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Anna Ternheim
The Tiny

Köln, Luxor
27.04.2009

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Anna Ternheim
Die gemeinsame Geschichte von Anna Ternheim und dem kauzigen Duo The Tiny reicht schon einige Zeit zurück: Erstmalig, so erzählte Anna beim Konzert im Kölner Luxor, sei man vor zehn Jahren zusammen aufgetreten - in einem griechischen Restaurant. Seither hat sich natürlich so einiges geändert. Ein Restaurant, in dem Anna heute noch auftreten könnte, müsste schon sehr, sehr groß sein. Das Luxor in Köln war zum Beispiel ausverkauft und ca. zehn Minuten nach Einlass demzufolge schon bis zum Stehkragen gefüllt. Dennoch dauerte es fast anderthalb Stunden, bis The Tiny (Ellekari Larsson und Leo Svensson) auf die Bühne kletterten, um das Publikum "mit ein paar depressiven Songs" aufzuwärmen, wie Ellekari sagte.
Das mit dem Aufwärmen war dann vielleicht nicht ganz die richtige Formulierung, denn dazu waren die wunderlichen, operettenartig aufgedröselten Indie-Pop-Songs dann doch ein wenig zu speziell. Während sich Ellekari an einem Wurlitzer-Piano zu schaffen machte, bearbeitete Leo kongenial Glockenspiel, Musik-Säge, Cello und Harmonium. Dazu sangen die beiden mit theatralisch verdrehten Stimmen, die sich stellenweise geradezu gegenseitig in den Schwanz zu beißen schienen. Ein Restaurant-Kritiker würde in seinem Metier so etwas vermutlich als "interessant" bezeichnen. Immerhin: The Tiny haben da eine ganz eigene Nische entdeckt und ausgeschlachtet. Und überhaupt: Das mit dem Support-Act war ja eh nur so eine Art Zusatznutzen, denn Ellekari und Leo waren auch ein integraler Bestandteil der folgenden Anna Ternheim Bühnen-Show.
Anna hatte ja bereits bei den Interviews zur neuen Scheibe "Leaving On A Mayday" deutlich gemacht, worum es ihr momentan ginge: Nämlich die Stimme und den Gesang ins Zentrum zu stellen. Ergo gab es an diesem Abend gleich insgesamt fünf Stimmen zu hören (neben The Tiny gab es noch eine Harmoniesängerin und auch der Bassist Patric Thorman wurde gesanglich tätig). Und musikalisch? Sagen wir es mal so: Es hätte Anna vermutlich niemand übel genommen, wenn sie die neuen Songs 1:1 nachgespielt hätte - etwa mit Orchester-Samples oder Ähnlichem; oder wenn sie sie einfach solo vorgetragen hätte. Doch nichts da: Jeder einzelne Song - gleich ob alt oder neu - war bis auf das Grundgerüst entkernt worden und wurde nun - äußerst phantasievoll - wieder neu aufgebaut. Und zwar dezidiert unrockig: Wie auf der Scheibe auch wurden die Arrangements um das jazzige Drumming (hier von Nils Törnqvist) herum konstruiert - das war es aber auch schon mit den Ähnlichkeiten. Ob es nun die singende Säge, Cello, Glockenspiel, Vibraphon, Trompete oder gesummte oder gepfiffene Passagen waren - oder einfach die Tatsache, dass Anna selbst wenig Gitarre spielte und diese auch öfter mal zur Seite legte: Mit diesem Ansatz hat sich die Performerin Anna Ternheim schon wieder ein Mal neu definiert. (Eine neue, hübsche Frisur trug sie obendrein.) Und wenn es weiter vorne hieß, dass das Set unrockig konstruiert war, heißt das nicht, dass es sich um eine Trauerkloß-Veranstaltung handelte. Auch, wenn sich natürlich auch in diesem Umfeld Annas melancholische Ader Bahn brach: Gute Laune und jede Menge Power gab es dennoch. Sei es, dass Anna wie ein Derwisch mit einem Tambourin über die Bühne wirbelte (oder auf die Boxen kletterte) oder aber die Rhythmusgruppe den Begriff "Swing" auf druckvolle Art neu definierte: Da blieb wirklich kaum ein Auge trocken. Und das Rezept ging auf: Wie bei ihren Solo-Konzerten auch, stand die glasklare, vibratolose Gesangsstimme brillierend im Zentrum (verstärkt von einem Hall, den viele Tontechniker wohl als Overkill entrüstet ablehnen würden - hier aber funktionierte es). Zu entdecken gab es dabei unendlich viel - spielerische Aspekte etwa, bei komplexerer Nummern, wie dem Opener "Terrified", neue Perspektiven bei Up-Tempo-Stücken wie "Let It Rain" oder "What Have I Done", oder rhythmische Verschiebungen bei eher dramatischen Nummern wie "Black Sunday Afternoon" (dem traurigsten Stück des Abends, wie Anna meinte). Hier wurde z.B. das von Björn Yttling komponierte Folkmotiv gepfiffen und zum Schluss griff Ellekari Larsson zur Trompete. Bei "I'll Follow You Tonight" gab es eine singende Säge zu hören, wie man sie dermaßen virtuos, punktgenau und melodisch wahrlich nur selten geboten bekommt. "My Secret" schließlich türmte sich gar auf, wie ein U2-Epos - nur ganz ohne Pathos.

Es waren Momente wie diese, die das Konzert schlicht zu einem Erlebnis werden ließen. Jedenfalls verging die Zeit, wie im Fluge. Das musste sich auch Anna gedacht haben, so dass der Zugabenteil besonders üppig ausfiel (inklusive einer unverstärkten Akustik-Nummer, bei der Anna und Ellekari wieder auf die Boxen kletterten - so dass sie auch die Fans im Hintergrund ein Mal sehen (wenngleich nicht hören) konnten) und zum Abschluss Annas Personal Favorite "My Heart Still Beats For You" - mit Cello und gestrichenem Bass. Und letztlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Anna zwischen den Stücken auf charmante Art mit dem Publikum parlierte. "Ich bin habe heute zum ersten Mal den Dom gesehen", scherzte sie, "jetzt weiß ich auch, warum die Leute früher Angst vor dem lieben Gott hatten." Anna Ternheim ist ja gemeinhin sowieso für ihre guten, eindringlichen Konzerte bekannt - mit dieser Show setzte sie indes neue Maßstäbe (technische Probleme mit den In-Ear Monitoren und Gitarren verloren sich da in der Bedeutungslosigkeit) - auch im direkten Vergleich zu manch eindrucksvollem Solo-Konzert oder der Rock-Revue der letzten Tour. Hut ab!

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Surfempfehlung:
www.annaternheim.com
www.myspace.com/annaternheim
www.thetiny.net
www.myspace.com/thetinythetiny
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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