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Das Kleingeld liegt auf der Straße

Dota und Die Stadtpiraten
Schlagsaite

Köln, Kulturkirche
28.04.2010

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Dota und Die Stadtpiraten
Der Begriff "Indie" wird ja immer noch gerne irgendwie verschämt erwähnt - so als sei das etwas Unanständiges. Wie man diesen Begriff aber konsequent und mit Erfolg auslebt, zeigt die "deutsche Ani DiFranco" Dorothe Kehr alias Dota alias die Kleingeldprinzessin seit Jahren beharrlich. Ganz aus eigener Kraft und ohne Industrie-Unterstützung verkauft sie Scheibe um Scheibe an eine ständig größer werdende Schar gleichgesinnter Fans und vertraut dabei ganz auf die Power ihrer Live-Auftritte und die daraus resultierende positive Propaganda. Daran hat sich natürlich auch mit der achten, soeben erschienenen CD, "Bis auf den Grund", grundsätzlich nichts geändert, so dass es nicht Wunder nahm, dass die Kulturkirche recht gut mit einer bunten Schar uniform ununiformierter Fans gefüllt war, als die Show trotz Verspätung der Musikanten pünktlich um 20:00 Uhr mit dem Supportact Schlagsaite aus Köln losging.
Schlagsaite sind mit ihrer Mischung aus Müsli-Folk mit Stehgeiger und Akkordeonist, Swing und slawischer Folklore in Kombination mit poetischen Schlagertexten musikalisch offensichtlich vollkompatibel mit Dota und ihren Jungs. Obwohl sich die Songs von Markus Breuer und seinen Mannen eigentlich gar nicht so gut zum Tanzen eignen - denn sie sind nicht eben simpel, sondern recht vertrackt konstruiert -, hüpften die Fans gleich nach den ersten Takten eurythmisch durcheinander, als sei der Kirchenboden auf ein Mal glühend heiß geworden. "Das nächste Stück ist eigentlich gar nicht zum Tanzen geeignet", kündigte Markus das vertonte Wolfgang Borchert-Gedicht "Laternentraum" an, "ihr könnt aber auch gerne zuhören." Das zeigt auch, wes Geistes Kind Schlagsaite sind: Fernab von der üblichen Spaßgesellschafts-Lyrik arbeiten sich die Jungs - was das inhaltliche betrifft - mit großer Ernsthaftigkeit durch ein Oeuvre altehrwürdiger Wortkunst, präsentieren das aber mit einer gewissen Ton, Steine, Scherben-Mentalität, die natürlich auch das anarchistische Party-Machen mit einschließt. Will sagen: Das passte alles ganz gut und traf auch musikalisch genau den richtigen Ton. Und: Das ist doch auch konzeptionell mal was anderes!
Nach einer sehr kurzen Umbaupause kletterten dann Dota und die Stadtpiraten auf die Bühne, begannen mit Verve vom Morgen zu singen, den es nicht gibt - und dann fehlte da die Gitarre. Während Dota einen Witz erzählte, wurden die fehlenden Verbindungen aber schnell hergestellt, so dass es dann mit dem erschlossenen Land von der neuen Scheibe richtig losgehen konnte. Was dann folgte war ein beeindruckend durchorganisierter Showcase: Praktisch die komplette neue Scheibe wurde gegeben - alles in aufregenden Live-Versionen mit allerlei Einlagen - dazu einige Altlasten und vor allen Dingen neue Songs. Also solche, die seit der Fertigstellung der neuen Scheibe schon wieder nachgewachsen waren. Das sei vielleicht marketingtechnisch nicht so gut, so Dota, man wolle es aber trotzdem mal machen. Und das, obwohl natürlich in einer Kirchenhalle die Texte nicht soooo gut zu verstehen waren (vorne ging es - da war die Stimme aber zu leise und hinten hallte es doch arg - was aber nun mal in der Natur einer Kirche liegt). So weit man sie aber verstehen konnte, lagen die Texte durchaus auf dem gewohnten, philosophisch / poetisch dingfesten, hintergründig-komischen und immer wieder verblüffenden Dota-Niveau. Noch ein Mal: Die Liebe mit schmelzenden Bonbons oder das relevante Gegenüber mit einer Währung zu vergleichen, haben bislang noch nicht sooo viele Texter hinbekommen. Abwechslungsreich war das Ganze auch - nicht nur, aber auch weil Dota einen Taschentrompeter, eine Harmonika (für eine improvisierte Einleitung zum "Ohrsteckermädchen") und einen Synthesizer mitgebracht hatte, vor allem aber, weil die Sache geschickt aufgebaut war. So trug Dota einige Songs - darunter das Titelstück des neuen Albums - solo vor, erlaubte aber auch den Stadtpiraten eine instrumentelle "Solo"-Nummer. Überhaupt brillierten die Stadtpiraten durchaus selber: Gitarrist Jan Rohrbach überzeugte bei seinem effektiven Minimalspiel etwa durch das, was er nicht spielte und setzte sich dadurch effektiv von angelsächsischen Kollegen ab und die Rhytmusgruppe zerlegte alles sich diesbezüglich Anbietende im federnden Reggae-Dub-Modus. Samba - ein Hobby Dotas - fand nur am Rande statt. Dafür wurde es an einigen wenigen Stellen auch mal rockig. Jedoch nie des Selbstzweckes wegen.

Und dazwischen gab es wortreiche, spontane Schnabelwachs-Ansagen. Alles schön menschelnd und ohne Perfektionsanspruch. Wenn der Text etwa hing, dann wurde einfach neu angefangen. Und wenn der Synthesizer nicht machte, was er sollte, dann war das eben so. Langer Rede kurzer Sinn: Dota und die Strandpiraten wurden ihrem Ruf als ausgezeichnete Live-Band in Köln durchaus gerecht. Und die Betonung liegt hier ausdrücklich und mit Betonung auf "live" im Sinne von "lebendig". Das musikalische Kleingeld liegt also auf der Straße. Man muss es nur aufheben.

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Surfempfehlung:
www.myspace.com/dotaunddiestadtpiraten
www.kleingeldprinzessin.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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