sich Edgar Heckmann seit einiger Zeit nicht mehr auf dem Festival blicken lässt, bedeutet zum Glück nicht, dass keine seiner Bands mehr auftreten. Mit Hank Shizzoe und seinen Directors war denn auch eine Blue Rose-Band angetreten, der quasi alle Qualitäten, die ein Roots-Act haben sollte, in sich vereinigte. "Wir sind auf der Bühne alle über 40", kündigte Hank sein Set an, woraufhin aus dem Publikum ein trauriges "Vor der Bühne auch" zurückkam. Nun gut - so gab es für jeden etwas. Der charmante Schweizer ist nicht nur ein lebhafter Performer, sondern er hat - als Gitarrist und Geschichten erzählender Songwriter - praktisch jeden Stil drauf, den das Genre hergibt. Das ging sogar so weit, dass der Mann, der eigentlich Thomas Erb heißt, mit einer Lapsteel-Gitarre eine Ben Harper-Einlage produzierte, daneben gab es das beste aus Folk, Rock, Country und Blues. Als Gitarrist überzeugte Shizzoe eh in jeder Lebenslage - und er äußerte sich auch lobend über die Verstärker der Firma Stark, die das Festival ausgestattet und unterstützt hatte. Auch seine Band überzeugte. Besonders der studierte Kontrabassist Michel Poffet zeigte mal so richtig, dass Alter und lebhafter Rock'n'Roll sich keineswegs ausschließen. Als Bonbon gab es dann noch "Six Blade Knife" von den Dire Straits in einer messerscharfen Version. Hank hielt die Fahnen des Roots-Rock jedenfalls tapfer aufrecht.

Den nächsten Act, das Dexter Jones Circus Orchestra, hatte Rembert auf einer Zeitreise auf MySpace entdeckt. Die vier klassisch gestylten Schweden schienen auch direktemang aus den 70s angereist zu sein. Nicht nur, was das Aussehen und die Kleidung (Schlaghosen!) betraf, sondern auch musikalisch. Mit geradezu missionarischem Eifer predigten Tia Marklund und seine Mannen die reine leere des ehrlichen Rock'n'Roll. Knochentrocken und auf dem Punkt sitzend knüppelten sich die Herren durch eine Melange aus 30 Jahren Gitarrenmusik, bei der kein Auge trocken und kein Stil ungenutzt blieb. "Wir sind viel in Deutschland unterwegs", meinte Tia, "und haben dabei festgestellt, dass im Radio - wie auch bei uns in Schweden - nur Scheiße läuft. Deswegen müssen wir alle Labels wie Glitterhouse unterstützen." Hinter so viel Chuzpe können sich angesagte Retro Acts wie z.B. die Kings Of Leon eigentlich einfach nur noch verstecken. Dass die jungen Glitterhouse-Praktikantinnen auf diese Musik stehen, wie Rembert meinte, ist dabei eigentlich nicht verwunderlich. Denn coole Qualität setzt sich letztlich auch durch.

Die Great Crusades sind zwar auch cool - aber auf eine ganz andere Art: Sie haben das OBS öfter gerockt als jede andere Band und jedes Mal, wenn sie nicht dabei sind, vermisst man sie, sagte Rembert. Die Brians und ihre Kumpels verschwendeten dann auch keine Sekunde und rockten den Garten für knapp zwei Stunden mit voller Power. Brian Leech hatte ein Piano auf der Bühne stehen und bei einigen Stücken kamen die Norma Bek-Bläser zum Einsatz (aufmerksam beobachtet von Mary Epworth) - ansonsten hab es harten Rock pur. Die Crusades hatten dazu noch ein paar Konfetti-Bomben mitgebracht - obwohl das Publikum natürlich auch ohne solche Gimmicks mitgegangen wäre. Zum Schluss holte Brian Krumm dann noch die Glitterhouse-Führungsriege als Aushilfsmusikanten mit auf die Bühne. Das nennt man dann wohl Rock'n'Roll-Familienfeier.

Auch Timesbold, die Band um den traurigen Troubadour Jason Merritt, gehört ja schon zu den OBS-Veteranen. Rembert erinnerte noch einmal an die Szene, bei der Jason beim letzten OBS-Auftritt in einer besonders intensiven Passage mit dem Kopf gegen das Mikro gestoßen war. So etwas passierte dieses Mal nicht. Die Band überzeugte - mit reichhaltigem Instrumentarium - mit den Songs ihres neuen, ausgezeichneten Albums "Ill Seen Ill Sung". Krank war dabei - außer dem zitternden Timbre Merritts, das aber sein Markenzeichen ist - eigentlich nichts. Dabei gefielen auch immer wieder schnelle Passagen (rockig wollen wir sie jetzt mal nicht nennen) wie z.B. bei "Any Lethal Storm" und schließlich, nach diversen Zugaben, der ideale Schlusspunkt , das "Schlaflied" namens "Goodnight Irene". Danach waren die Herren auch nicht mehr zu bewegen, noch einmal heraus zu kommen. Insgesamt war dies ein wahrlich würdiger Abschluss des Festivals. Ein Kritikpunkt sei indes erlaubt - und zwar der bescheuerte Timesbold-Bühnenaufbau: Alle Musiker außer der Rhythmusgruppe stehen in einer Reihe auf der Bühne, wobei Jason Merritt links neben sich einen schulterhohen Verstärker als Monitor platziert, so dass er bestenfalls von einem Viertel des Publikums gesehen werden kann.

Fazit: Das diesjährige OBS war - nach der zögerlichen Entwicklung im Vorfeld - das musikalisch bislang artenreichste und aufregendste - auch ohne die üblichen großen Namen und dank des nach wie vor vorhandenen, sehr persönlichen Glitterhouse Touches. Wollen wir mal hoffen, dass das im nächsten Jahr entsprechend weiter geht. Immerhin haben Reinhard und Rembert ihre diesbezügliche Unkerei auf dem Festival nicht fortgesetzt...


Video: Norma Bek, OBS 12:

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Video: Mary Epworth, OBS 12:

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Video: Scout Niblett, OBS 12:

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www.glitterhouse.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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