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Konzert-Bericht
 
Die Geister der Verstorbenen

Mick Harvey
Gemma Ray

Köln, Stadtgarten
16.06.2011

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Mick Harvey
Eigentlich hätte diese Show so eine Art Trauerfeier sein müssen - denn das letzte Album von Mick Harvey, dem längjährigen Wegesgefährten von Nick Cave, "Sketches From The Book Of The Dead", beschäftigt sich mit Tod und Vergänglichkeit. Als Mick bewusst wurde, dass immer mehr Leute aus seinem Umfeld verstarben - zuletzt Roland S. Howard, sein alter Kumpel aus Ur-Birthday-Party und Crime & The City Solution-Zeiten -, beschloss er, eine Scheibe zu diesem Thema zu machen - und diese stellte er nun auf der ersten Solo-Tour nach der Trennung von den Bad Seeds auch live vor.
Nun ist aber Harvey - trotz 36 Jahren Nick Cave - keineswegs ein selbstgefälliger Trauerkloß, und so überraschte die besagte CD durch einen leichtfüßigen, optimistischen Charakter - zumindest musikalisch, denn inhaltlich beschäftigt sich Harvey ja, wie gesagt, intelligent und vielseitig aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema "Vergänglichkeit". Langer Rede kurzer Sinn - auch dieses Konzert war dann keine Trauerkloß-Angelegenheit sondern zeigte einen bemerkenswert vielseitigen, altersweisen Songwriter auf der Höhe seiner Kunst, der sein Material trotz Miminalbesetzung (Effektgerät, Bassistin Rosie Westbrook und nur gelegentlich Bad Seeds-Drummer Thomas Wydler) ziemlich variantenreich präsentierte.

Zuvor überraschte noch Gemma Ray aus England mit einem kurzfristig angesetzten Support-Slot. Noch im Frühjahr des letzten Jahres war sich Gemma sicher, bereits wenige Monate später ihr nächstes Album fertiggestellt zu haben, nachdem das letzte Werk, "It's A Shame About Gemma Ray", ja nur Cover-Versionen enthielt. Nun war da aber die Sache mit dem Messer: Zu Gemmas Instrumentarium gehört auch ein Küchenmesser, von dem Gemma sagt, dass es nicht nur besser aussähe als einfach ein Stück Metall, sondern auch besser klinge. Mit diesem Messer gab es dann aber im Folgenden einen entsprechenden Unfall und jetzt, ein Jahr später, musste Gemma einräumen, dass das neue Album noch nicht fertig sei. Immerhin gab es aber zwei Kostproben daraus, die Songs "Trou De Loup" und "Flood And A Fire". Und diese gerieten auch gleich zu den Höhepunkten des Sets - vielleicht auch, weil Thomas Wydler hier einen kurzen Gast-Auftritt hinlegte und Gemma sich mehr auf das Singen konzentrieren konnte, als auf das Bedienen ihrer zahllosen Effekt-Geräte. Nun ist das zwar so, dass Gemma das ganze Sammelsurium durchaus im Griff hat und durchaus auch beeindruckende Szenarien damit hinzaubert (etwa das grandiose, gesampelte Chor-Finale des Gun Club-Gassenhauers "Ghost On The Highway") - aber ein wenig nimmt das doch von der Spielfreude. Gemma schaut nämlich immer ein bisschen verbissen, wie eine strenge Lehrerin ins Publikum. Und dann noch etwas: Am Besten war Gemma - zumindest bei dieser Show - immer dann, wenn sie sich weitestgehend von der Retro-Schiene ("Just Because") entfernte und eigene Ideen entwickelte. Immerhin: Das faszinierende an Gemmas Vorgehensweise ist, dass wirklich jede Show ein wenig anders ist, als die anderen.

Mick Harvey hatte anschließend zunächst ein technisches Problem: Die Effekte seines Verstärkers (immerhin Vibrato und Delay) wollten nicht funktionieren. Was auch kein Wunder war, denn er hatte diesen falsch verkabelt - was ihm aber erst zur Mitte des Sets hin auffiel. So aber kam das Publikum in den Genuss einer ziemlich einzigartigen - weil effektbereinigten - Performance, wie Bassistin Rosie erklärte. Mick trug die Tracks des Songbooks zumeist als reduzierte Balladen vor. Laut wurde es nur ganz selten - etwa wenn Thomas Wydler mitmachte, wie etwa bei dem grandiosen Rock-Rausschmeißer "Famous Last Word". Und das dann auch nur im übertragenen Sinne: Für jemanden, der für seinen Bereich den Punk mit losgetreten hatte, spielte Harvey betont sanftmütig auf. Die auf der Scheibe recht dominanten Orgel-Sounds emulierte er beim Live-Auftritt mit einer Art Hamonizer-Effekt, der seinem Gitarrenspiel unterlegt war und gelegentlich rief er noch ein paar Samples von seinem Effekt-Pod ab - das war es dann aber auch schon in arrangementstechnischer Hinsicht. Was blieb, waren die großartigen Songs, die durchaus universell zum Nachdenken anregenden Texte und natürlich Mick Harveys angenehm warmherziges Timbre, das in gewissen Tonlagen dem von Jackie Leven nicht unähnlich ist. Harvey blieb seinem Songbook treu und spielte die wesentlichen Tracks des Albums ("October Boy", "Frankie T." oder "That's All Paul"), die er nur gelegentlich mit älteren Songs (etwa "Slow Motion Movie Star" aus seinem Solo-Oeuvre) anreicherte. Will sagen: Wer etwa eine Bad Seeds Light-Variante erwartet hätte, der wurde hier (auf vielleicht angenehme Weise) enttäuscht, denn das war dann doch ein klassischer, stimmungsvoller - aber eben nicht depressiver - Songwriter-Abend.

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Surfempfehlung:
www.mickharvey.com
en.wikipedia.org/wiki/Mick_Harvey
www.myspace.com/gemmaraymusic
www.facebook.com/gemmaraymusic
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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