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Orange Blossom V Festival

Beverungen, Glitterhouse
02.06.2001/ 03.06.2001

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Orange Blossom V Festival
Der Winter im Weserbergland ist nichts für Warmduscher, auch nicht, wenn er im Sommer stattfindet: Temperaturen um den Gefrierpunkt, waagrecht fliegender Eisregen, Polarwinde und knöcheltiefer Matsch, der manch einem Rußland-Veteranen Erinnerungstränen in die Augen getrieben hätte, machten die Angelegenheit zu einem handfesten Survivaltraining für Rockfans. Dabei fing alles so harmlos an. Zum trügerischen Abendrot spielte am Freitag das Jim Wayne Swingtett auf. Locker, unbeschwert und - wie versprochen - leise, schummelten sich die Jungs durch die Musikgeschichte. Der akustische Ansatz tat der sorgsamen Mischung aus charmanten Eigenkompositionen und waghalsigen Coverversionen - darunter ein allem und jedem spottendes "Ghost Riders in The Sky" - keinen Abbruch. Die Band, die nach wie vor auch nüchtern besoffen klingt (und das ist als aufrichtiges Kompliment gedacht), spielte zudem das längste Set ihrer Geschichte. "Schaut euch die Sonne an", meinte Reinhardt zur Verabschiedung dann noch, "die werdet ihr so schnell nicht wiedersehen." Hm.
Am Abend im Fernsehen kam live Rock Am Ring: Beim Auftritt von Radiohead habe der Himmel angefangen zu weinen, hieß es da noch halb scherzhaft. Daraus wurde schnell ernst. Von Mitternacht an bis 1 Minute vor Konzertbeginn am nächsten Tag regnete es auch in Beverungen unstet, aber herzhaft. Als dann Glitterhouse's sympathischster Superstar, Neal Casal, das offizielle Festival eröffnete, schien wieder der alte Orange Blossom Trick mit dem guten Wetter zu funktionieren. Neal legte ein akustisches Set hin, wie es schöner hätte keine Einstimmung sein können. Man fühlte sich in seinen Songs jedenfalls gleich zu Hause. "Mann, das wird jedes Jahr besser", meinte der Veteran dann auch ob des zustimmenden Beifalls. Danach ging's weiter mit einer Überraschung: C-Clay sind eine Band um einen ehemaligen GH-Praktikanten und spielen Southern Rock. Reinhardt war voll des Lobes und verglich die ernsthaft zu Werke gehende Combo auch gleich mit den Black Crowes. Nun ja: Ganz so überwältigend war es dann nun doch nicht. Zudem kam hinzu, daß die Jungs einen Song hatten, der davon handelte, daß man bei Sonnenschirm keinen Schirm brauche oder so. Und wie auf dieses Stichwort hin fing es dann auch wieder an zu tröpfeln. Wichtig festzuhalten: Hier sind junge Leute am Werk, die die Fackel des Southern Rock beherzt weitertragen. Als die allseits und unerklärlich vielgelobten von Rembert scherzhaft als "Kings Of Thunder" angekündigten Savoy Grand dann ihr Dauer-Schlaflied anstimmten, hatte sich eine solide Gemischtwetterlage eingepegelt, die allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht lebensbedrohlich erschien. Savoy Grand erwiesen sich als würdige Nachfolger von Dakota Suite, was musikalisches auf-der-Stelle-treten betraf. Es muß einfach mal gesagt werden: Sowas gibt's auch besser! (Dafür gibt es viele Gründe, die man im Review der CD nachlesen kann). Was man für den nächsten Act nicht unbedingt sagen konnte. Steve Wynn & The Miracle 3 spielten auf, als stünden sie gerade am Anfang und nicht am Ende einer 9-wöchigen Tour. (Der neue Gitarrist, Jason Victor meinte nachher sogar noch: "Das war ein Klacks, ich könnte gleich noch mal ein paar Wochen dranhängen.") So befreit und spielfreudig hatte man die Band bisher nur ansatzweise gesehen. Steve ließ sich durch nichts bremsen und entschied, das Set ohne Pause durchzupielen. Improvisierfreudig ausgelebt wurden so "Smash Myself To Bits" und "Halloween" auch gleich zu Publikumslieblingen. Danach hatte Reinhardt Mühe, dem aufgebrachten Publikum die Zugabe vorzuenthalten, was er aber souverän meisterte.

Die alten Freunde von Go To Blazes legten danach schließlich einen Set hin, als haben sie erst gestern und nicht vor vier Jahren zuletzt miteinander gespielt. Ihr "Stones-auf-Speed" Ansatz war genau das richtige Mittel, um dem Festival einen weiteren Tritt in den Allerwertesten zu versetzen und das Energielevel aufrechtzuerhalten. Leider konnte ihr spontan aus dem Ärmel geschütteltes "Who'll Stop The Rain" den Wettergott nicht besänftigen. Von jetzt an goß es stetig und unaufhörlich wie aus Kannen. "With fans like this it's as good as it gets", meinte anschließend Tonya Harding von Hazeldine. Und in der Tat: Das Publikum harrte aus. (Aber mal ehrlich gesagt: Was wären denn auch die Alternativen gewesen? Abreisen oder auf die verschlammte Zeltwiese ausweichen etwa?). Hazeldine in der jetzigen Konstellation sind auch kaum zu schlagen. Mit Neal Casal haben die Damen erstmals einen wirklich guten Gitarristen an Bord (die Tragödie mit Jeffrey mag ja menschlich schlimm gewesen sein, sein Weggang ist für die Band musikalisch allerdings kein Verlust). Der Drummer - von Neals letzter Touringband - verlieh der Sache auch eine gewisse leichtfüßige Note. Trotz Sturm und Unbill verging das Hazeldine Konzert jedenfalls wie im Fluge. Der letzte Act hatte es dann auch ganz eilig auf die Bühne zu kommen, denn die Temperaturen sanken und sanken. ("Das halte ich nicht aus", meinte Steve Wynn, der versuchte, sich das Konzert von innerhalb der Küche der GH-Villa anzuschauen.) Was gab es denn da zu staunen? Ein geheimgehaltenes Überraschungsprojekt namens "Wake Me When I'm Under". Es waren dies niemand anderes als die Willard Grant Conspiracy (noch vom letzten Jahr in guter Erinnerung) und Chris & Carla, die die Pause zwischen der soeben erfolgten Fertigstellung des neuen Walkabouts-Albums und seiner Veröffentlichung im Oktober für eine kleine Tour mit Abstecher nach Beverungen nutzten. Abwechselnd wurden WGC- und C&C-Balladen vorgetragen (ohne Schlagzeug, denn es mußte ja Stille sein, damit nicht obendrein noch ein böswilliger Nachbar wieder auf Ruheunterlassung klagen mochte). Das war auch alles wunderschön und stimmig, aber rein körperlich kaum zu ertragen. Zum "Work Song" mußten dann Steve Wynn und seine Band doch noch mal raus zum Mitsingen, aber wie auch im Vorjahr war es das Publikum, welches den Chorus zu einer wahrhaft grandiosen Angelegenheit werden ließ. Witzige Fußnote: Bei WGC's "Ballad Of John Parker" saß der namengebende John Parker (z.Z. als Fahrer in Diensten bei Steve Wynn) schmunzelnd auf der Treppe zur Bühne. "Vielen Dank, daß ihr den härtesten Tag der OBS-Geschichte durchgehalten habt", verabschiedete Reinhardt das wackere Publikum in die ungewisse Nacht. Da konnte er ja auch noch nicht wissen, was der nächste Tag bringen würde...

Wieder fing diese Tag trügerisch an. Zunächst - so bis Mittag - hielt sich der dräuende Himmel zurück. Als dann Tom Heyman von Go To Blazes und Geiger David Curry von der Willard Grant Conspiracy (der ansonsten die ganze Zeit lesend auf einem Limokasten auf dem Glitterhouse Balkon verbracht hatte) ein wahrlich anrührendes Akustik-Set hinlegten, bei dem Tom Tracks seines Solo Albums "Boarding House Rules" vortrug, ging das Gepiesel aber wieder los. "Vielen Dank, daß ihr alle hier seid", meinte Tom, "ich bin ehrlich gerührt." Das war irgendwie auch Reto Burell, der von Edgar Heckman als neue schweizer Hoffnung auf seinem an Schweizern im Vergleich nicht armen Blue Rose Label angepriesen wurde. Zu recht. Was Reto mit seiner jungen Band da an Power-Pop-Juwelen aus dem Ärmel schüttelte, war schon beeindruckend. Hinzu kam, daß Reto auch ungemein souverän rüberkam, wobei ihm seine linkische schweizer Art manche Sympathiepunkt einspielte. Wäre bloß der verdammte Regen nicht gewesen, der beim mittäglichen Höhepunkt des Tages von Reinhardt selbst herbeibeschworen wurde. Zum Auftritt der hauseigenen Glitterhouse Band Green Way 25 meinte der Mann im Königsmantel nämlich: "Ich bin aus der Band rausgemobbt worden. Hoffentlich fängt's jetzt ordentlich an zu regnen. Ihr bekommt nämlich jetzt 12 Minuten Raw Power". Was sich dann verzögerte, weil zwischen Intro-Musik ("Let Me Entertain You"), Nebelwand (so was hatte wahrlich noch niemand der Anwesenden je gesehen) und Stimmpause dann auch wieder so ca. 10 Minuten verstrichen. Dann gings aber los: In gewohnt unsouveräner Manier hauten die Jungs ein paar Punk-Kanonen unters Volk - darunter "Song 2" von Blur. "Nicht schön, aber laut", meinte nachher eine unerkannt bleiben wollende Zuhörerin. Nein, das war schon Klasse-Kulturgut, förderungswürdig und vom Aussterben bedroht. Wann kommt endlich die CD zur Band? Anschließend standen "endlich mal richtige Männer auf der Bühne" wie Rembert gar nicht mal so scherzhaft meinte. Big In Iowa - die ihres Namens alle Ehre machten, langten mit ihrem grundehrlichen, soliden, etwas hausbackenen, aber mächtig zur Sache gehenden Rock'n'Roll ganz schön hin. "Wir würden ja bei euch draußen spielen", meinte Bob Burns, der stadtteilgroße Sänger der Band zum triefenden Publikum, "aber dann würden wir ja vermutlich einen Stromschlag erleiden." Bob und seine Jungs hatten jedenfalls mächtig Spaß und spielten sich durch ihre eigenen Veröffentlichungen, die sie immer wieder mit lustigen Cover Versionen würzten. Bei "Folsom Prison Blues" - dem Song zum im Garten aufgebauten Johnny Cash Altar - wurde es dann ganz schlimm mit dem Sturm. Rembert und Lutz warfen eine Wagenladung Plastikplanen unters Volk, um dieses vor dem Ertrinken zu retten. Das hatte - von oben betrachtet - eine witzig wogende "Sea Of Love" im Stile des Meeres in der Augsburger Puppenkiste zur Folge. Da BII nicht wissen konnten, was für später noch geplant war, beschlossen sie ihr Set mit drei Neil Young Zugaben - was das Publikum schier ausrasten ließ.

Nach Big In Iowa waren die Great Crusades aus Chicago an der Reihe. Die - so laut Rembert - einzige amerikanische Band, die sich wirklich mit Fußball (also nicht Football!) auskennt. Wie immer wohl gekleidet in ordentliche Anzüge mit Krawatte - und bei diesen Temperaturen wirklich nicht overdressed - legte das Quartett eine solide Rockshow mit der graduellen Tendenz zu punkigen Einlagen hin. Das riß Chris Eckman zur begeisterten Aussage hin "These guys rock!" Besonders erwähnenswert erscheint die Tatsache, daß der Drummer der Crusades im Stehen und ohne Hi-Hat spielt. Bei einem Stück durften Rembert und Reinhardt auch die "Harmoniegesänge" beisteuern. Was dann folgte, war für viele, trotz des anzüglichen Namens eine Überraschung: Go To Blazes und Chris & Carla spielten als "Lazy Horse" ein komplettes Set aus Neil Young Stücken. Eine Idee, die so offensichtlich war, daß es vier Anläufe bedurfte, bevor Chris Eckman dann irgendwann mal drauf kam, es doch einfach umzusetzen. "Wir haben tüchtig geübt", meinte Carla zu Beginn des Sets - doch alles klang, als haben die Beteiligten die Songs selbst geschrieben. "Es ist nicht wirklich schwer gewesen", relativierte Ed Warren von GTB, der auch die meisten Songs sang, "wir kennen und lieben schließlich alle diese Stücke." Alle Beteiligten hatten jedenfalls mächtig Spaß und zeitweise befanden sich bis zu fünf Gitarristen auf der Bühne. Sowas hat Neil selbst wahrscheinlich noch nicht erlebt. "Man, I love this song", meinte Bob Burns mit Tränen in den Augen, als "Cowgirl In The Sand" angespielt wurde - und sprach damit wohl jedem Anwesenden aus der Seele. Neben den offensichtlichen Klassikern, gab es auch Sachen wie "Albuquerque", das obligatorische "On The Beach" - das Chris & Carla ja auch im Programm haben oder zum Schluß das - von allen noch anwesenden Special Guests und dem Publikum stimmkräftig unterstützte "Fuckin' Up". Das Kernstück des Sets war aber wohl eine 10-minütige Version von "Cortez The Killer", mit Neal Casal als "Gaststar". Auch wenn es sich banal anhört: Sowas sollte es öfter geben - nicht nur, um all die unentwegt vor sich hinspielenden Cover-Bands auf der Welt moralisch aufzuwerten. Die anschließend zum Abschluß aufspielenden Friends Of Dean Martinez hatten dann mit einem sich stetig ausdünnenden Publikum zu kämpfen, was ja auch verständlich ist: Wenn man nach Hause schwimmen muß, dauert es nun mal länger. Zu Beginn des Events fragte man sich, wie die Glitterhäusler das diesjährige Programm denn überhaupt noch toppen wollen. Jetzt ist die Antwort ganz einfach: Man müßte die ganze Chose einfach Ton für Ton noch mal bei schönem Wetter wiederholen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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