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Konzert-Bericht
 
"Der Mensch lebt nicht von Afri-Cola allein"

Grant Hart

Münster, Gleis 22
01.12.2010

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Grant Hart
"Hüsker Dü-Postpunk-Legende und Melodiengroßmeister Grant Hart endlich im Gleis 22. Konzert des Jahres?!" So kündigten die Macher von Münsters Club Nummer 1 den Auftritt des kleinen Amerikaners mit der großen Stimme an. Das Fragezeichen schien dabei durchaus berechtigt, schließlich war Hart genau 15 Jahre lang nicht mehr zu Gast in Deutschland, zudem hat er die inzwischen rund 23 Jahre seit der Trennung seiner ersten Band vor allem damit verbracht, sein Talent zu verschleudern und sein Leben gegen die Wand zu fahren. Alt, kaputt und ausgebrannt wirkt der inzwischen 49-Jährige aus St. Paul, Minnesota, als er sich vor dem Konzert unter die Leute mischt und schon vor seinem Auftritt bereitwillig Autogramme schreibt oder einfach nur die Hände von Menschen schüttelt, deren Leben er mit seiner Musik verändert hat. Doch als er dann auf der Bühne steht, ist er plötzlich wieder ganz der Alte. Nun gut, ein bisschen rauer ist seine Stimme hier und da schon, aber das muss nicht unbedingt am jahrelangen Drogenkonsum liegen, das kann auch einfach dem kalten Winterwetter geschuldet sein.
Es wird ein ziemlich nostalgischer Abend, doch Hart will es so. Zwar spielt er eine Handvoll Songs aus seinem 2009er-Comebackwerk "Hot Wax", die live und solo allesamt mehr überzeugen als in den etwas schlampigen Lo-Fi-Produktionen des Albums, doch das Gros der rund 30 Songs, die das Programm in Münster ausmachen, stammt von Hüsker Dü, der Band, ohne die die Geschichte des Alternative Rock vollkommen anders ausgesehen hätte: "Girl Who Lives On Heaven Hill", "Flexible Flyer", "Don't Want To Know If You Are Lonely", "Back From Somewhere", "She Floated Away" und, und, und. "Immer, wenn ich merke, dass die Leute angepisst sind, weil ich neue Stücke spiele, hänge ich schnell was von Hüsker Dü dran", erklärt Hart seinem Publikum, doch zumindest an diesem Abend liegt er damit nicht wirklich richtig. Das beweisen die vielen Songwünsche, die immer wieder von Treuergebenen dazwischengerufen werden und sich längst nicht alle auf Stücke der Hüskers beziehen. "Diane" mag Hart zwar nicht spielen, weil er inzwischen mit dem (realen) brutalen Mord an Diane Edwards nicht mehr in Verbindung gebracht werden möchte, doch ansonsten erfüllt er praktisch sämtliche Wünsche nicht nur, er lobt sein Publikum sogar ausdrücklich für die hervorragenden Ideen: "Vielleicht sollte ich sie aufschreiben", meint er lachend, als er eine Handvoll Vorschläge gesammelt hat. "Wenn ich vergessen sollte, all die Songs zu spielen, scheut euch nicht, mich daran zu erinnern!" So gibt es den vielleicht besten Popsong seiner 90er-Jahre-Band Nova Mob, "Over My Head", die auf der aktuellen "Oeuvrevue"-Compilation zu neuen Ehren gekommene Single "Evergreen Memorial Drive" und seine Sologroßtat "Now That You Know Me" zu hören, und auch sein schönstes Liebeslied "Green Eyes" und "Pink Turns To Blue" spielt er auf Zuruf aus dem Publikum. "Was habt ihr bloß mit all den Farbsongs?", fragt er zuvor grinsend und kann sich später am Abend nicht verkneifen, auch noch "Wernher von Braun" zu spielen! Hart redet auf der Bühne zwar nicht unbedingt viel, aber wenn er etwas sagt, sitzt ihm dabei zumeist der Schalk im Nacken. Als er beispielsweise feststellt, dass er zur Erfrischung lediglich eine Cola auf der Bühne hat, bittet er um ein Glas Leitungswasser, "denn der Mensch lebt ja nicht von Afri-Cola allein"...
Harts offensichtliche gute Laune äußert sich aber nicht nur in augenzwinkernden Ansagen. Während er bei den meisten Konzerten zuvor ein kurzes, kompaktes Set gespielt hatte, will er in Münster scheinbar gar nicht mehr aufhören. Bei der Zugabe covert er Arthur Lees Junkie-Epos "Signed D.C.", jagt durch eine rasante Version von "Shoot Your Way To Freedom" und spielt sogar tatsächlich noch das Hüsker-Frühwerk "It's Not Funny Anymore". Dafür braucht er Anläufe, weil der erste Versuch nicht schnell genug war! Als er irgendwann doch die Gitarre weglegt, um seinen "Scheiß" zu verkaufen ("Es ist nur Scheiß, aber es ist mein Scheiß!", lässt er uns noch wissen), bleibt nur ein Fazit für diesen Abend: Konzert des Jahres - mit Ausrufe-, aber ohne Fragezeichen!

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Surfempfehlung:
www.granthart.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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