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Blue Rose Christmas Party 2009

Hannover, Blues-Garage
05.12.2009

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 Blue Rose Christmas Party 2009
Dass die diesjährige Blue Rose Christmas Party in der Blues-Garage in Hannover nicht restlos ausverkauft war, erwies sich für alle Anwesenden als Glücksfall. Denn wo sich im Vorjahr die Gäste noch in Sardinen-Manier im Auditorium zusammengepfercht sahen, gab es dieses Mal genügend Raum, auch ein Mal Luft zu holen, zur Toilette zu gehen oder sich gar hinzusetzen. Auch ein professioneller Kamerakran fand Platz - denn selbstredend soll es auch dieses Jahr wieder eine Dokumentation des Ereignisses geben. Viel war im Vorfeld über die Gründe diskutiert worden, was der Grund für die geringere Nachfrage der Fans gewesen sein könnte - und letztlich blieb nur die Vermutung, dass es dieses Mal außer Joseph Parsons und Tom Gillam kein Blue Rose-Urgestein zu bestaunen galt. Die wunderlichsten Vorwürfe in den Foren - auf "Experimente wie Jason & The Scorchers" angesichts des Alters der Fans doch bitte zu verzichten oder sogar "fehlende Rock-Acts" zu bemängeln, wurden schließlich durch die Musikanten selbst ad absurdum geführt: Deutschland-Newcomer Willie Nile turnte mit seiner mitreißenden Show all jene in Grund und Boden, die etwa nach Argumenten gegen die Rente mit 67 suchen mögen und Jason Ringenberg beschämte mit seinen zappeligen Tanzeinlagen trotz schwerer Rückenprobleme alle Derwische jenseits des Ural. Und müßig zu erwähnen: Das rockte alles ganz prächtig.
Doch der Reihe nach: Zuerst durfte das neue Bandprojekt von Joseph Parsons und Tom Gillam - US-Rails - das Live-Debüt absolvieren. Joseph Parsons hat ja bereits Erfahrung mit solchen Ansätzen. Bei diesem gilt die Annahme, dass die Kumulierung mittelprächtig begnadeter Songwriter auch eine Qualitätssteigerung mit sich bringt. Diese Annahme ist allerdings falsch - so lange die betreffenden Protagonisten dann doch wieder ihr jeweils eigenes Ding im Band-Kontext durchziehen - wie hier. Ein solches Ding kann dann nur so erfolgreich sein, wie der beste Mann am Bord - und das war in dem Fall Tom Gillam, der nicht nur als Instrumentalist, sondern auch als Songwriter und Performer die meisten Pluspunkte sammeln konnte. Das Songmaterial war dann allerdings das Problem des ganzen Unternehmens. Während die Musiker als Instrumentalisten und auch als Sänger durchaus brillierten, bewegte sich das zugrunde liegende Material gediegen, aber unaufgeregt durchweg auf gewohnten, um nicht zu sagen vorhersehbaren Terrain. Von ganz wenigen Nummern abgesehen, die (etwa durch Tom Arnolds Beiträge) auch ein Mal ein wenig souligen Charakters waren ("New Gold Rush" etwa), gab es hier solide Americana-Songs ohne große Überraschungen (nun ja: Bis auf die Who-Cover-Version "Squeeze Box" zumindest). Da konnte sogar Edgar Heckmann nichts anderes zu sagen als "das war doch für den Anfang gar nicht schlecht, oder?" - was bei ihm etwa soviel bedeutet, wie "das schmeckt aber interessant".

Dabei muss man ja gar nicht immer das Rad neu erfinden - wie z.B. Jason & The Scorchers bewiesen. Edgar erzählte, dass der die Herren vor 30 Jahren zum ersten Mal live gesehen habe - und nun gar nicht mehr richtig schlafen könne, weil im Februar ein neues Scorchers-Album auf seinem Label erschiene. Was sich zunächst mal eher nach einer musikalischen Vorruhestandsregelung anhörte, entpuppte sich dann doch tatsächlich als solide, lebendige Naturgewalt. Wie gesagt hatte Jason Ringenberg Probleme mit dem Rücken - und hatte sogar den vorangehenden Auftritt in Hamburg absagen müssen. Dennoch tobte er über die Bühne als gäbe es kein Morgen mehr und vor allen Dingen: Als habe es die besagten letzten 30 Jahre nicht gegeben. Das, was Jason und seine Jungs da machten, klang mindestens noch genauso frisch und unverbraucht wie damals, als sie das Genre des sogenannten "Cow-Punk" im Wesentlichen mit aus der Taufe hoben. Das galt im Übrigen gleichermaßen für die alten Nummern ("Next Time Around" hätten selbst 16-jährige Newcomer nicht energischer, lauter und knackiger hinbekommen), neues Material ("Moonshine Guy" klang gerade so, als hätten die Jungs das Genre gerade eben erst für sich entdeckt) oder Cover-Versionen (mit Alex Chiltons "Jesus Christ Was Born" wurde gleichermaßen dem Thema des Abends wie der Country-Roots gedacht). Dass die letzten dreißig Jahre den Herren andererseits aber auch nicht geschadet hatten, zeigte die ausgekochte Routine, mit der die Jungs das Material - bemerkenswert inspiriert - aus dem Ärmel schüttelten. Insbesondere Gitarrero Warner E Hodges zeigte sich hier von einer bemerkenswert vielseitigen Seite. Nicht nur, dass er die komplexesten Licks aller musikalischen Geschmacksklassen mit Verve und Virtuosität raushaute und dabei zwischen Rhythmus und Leadgitarre wechselte, als sei er schizophren: Nein, der Mann trug auch noch Sporen an seinen Stiefeln und hatte einen Gitarrentrick drauf (bei dem er das Instrument am Gurt über den Rücken wirbelte und dann ansatzlos weiterspielte), der selbst Pete Townsend nicht eingefallen wäre.

Einen durchaus inspirierten Moment kreativen Bookings stellte dann die Verpflichtung von Willie Nile aus New York dar. Der zwergengroße Mann ist seit mittlerweile 40 Jahren musikalisch aktiv - und feierte dennoch erst an diesem Abend sein Deutschland-Debüt - was ihn augenscheinlich mächtig freute. Dass der Mann ein Profi durch und durch ist, konnte man schon daran erkennen, dass er bereits beim Soundcheck eine perfekte Show inszenierte. Nile hat sich dem klassischen US-Rock à la Springsteen verschrieben und tritt mit dementsprechend großer Geste und großem Anspruch an - dem er indes mühelos gerecht wird. Nile schreibt im Prinzip klassische Protestsongs - nur eben zu aktuellen Themen. "Cellphones Ringin' In The Pockets Of The Dead" etwa beschäftigte sich mit dem Terror-Anschlag von Madrid, die ältere Nummer "Hard Times In America" widmete er der neuen Regierung in den USA und "Bo Diddley In Washington Square" zeigte ihn von einer persönlicheren Seite - als Fan nämlich. Daneben widmete er einen Song dem verstorbenen Jeff Buckley und schließlich schaffte er es mit der neuen Nummer "One Guitar" nicht nur das Publikum zum Mitsingen zu bewegen - sondern wurde sogar von diesem noch ein Mal in den Song zurückgeholt. Woher der Meister musikalisch eigentlich stammte, wurde dann erst am Ende klar: "Kenn ihr die Ramones?", rief er ins Rund - um dann mit einem Medley (das er dann beim Rockestra-Teil sogar noch fortsetzte) die Herren mit den schwarzen Lederjacken zu ehren. Spätestens bei "Sheena Is A Punk Rocker" grölte dann das ganze Publikum begeistert mit. Mehr noch: Einige besonders rüstige Herren übten sich sogar im klassischen Pogo. So viel zum Thema "Rock" - nicht ein Mal Edgar Heckmann persönlich hätte sich vermutlich vorstellen können, dass eine seiner Veranstaltungen ein Mal vom Geiste des Punk beflügelt werden würde. (Nun ja - zum Schluss gab's noch "Gloria" - aber auch Them waren mal so was wie Punks.)

Erst mit dem Rockestra, das dieses Mal von Tom Gillam als musikalischem Direktor geleitet wurde, gab es dann wieder die gewohnte Kost. So begann man eher besinnlich mit Neil Youngs "Helpless" und der - zu Ehren Edgars - komplett einstudierten "Judy Blue Eyes"-Suite von CSN bevor dann etwa mit "Fortunate Son" und "I Wanna Be Sedated" noch ein Mal das Rock-Feuerwerk entzündet wurde - auch wenn dabei gleich mehrfach die jeweiligen Bassgitarren ausfielen. Alles in Allem übertraf diese X-Mas-Party dann doch deutlich die Erwartungen - jedenfalls für zumindest musikalisch jung gebliebenen und diejenigen, die auch ein Mal bereit sind, über den musikalischen Tellerrand hinauszuschauen.

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Surfempfehlung:
www.bluerose-records.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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