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Der Stand der Dinge

Eels

Hamburg, Grünspan/ Köln, Prime Club
14.09.2001/ 15.09.2001
Eels
"Glad to see all you beautiful freaks!" Als Mark Everett nach einer Stunde das Publikum grüßt, hat er schon viele andere Freaks beschworen, denen man das Attribut "schön" beim besten Willen nicht mehr zuschreiben mag: Das inzestuöse Geschwisterpaar Sally und Johnny, der Junge mit dem Hundegesicht, die "Teenage Witch", das ganze Gruselkabinett eben, das die Szenerien des kommenden Albums "Souljacker" bevölkert.
Eels
Everett selbst sieht aus wie einer von ihnen, vollbärtig und eingehüllt in ein Kapuzen-Sweatshirt, die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Dagegen erscheint selbst der Unabomber knuddelig. Konzentriert führt er das sichtlich verblüffte Publikum durch seine "World of shit". Everett hatte schon immer eine Schwäche für die, die neben der Spur liegen, doch diese Steigerung ins Extrem hatte wohl kaum einer erwartet. "22 miles of hard road, 33 years of tough luck, 44 skulls buried in the ground, crawling down through the muck" zählt Everett an, und läßt einen massiven Orkan aus Lärm losbrechen. Immer wieder erzählt er Geschichten von Leuten, die die Schwelle zum Wahnsinn überschritten haben, die vom symphatisch-angeschrullten "beautiful freak" zum Killer geworden sind. Mal kommen diese Porträts als liebevolle, aber umso bedrohlichere Ballade, zumeist jedoch als saftiger, psychotisch treibender Rock. Selbst das ältere "I Like Birds" avanciert von einer drolligen Popnummer zum veritablen Kracher. Und als der Spuk nach gerade 90 Minuten vorbei ist, glaubt man, von einem fantastischen Trip durch die Hölle zurück und gerade noch einmal mit dem Leben davon gekommen zu sein.

...am nächsten Tag in Köln...

Schön, daß sich diese Preview-Konzerte jetzt langsam einbürgern. Nach Heather Nova gingen jetzt auch die Eels auf eine Kurz-Tour VOR der Veröffentlichung des neuen Albums "Souljacker". Eels-Konzerte sind schon alleine deshalb unbedingtes "Muß", um herauszufinden, was sich E. und Butch denn dieses Mal wieder ausgedacht haben mögen, um denjenigen, die immer skandieren "es ist doch alles schon dagewesen", eine Nase zu drehen. Zur letzten CD überraschten uns die Eels mit dem Eels-Orchestra 2000 - einer mit Bläsern und Lisa Germano verstärkten Band-Variante und dieses Mal mit einer Vorband, die keine war. Stattdessen betrat ein schmächtiger Mensch die Bühne und meinte, da er ja keine Band sei und auch keine Musik machen könne, wolle er stattdessen Pantomime vorführen. Das muß man sich mal reintun: Was kann vom Rock'n'Roll weiter entfernt sein, als Pantomime? Aber so sind sie nun mal, die Eels.

Nach einer kurzen "Umbaupause", in der originärer Blues, schräge Jodel-Songs und Werbemusik-Trailer vom Band liefen, betrat dann der neue Bassist (Bassisten sind austauschbar) die Bühne, fummelte an seinem analogen Synthesizer herum und kündigte mittels Vocoder die eigentlichen Heroen des Abends an. Ein Großteil des Witzes der Eels basiert darauf, daß sie sich den Mechanismen des Musikbusiness verschließen, ohne auf dessen Möglichkeiten zu verzichten (Was u.a. an E.'s Laufbahn als frustierter Musikfan liegt). So enthalten die Eels-Sets denn auch immer ein hohes Maß an musikpädagogischem Sendungsbewußtsein: "Give the people what they want, but let's do it our way." So begann der Abend denn mit dem schrägen und nicht eben pflegeleichten "Dog Faced Boy". Ein Track vom neuen Album, der sich wieder mal mit den sympathischen Außenseitern beschäftigt, die E. so am Herzen liegen. Die Show steigerte sich dann - pädagogisch wertvoll - über total umgearbeitete Versionen der Hits von "Beautiful Freak" - die nach wie vor das Rückgrat eines jeden Konzertes darstellen - bis hin zu den Hits von "Souljacker", das auch vollständig präsentiert wurde. Die prägnanten Orchester-Arrangements des Albums versuchte man übrigens glücklicherweise nicht mit Synthesizern zu emulieren, sondern ließ sie komplett weg. Dadurch war der Sound zwar rauh, aber herzlich. E. - mit Vollbart, Sonnenbrille und Kapuze (sooo kommt der momentan nicht ohne weiteres durch die Einreisekontrolle in den USA) - grummelte die Stücke scheinbar mißmutig, aber bei näherem Hinsehen mit diebischer Freude ins Mikro, während er zwischen Gitarre und antikem E-Piano wechselte. Mit dabei war John Parrish, der auch auf dem neuen Album mitwerkelt und einen tierischen Spaß hatte. Besonders breit war sein Grinsen, wenn Tracks wie "My Beloved Monster" als Punk-Version herausgedroschen wurden oder "Not Ready Yet" wieder mal zum Kernstück der Show mutierte und E und John sich hierbei minutenlange Feedbacksoli-Duelle lieferten. Dabei paßt John's spröder, metallischer Stil eigentlich gar nicht so gut zum eher organischen Sound der Eels - das wurde jedoch durch den Fun-Factor wieder wettgemacht. Die neuen Stücke wurden behutsam in's Geschehen eingebettet, fanden jedoch ebenso Zuspruch wie etwa "Beautiful Day" vom letzen Album. Besonders bei den Balladen wie "Woman Driving, Man Sleeping", "Souljacker Pt. II" oder "World Of Shit" - während der Zugaben als beinahe A-Capella intoniert - herrschte andächtige Stille. Einen der besten Tracks des Albums, das (im Gegensatz zur popigen Album-Variante) in dieser Version majestätisch und mit dem Selbstverständnis des zeitlosen Live-Klassikers rockende "Friendly Ghost" dürften diejenige, die Eels Konzerte immer noch nach der zweiten Zugabe verlassen, nicht mitbekommen haben - es wurde (wie üblich) ca. 1/2 Stunde nach dem eigentlichen Konzertende als Surprise-Encore dargeboten.

Eels & Wim Wenders
Ein weiteres Gimmick des Abends betraf Butch - der sich u.a. wieder einmal als einer der versiertesten und einfallsreichsten Pop-Drummer der Gegenwart profilierte: Er sang das sentimental-blödsinnige Kinderlied vom traurigen Clown. Da mußte sogar E. schmunzeln. Das tat auch Wolfgang Niedecken von BAP, der im Publikum verweilte, als E. zu "Beautiful Freak" (als Instrumental dargeboten), den "Conga-Man" zur Unterstützung auf die Bühne bat. Denn das war niemand anderes als Wim Wenders. Daß Wenders einen guten Geschmack bezüglich Musik hat, ist ja bekannt. Wer auch noch das Interview zum letzten Wenders Film "Million Dollar Hotel" gesehen hat, in dem er erklärte, daß er jetzt, im Alter, das Bedürfnis habe, seine komischen Seiten zu entdecken, dem wurde in diesem Moment einiges klar. Jedenfalls machte Wim - im Trenchcoat - den gespielten Witz mit großem Enthusiasmus mit (Allerdings dürften jetzt die Gerüchte über einen BAP-Film unter der Regie von Wenders in eine bedrohlich konkrete Phase geraten sein). Egal: Auch wenn man von den Jungs schon musikalisch bessere Konzerte gesehen hat (der Gitarrenroadie war z.B. total überfordert und sorgte für manchen Fauxpas): Die Eels bewiesen einmal mehr, daß man mit Einfallsreichtum und einem gesunden Mutterwitz so manche festgefahrene Meinung und verkrustete Struktur in der Rock-Szene aufbrechen kann - und trotzdem Erfolg haben und UND machen kann was man will. Auch schön übrigens, daß so viele junge Leute anwesend waren. Rock'n'Roll ist also NICHT tot.
Text: -Christian Zeiser (HH) / Ullrich Maurer (K)-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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