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Klingt immer noch dosig

Orange Blossom Special 14 - 1. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Villa
21.05.2010/ 22.05.2010

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Orange Blossom Special 14
Es muss wohl mit der 14 zu tun gehabt haben: Ganz im Stile des Sonnenkönigs, Ludwig des 14., öffnete sich pünktlich zum Festival-Beginn der Himmel und gab - quasi erstmalig in diesem Jahr - für längere Zeit den Blick auf die Sonne frei. Schon unheimlich, wie lange die wettermäßige Glückssträhne bei Deutschlands beliebtestem Gartenfestival nun schon anhält! Sei es drum: Das diesjährige Festival stand unter dem Motto "Das kann man nicht twittern" - eben weil man ein Festival wie dieses nicht twittern kann. Schon alleine, weil das Programm in diesem Jahr besonders eklektisch geraten war. Die Zeiten, in denen das OBS als Amerikana-Veranstaltung für ältere Herren in einem Satz abzuhandeln gewesen wäre, sind wohl endgültig vorbei. (Worüber allerdings höchstens die älteren Herren besorgt wären - und nicht ein Mal die alle.)
Und so begann das Festival dann auch gleich mit einem Nachgeborenen: Jarid del Deo - der besser unter seinem nom de plume Unbunny bekannte gewesene Raumpfleger - ist ein musikalischer Pragmatiker. So lässt er die Gitarre von seinem Labelchef spielen und bedient sich musikalisch im Neil Young-Fundus. Nun ja: Zugegebenermaßen hört sich das live dann doch eigenständiger - und vor allen Dingen sortierter - an, als auf den verschrobenen Scheiben des Meisters. Thematisch passte das jedenfalls als stimmungsvoller Opener in klassischer Songwriter-Manier und der Mann ließ sich - wie alle folgenden Acts außer den größenwahnsinnigen Kashmir - auch darauf ein, sich im Anschluss unter das Publikum zu mischen und Autogramme zu geben. Nicht zuletzt deswegen gehen ja viele gern zum OBS.

Die zweite Band war dann eine typisch Rembertsche Erziehungsmaßnahme. Der Gottvater des Festivals hatte nämlich beschlossen, dieses Jahr vor allen Dingen Zusatzbands zu buchen, die Druck machen können. Warum, das war nicht ganz klar, denn auch einige der "regulären" Acts machten ordentlich Krach. Earthbend aus Berlin haben sich auf kompromisslos harten, unbluesigen Rock (kaum messbar unterhalb der Heavy Metal-Grenze) eingeschossen. "Wir sind keine Ansagen-Band", meinte Chef André Kuntze wortkarg, "von uns werdet ich nicht viel hören, außer Musik." Das wurde dann alles ganz ordentlich gespielt und machte natürlich auch "Druck" - nur war das jene Art von Druck, die eigentlich kaum jemand um diese Zeit hören wollte.

Fast alle, die sich jetzt bereits vor der Bühne drängten, wollten sich nur einen Platz für den Auftritt von Wovenhand sichern. David Eugene Edwards und seine Mannen sind ja erfahrene "Mehrfachbesteiger" der Beverunger Hauptbühne (so nennt Reinhard Holstein die Wiederholungstäter). Bevor es mit dem Auftritt losging, stand erst ein Mal Hausarbeit an: Wovenhand-Bassist Pascal Humbert faltete auf dem Bürotisch seine frisch gewaschenen Unterhosen - während Chris Eckmann die Chance nutzte, die soeben frei gewordene Waschmaschine im Keller mit den seinen zu beschicken. Derweil war ein sichtlich gelöster David Eugene Edwards bereits damit beschäftigt, sein Instrumentarium für den Auftritt klar zu machen. Nachdem Humbert seinen Hausfrauen-Pflichten nachgekommen war, fand er noch Zeit, mit dem - nach eigener Aussage - als "Secret Service-Agenten" verkleideten Hugo Race zu fachsimpeln. Denn Hugo singt gleich mehrere Stücke auf Pascals neuem Lilium-Album, das an diesem Wochenende erschien. Wie auch das neue Wovenhand-Werk "The Threshingfloor". Dieses ist musikalisch eine Hinwendung zu eher relaxten Tönen auf fast folkloristischer Basis. Davon war beim anschließenden Auftritt freilich nichts zu spüren. Der Meister, der auf dem Album vergleichsweise nachdenkliche Töne anstimmt, ließ hier wieder die musikalischen Zornesadern schwillen, den Rhythmusfuß zappeln und predigte, was das Zeug hielt - ganz so, wie in alten Zeiten. Wie sehr David Eugene Edwards in seiner musikalischen Welt Fuß gefasst hat, zeigte die New Order-Coverversion "Truth": Niemand, der nicht mit der Nase darauf gestoßen wurde, hätte diesen Song NICHT für eine Wovenhand-Nummer gehalten. Der Auftritt war jedenfalls ein furioser Ritt in den Sonnenuntergang, den William Fitzsimmons dann für einen entspannten Ausklang des ersten Festivaltages nutzte (die Orgien im Stadtkrug mal außer Acht lassend).

Fitzsimmons ist ein Vertreter der Zunft der Schrate, die ja in Beverungen nicht erst seit Scott Matthew auch gerne gesehen werden. Der humorige Bartträger überraschte mit lockeren Ansagen, die seinem Image als eigenbrötlerischer Sonderling so gar nicht entsprechen wollten. So forderte er das Publikum auf, bei seinem Song "You Still Hurt Me" mitzusingen. Das sei ganz einfach, weil er ein Scheiß-Songwriter sei, erklärte er auf Deutsch. Nur um dann hinzuzufügen, dass er ja eigentlich gar kein Deutsch spreche, die schöne Stimmung beim Festival dieses aber quasi aus ihm hervorquellen ließe. Die sanften, melancholischen Songs des Barden, mit denen er es immerhin in US-Fernsehserien schaffte, waren am Ende dann die geeigneten Wiegenlieder für das Publikum und erinnerten an die Tradition, die Abende nicht mit Krach ausklingen zu lassen, die einst von der Willard Grant Conspiracy begründet wurden. Übrigens: Experimentierte Fitzsimmons auf seinem Debüt noch mit Elektronik, gab es hier ausschließlich Handgemachtes zu hören. Ach ja: Einer der Sponsoren des Festivals ist die Absinth-Marke Tabu. Der Dali-Bart tragende Banjo-Spieler von Fitzsimmons richtete nach dem Motto "Absinth makes the heart grow fonder" tatsächlich als erster auf der Bühne während des Konzertes einen klassischen Absinth an. (Er teilte diesen freilich auch mit dem Publikum.) Das ist also Rock N Roll im 21. Jahrhundert!

Nachdem dann bereits die Abwanderung der Fans begonnen hatte, gab es noch eines dieser kleinen Events, die sich nicht planen lassen: Die Musiker von Tamikrest hatten vor ihrem Bus eine Art Nachtlager aufgeschlagen und spielten dort ein kleines Impromptu-Set mit Bongo, E-Gitarre und Gesang, zu dem sich dann noch die Musiker von Wovenhand und Hugo Race gesellten, wobei David Eugene Edwards das Ganze mit seinem Handy filmte.

Der zweite Festival-Tag begann, wie der erste aufgehört hatte (also mit Sonnenschein - nicht etwa mit der Nacht). Hier hätten eigentlich Petur Ben auftreten sollen, die aber im Vorfeld abgesagt hatten, weswegen Rembert die Champions verpflichtet hatten. Die jungen Herrn aus dem Blackmail-Dunstkreis hatten bereits die Erföffnungsparty am Vorabend des Festivals im Stadtkrug beschallt und lieferten auch hier ordentlich ab und machten (auf eine wesentlich poppigere Weise als Earthbend am Vortag) natürlich "Druck". Da aber im Folgenden noch so manche Band Druck machte, hätte man sich hier vielleicht eine etwas sanftmütigere Einstimmung gewünscht. Denn unter dem Strich kam dieses Mal die akustische Fraktion eh viel zu kurz. Aber nichts gegen die Champions: Die machten ihrem Namen alle Ehren - auch, was das Posing und das Aussehen betraf.

Auch wenn die dann folgende Band The Innits als sperriges kleines Indie-Urgetüm eigentlich neu war, verbarg sich dahinter dann doch Glitterhouse-Urgestein: Mit dem "Staubsaugervertreter" Krite und dem legendären Schneider als Gaststar stand hier der Kern eines der ersten Glitterhouse-Acts überhaupt - Locust Fudge - auf der Bühne. So bestanden die Gespräche dann auch großteils aus Insider-Witzen, wehmütiger Vergangenheitsbewältigung und dem möglichen Versprechen einer etwaigen Locust Fudge Re-Union so ca. 2012. Wie ernst das werden wird, werden wir sehen, auf jeden Fall funktionierten die alten Nummern immer noch ganz gut, so dass der eigentliche Chef der Band, der singende Drummer Mek Obaam, mit seiner Musik da fast ins Hintertreffen kam.

Die nächste Band, Garda, war dann eine von denen, deren Entdeckung wegen man früher, als noch nicht Druck machen die Maxime war, alleine zum OBS gefahren war. Das Quintett aus Dresden um Frontmann Kai Lehmann verbesserte mit Keyboarderin Neli Mothes nicht nur die Frauenquote (dazu später mehr), sondern überzeugte auch durch entspannten, melancholischen Indie-Folkpop, den man in dieser Qualität ansonsten eher aus dem amerikanischen Westen gewohnt ist. Nicht umsonst wird die Band übrigens mit Sophia verglichen: Sie nannten ihr Album sogar "Die Technique Die" und erinnerten damit daran, dass die Technologie uns nicht retten wird.

Nach diesem eher entspannten, detailreichen - und natürlich vollkommen organischen - Klangerlebnis, war wieder Druck machen angesagt. Die Death Letters sind zwei niederländische Halbirre, die die zwanzig noch nicht erreicht haben und scheinbar auch keinen wert darauf legen, dies zu tun: Trotz ihres jugendlichen Alters klingen sie, als hätten sie dem Blues gerade eben erst den Punk gelehrt. Ohne Rücksicht auf Verluste tobt Gitarrist Jordi Ariza Lora über die Bühne und Drummer Victor Brandt tut das nur deswegen nicht, weil sein Instrument nun mal eben stationär ist. Es gibt ja nun mittlerweile so einige Drums / Gitarren-Duos - freilich keines, das so viel unsinnige Energiereserven besitzt. Auch wenn da die Begriffe "Variation" oder "Subtilität" nicht unbedingt zum Vokabular der Jungs gehören - so oder ähnlich muss es gewesen sein, als die Rockmusik erfunden wurde. Da waren sich jung und alt im Publikum durchaus einig. Übrigens ist das keine leere Floskel: In dem Maße, wie die Kids der Urbesucher älter werden, wird das Publikum beim OBS jünger. Und viele von den jüngeren Besuchern kamen sogar erkennbar freiwillig und nicht zum ersten Mal. Es geht also doch mit dem Generationenvertrag, wenn man nur ordentliche Musik anbietet...

Video: Unbunny - "Young Men Are Easy Prey" - OBS 14:

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Video: Wovenhand - "Sinking Hands" - OBS 14:

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Video: William Fitzsimmons - "You Still Hurt Me" - OBS 14:

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Video: Garda - "FWD" - OBS 14:

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Surfempfehlung:
www.orange-blossom-special.de
www.glitterhouse.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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