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Heidnische Flaschenraketen im Weihnachtstaumel

Blue Rose X-Mas-Party 2008

Hannover, Blues-Garage
13.12.2008

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Blue Rose X-Mas-Party 2008
Das Konzept der diesjährigen Blue Rose-X-Mas-Party war gegenüber der letztjährigen Ausgabe leicht abgewandelt worden: Beim Soundcheck war dieses Mal zum Beispiel niemand von der Bühne gefallen und es gab mit der Band Of Heathens und den Bottle Rockets gleich zwei Headliner, die jeweils ein volles Set spielten. Und dann war da ja auch noch das Blue Rose Rockestra, das nicht eben für seine Zurückhaltung in Sachen Programmgestaltung bekannt ist. Deswegen wurden die akustischen Solo-Auftritte auf ein notwendiges Mindestmaß zurückgefahren.
Konzertmeister Julian Dawson stimmte die Zuschauer mit dem (zuvor exklusiv und kostenlos verteilten) Song "Christmas Every Day", den er zusammen mit Rosie Flores geschrieben hatte, thematisch ein und im Folgenden spielten Tom Gillam, Joseph Parsons, Hank Shizzoe, Chris Cacavas und Todd Thibaud nur jeweils zwei Songs, die vor und zwischen den Band-Sets eingeschoben wurden. Nach dem Erfolg im letzten Jahr, war dieses Mal die Blues Garage sogar noch eine Spur ausverkaufter. Deswegen hatte man im Innenraum alle Sitzgelegenheiten und Stehtische entfernt (diejenigen, die nicht entfernt waren, waren bereits besetzt, als der Bus mit einem Großteil der Fans aus dem Süddeutschen eintraf). Da es auch ansonsten keinerlei Rückzugmöglichkeiten gab, wurde den Zuschauern im wahrsten Sinn des Wortes also einiges an Stehvermögen abverlangt. Für Blue Rose-Fans ist das natürlich kein Problem, aber anstrengend war die Sache doch schon. Dies auch unter dem Gesichtspunkt, dass bereits um 22 Uhr (also Blue-Rose-technisch etwa zur Halbzeit) das ganze Chili - mit dem Argument, man habe 100 Portionen verkauft - bereits ausverkauft war und man sich somit nicht ein Mal mehr stärken konnte. Vielleicht sollte man diese Aspekte beim nächsten Mal auch noch mal überdenken.
Musikalisch gab es eigentlich keine großen Überraschungen, sondern eher eine klassische Vollbedienung. So gelangten die Fans in den Genuss brandneuer Songs aller Beteiligten (die zuweilen so neu waren, dass die Texte noch nicht saßen - wie z.B. bei Hank Shizzoes "Splitting The Loot") sowie jeder Menge klassischer Cover-Versionen, bei denen - wie so oft - gerade diejenigen, die man vielleicht nicht erwartet hätten, am unterhaltsamsten waren. Zum Beispiel spielten die Bottle Rockets zwar eine Ausufernde Version von "Cortez The Killer" - aber genau so etwas erwartet man als Blue Rose-Kunde ja eigentlich auch, weswegen so etwas eigentlich nur einen romantischen Charakter hat. Was man hingegen nicht erwartet, ist dass das Blue Rose Orchestra "Das Modell" von Kraftwerk intoniert, dass Edgar Heckman höchstpersönlich, begleitet von den Bottle-Rockets nicht nur "Mendocino" in der Version von Michael Holm vorträgt, sondern obendrein den Refrain von Norman Greenbaums "Spirit In Tne Sky" oder dass Julian Dawson und Hank Shizzoe an der Steel-Guitar Paul Simon covern. So etwas ist großes Entertainment. Mit der Band Of Heathens gab es dann die ersten Anzeichens eines Generationenwechsels im Blue Rose Lager zu verzeichnen. Zwar hat sich das Quintett um die drei gleichberechtigten Front-Männer Ed Hurdi, Gordy Quist und Colin Brooks durchaus der klassischen, altmodischen Americana verschrieben, aber die Jungs sind zehn Jahre jünger als die typischen Verfechter des Genres und spielen, als hätten sie die Musik, um die es geht, selbst erfunden. Die Band Of Heathens werden deshalb - und ihrer vergleichsweise großen stilistischen Bandbreite wegen - nicht zu unrecht als große Hoffnung gefeiert. Im Live-Kontext überzeugt die Band durch hohes handwerkliches Können, eine immens satt groovende Rhythmusgruppe (Seth Whitney und John Chipman), atemberaubend exakt sitzende Harmonie-Gesänge und virtuoses Gitarrengeplänkel in Reinkultur. Dass die Jungs auf ihrer MySpace-Seite verkünden, dass sie Little Feat und die Band mögen, kommt sicherlich nicht von ungefähr. Das bedeutete im Prinzip: Wer auf die o.a. Acts steht, bekam eine Vollbedienung in Sachen Gitarrenfutter, Groove und einer Prise Soul. Für alle anderen (sicherlich eine Minderheit - aber auch diese gab es) war die Sache allerdings recht langweilig. Denn - anders als auf der exzellenten CD - variieren die Heathens im Live-Kontext kaum. Gerockt wurde so gut wie gar nicht, die Reggae-Elemente gab es nur als Andeutungen und auch die Folk- und Country-Einflüsse wurden eher unterschwellig eingesetzt. Das führte dann dazu, dass das Set der BOH auf einem gleich bleibenden Qualitätslevel ohne große Überraschungen auf einer Art R'n'B-Schiene daherpolterte. Das war alles ganz okay - wo da allerdings die im Vorfeld geradezu berschriene - Offenbarung gelegen haben soll, blieb dann doch eher fraglich. Denn Little Feat und The Band gab es ja nun eben schon mal.

Wie man die Erwartungshaltung erfüllen kann und dabei tierischen Spaß haben kann, das zeigten die eigens eingeflogenen Bottle Rockets aus Saint Louis. Edgar Heckmann brachte es auf den Punkt: Wenn es eine Band gibt, die die Blue Rose-Philosophie auf den Punkt bringt, dann sind es die Bottle Rockets! Zum 15-jährigen Jubiläum gab die Band dieses Jahr nur 15 Konzerte in 15 Städten - und eines davon (das einzige in Europa) auf der Blue Rose X-Mas-Party. Verstärkt um Riffmeister Eric Roscoe Ambel (der die kommende CD produzierte und der auch schon bei den Labelkollegen Yahoos, Steve Wynn und Steve Earle mitgewirkt hatte) zeigten die Jungs um Brian Henneman, worum es ihnen ging: Auf so unterhaltsame Art wie möglich abzuhotten. Von den ersten Tönen des Killer-Tracks "Trailer Ma" bis im Prinzip um zwei Uhr Nachts (als Henneman als einer der letzten von der Bühne krabbelte) gab es nur eine Parole: Vollgas bis zum Anschlag. Das ging sogar so weit, dass sich die Jungs dermaßen in Rage spielten, dass Henneman spätestens nach "Gotta Get Up" atemlos bremsen musste. "Das war wirklich verdammt schnell", hechelte er seinen Kollegen zu. Insbesondere im ersten Drittel der Show boten die Bottle Rockets ein Paradebeispiel für nahtlos verzahnte Rock-Gitarren in Reinkultur (später zerfaserte es dann ein wenig und zuletzt legte Roscoe Ambel sogar mitten im Song eine Pinkelpause ein). Insgesamt boten die Herren eine abwechslungsreiche, druckvolle, witzige und spannende Tour de Force, bei der die auf der MySpace genannten Einflüsse Neil Young und Doug Sahm zwar reichlich zitiert, aber nicht wirklich bemüht wurden: Die Jungs haben ihr eigenes Ding nämlich bemerkenswert selbstverständlich drauf. Und noch mal zum Thema Doug Sahm: Dass es von "Mendocino" eine deutsche Version geben solle, wollte Henneman zunächst gar nicht glauben. Nun: Edgar Heckman belehrte ihn definitiv eines Besseren. "Ich werde den Titel wohl nie mehr in englisch vortragen können", schmunzelte Henneman danach.

Mehr zum Schmunzeln gab es beim Auftritt des Blue Rose Rockestra. Zu einer Zeit, in der andere Clubs schon die Pforten schließen (oder die Disko anschmeißen), stand der Höhepunkt der Veranstaltung an. Julian Dawson war inzwischen zur Vaterfigur herangereift, der seine Schäfchen mit einer Mischung aus Begeisterung, Ehrfurcht (vor dem eigenen Wagemut) und Humor durch die beeindruckende Sammlung von kurzfristig zusammengetragenen Cover-Versionen lenkte. Das abenteuerliche und wenig geprobte Unterfangen funktionierte dann mal besser und mal schlechter - war aber immer unterhaltsam und zum Teil auch richtig ergreifend. Als Anker erwies sich dabei der höchst kompetente Tom Gillam, der nicht nur als Sänger, sondern auch als Instrumentalist brillierte und manchen Akzent setzte (z.B. mit "Revolution" von den Beatles), weitere Highlights waren Joseph Parsons "Can't Find My Way Back Home", Hank Shizzoes JJ Cale-Cover "Make Love To You Anytime" oder das doch mächtig swingende und eher überraschende "Willy And The Hand Jive". Auch beeindruckend war, wie die vollkommen desorientierten Rhythmusgruppen der Bottle Rockets und BOH beliebig gegeneinander ausgetauscht wurden und nach dem Motto "was spielen wir denn gerade?" unauffällig zu Höchstleistungen aufliefen. Zum Ende der Show wurde die Setlist gekippt und die Band Of Heathens nochmals auf die Bühne gehievt. Zwar klappte der Showdown mit "I Shall Be Released" dann nur teilweise (weil die anderen Musiker nicht rechtzeitig zurückkamen), dafür waren für Edgars "Hörerwunsch", "Spirit In The Sky", wieder alle versammelt. Fazit: Trotz kleiner Schönheitsfehler im Service-Appartment und der vollkommenen Abwesenheit von Frauen auf der Bühne bot die diesjährige Blue Rose X-Mas-Party wieder solide acht Stunden Unterhaltung und bestätigte damit Edgar Heckman auch hoffentlich weiterhin darin, an das Gute im Musikbusiness glauben zu dürfen.

Video: Julian Dawswon, Hannover, 13.12.2008:

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Surfempfehlung:
www.bluerose-records.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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