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Konzert-Bericht
 
Geborgte Spargelzeit

Mary Gauthier
Matt The Electrician

Ottersum, Cultureel Podium Roepaen
04.06.2010

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Mary Gauthier
Nur eine kurze Europa-Tour gönnte sich die Alt-Country-Folk-Ikone Mary Gauthier - mit den Stationen London, Stockholm, Amsterdam, Groningen und Ottersum. Das zeigt zum einen den Stellenwert, den Americana-Künstler dem diesbezüglichen Markt in Europa einräumen und zum anderen jenen, der der unscheinbaren Klosterkirche in Ottersum wiederum innerhalb der Niederlande zukommt. Die Show eröffnete ein gewisser Matt The Electrician aus Austin, der sich von seinem Kumpel Jud "Scrappy" Newcomb begleiten ließ.
Dass der besagte Kumpel als Mitglied der Resentments und allgegenwärtiger Spieler der Austiner Szene in unseren Breiten natürlich viel bekannter ist als der besagte Matt, der sich (bis auf einen besungenen Japan Aufenthalt) erstmals außerhalb der Grenzen der USA bewegte, spielte dabei eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Matt ist einer dieser typischen Songwriter-Schrate, der den Umstand, dass sich viele Musiker dieser Art nur mit handwerklichen Jobs über Wasser halten können, auch gleich im Namen führt. Matt macht eigentlich genau das richtige: Er vertont seine Erlebnisse als wandernder Troubadour in Form höchst lustiger Songs. Musikalisch ist das alles durchaus überschaubar und kommt bekannt daher wie ein ausgetretener Mokassin. Es gelingt Matt freilich, das Publikum auf angeregte und anregende Art zu unterhalten. Und sei es auch nur, indem er ein gut gehütetes Geheimnis von texanischen Musikern lüftete; die nämlich alle eine Pullover-Sammlung zu Hause haben, die sie freilich nie anziehen können, weil es dorten ja immer so warm ist. Matt hatte seine Sammlung nun ins kalte Europa mitgebracht, scheiterte aber quasi am ersten wirklichen Sommertag des Jahres, auf den das Konzert nun mal eben fiel. Das Prinzip, den Pullover zur Schau zu tragen, wurde da schnell zum Bumerang. Der Vollständigkeit halber: "Scrappy" spielte eine bluesige Dobro und brachte auch ein paar Strophen zu Gehör.
Für den Auftritt von Mary wurde die Kapelle dann mit Kerzen eingedeckt (was Sinn machte, da das Konzert ja am Abend stattfand). Mary spielte mit ihrer Geigerin Tania Elizabeth und erwies sich - wieder ein Mal - als Grande Dame des Storytelling. Wie kaum sonst jemand versteht es Mary Gauthier, Geschichten und Musik miteinander zu verquicken. Bestes Beispiel dafür war der Song um den "King Of The Hobos", den sie Eingangs präsentierte, in dem es ihr gelang, gleichermaßen die Geschichte des Königs der Hobos wie auch jene der Entstehung des Songs und ihre Kommentare dazu halb in erzählter und halb in gesungener Form darzubieten. Dass so etwas Zeit braucht und dann schon mal zehn Minuten dauern kann, das nahm ihr natürlich keiner übel, denn die bis auf den letzten Platz belegte Kapelle war natürlich mit beinharten Fans besetzt, die teilweise von weit her angereist waren. Nachdem sie dann noch einige Songs aus ihrem Repertoire gespielt hatte - darunter natürlich "I Drink" -, kam sie zum eigentlichen Thema des Abends. Es ging um die neue Scheibe, "The Foundling". "Der Findling ist ein Kind, das nach der Geburt von seiner Mutter verlassen wird und in einem Waisenhaus aufwächst", erzählte Mary, "und dieses Kind sieht mir verdammt ähnlich." Was das meinte war natürlich, dass es sich hierbei erneut um die Aufarbeitung von Marys bewegten Leben handelte - nur dieses Mal in Form eines Konzept-Albums und als durchgehende Geschichte.

Mary spielte im Folgenden das ganze Album - von einigen instrumentalen Interluden ein Mal abgesehen. Im direkten Vergleich mit Rufus Wainwright, der gerade auf seiner Tour das Gleiche gemacht hatte - das neue Album komplett solo live zu spielen nämlich, fiel hier der doch ganz andere Ansatz ins Gewicht. Man merkte zu jeder Phase des Konzertes, in der Mary das Publikum quasi als Kommentatoren behutsam durch die verschiedenen Stadien ihres Lebens begleitete, die sie zum Teil in brutal direkte, wie auch poetisch verbrämte Songs gekleidet hatte, wie nah ihr die Sache ging und wie sehr sie sich da einbrachte - auch wenn sie dies abgeklärt und mit humorvollen Sprüchen tat. "Wir gehen jetzt zum Rande des Abgrundes", erklärte Mary eingangs, "aber ich verspreche, dass wir nur hineinschauen und nicht hineinspringen werden." Mary ist heutzutage mit sich im Reinen, hat den Umstand akzeptiert, dass ihre Mutter sie verstoßen hatte und auch heute zurückweist und die neue Scheibe war als Katharsis für diesen Prozess offensichtlich zwingend erforderlich. Persönlicher geht es also nimmer.

Musikalisch war die Sache natürlich gegenüber der üppig und unter Mithilfe der Cowboy Junkies produzierten CD auf das Notwendigste reduziert. Da es bei Mary aber sowieso mehr um die Inhalte und nicht so sehr die Form geht, fühlte es sich nicht an, als fehle da etwas. Ganz im Gegenteil: Tania Elizabeths unkonventionelle Geigerei - jenseits von typischen Folk-Klischees und in etwa auf den Spuren eine Paul Curry von der Willard Grant Conspiracy - fügte der Sache, zusammen mit ihrer zweiten Stimme, eine eigene Note hinzu. "Drei Lehren ziehe ich aus dieser Geschichte", erklärte Mary, "erstens, dass jeder eine Geschichte hat - und dass das gut so ist. Zweitens, dass das Leben schön ist und man jeden Tag genießen sollte, an dem man im schönen Sonnenwetter Spargel essen kann und drittens, dass man ständig daran denken sollte, dass wir von geborgter Zeit leben und es keine Garantie für ein Morgen gibt." Ehrlich gesagt, bekommt man Konzerte, bei denen die Philosophie so verzehrfertig verpackt serviert wird, ja auch nicht so oft zu sehen. Darin zeigt sich Marys Meisterschaft in Sachen Storytelling. Denn oft genug fragt man sich ja, was einem der Künstler eigentlich sagen möchte. Nicht so hier. Eine Zugabe gab es danach natürlich auch noch: Ein unplugged vorgetragenes "Mercy Now", bei dem die Kapelle als natürlicher Klangkörper genutzt wurde. Sehr viel zu meckern gab es bei diesem Anlass also nicht - außer vielleicht, dass Mary es ja bitteschön auch mal nach Deutschland hätte schaffen können...

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Surfempfehlung:
www.marygauthier.com
de.wikipedia.org/wiki/Mary_Gauthier
www.myspace.com/marygauthier
www.matttheelectrician.com
www.myspace.com/matttheelectrician
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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