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Der Technokratenprinz

Bright Eyes
Nik Freitas

Köln, E-Werk
21.06.2011

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Bright Eyes
Conor Oberst gab sich die Ehre und beehrte die Domstadt auch wieder im Rahmen der aktuellen - und gerüchteweise vielleicht letzten - Bright Eyes-Tour zum aktuellen Album "The People's Key". Der Grund für diesen Besuch dürfte den überwiegend weiblichen Fans freilich egal gewesen sein - ebenso wie auch die dargebotene Musik -, denn diese waren einzig und alleine des Meisters wegen angereist. Zum Beweis dieser Behauptung mag etwa die Tatsache herhalten, dass das Publikum die musikalische Darbietung zwar aufmerksam verfolgte - sich aber in keinerlei Weise daran beteiligte (durch Mitsingen, Klatschen oder Bewegungen irgendwelcher Art etwa), während indes jede Geste Conors, jede Ansage und jede Pause zwischen den Songs frenetisch gefeiert wurde.
Aber der Reihe nach: Die Show eröffnete Nik Freitas, ein weiterer Kumpel Conors aus der Saddle Creek-Familie, selbst gefeierter Songwriter in eigenem Namen, der mit der soeben erschienenen, brillanten neuen CD "Saturday Night Unter The Sea" im Gepäck anreiste, um seine Songs solo (und gegen Ende - ungeprobt - mit einigen Bright Eyes-Mitgliedern als Backing Band) darzubieten. Die Tatsache, dass Freitas auf ebendieser CD die Elektronik als Mittel der Wahl für sich entdeckte, schlug sich - zum Glück - nur bei einigen Songs ebendieses Albums nieder (etwa dem Titeltrack oder Freitas Lieblings-Nummer "Lights"), denn ein Mann am Keyboard kann nun mal eben keinen Rock'n'Roll machen. Auch nicht als Songwriter. Also war es als Pluspunkt zu werten, dass er einige ältere Songs zunächst solo akustisch vortrug - etwa das begeistert beklatschte "Big Bad Nothing". Freitas besitzt dabei eine hohe, gleichwohl kräftige Gesangsstimme, die sich anhört, als habe er einen Kompressor verschluckt und es ihm mühelos ermöglichte, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erheischen. Was aber auch ihm nicht möglich war, gegen den immensen Plapperfaktor anzukämpfen. Der Sound war an diesem Abend ziemlich laut - auch bei Freitas Auftritt - und dies kompensierte ein Großteil der Fans in der ausverkauften Halle mit entsprechend lauten Unterhaltungen. Leute: Das kostet doch Geld! Warum macht ihr das?
Im Folgenden dann gegen die brutale Soundwand anzuplappern, die Conor und seine Mannschaft errichtete, war dann zum Glück technisch nicht mehr möglich. Es waren im Vorfeld Warntafeln bezüglich der Lautstärke aufgehängt worden, die empfahlen, sich Ohrstöpsel einzustecken. Das war kein leeres Gerede, denn der hier gebotene Soundmix ging zuweilen schon an die Schmerzgrenze. Das wäre insofern kein Problem gewesen, wenn das Ganze gut geklungen hätte - was es aber eben nicht tat. Die beiden Drumkits waren im Sinne einer Heavy Metal-Band abgemischt, der ganze Bassbereich versumpfte in Klangwatte und schrille Spitzen von E-Gitarren und dem viel zu reichlich eingesetzten Zwitscher-Synthesizer verursachten schmerzhafte Spitzen. Hinzu kam noch, dass auf Conors Stimme zuweilen mehr Effekte lagen als auf dem Pedal eines durchschnittlichen Lead-Gitarristen zu finden sind. Im Prinzip wünschenswerte Akzente durch Nate Walcotts Trompete und Mike Mogis Steel-Gitarre durchstachen da quasi die Schallmauer auf unangenehme Art und Weise. Und die emotionalen Ausbrüche, die sich Oberst zuweilen leistete, indem er seine Texte regelrecht schrie, trugen auch nicht zur Einvernehmlichkeit bei.

Was war eigentlich passiert? Immerhin zeigte sich Oberst etwa bei der "Cassadaga"-Tour und dann mit Monsters Of Folk auf einem ganz anderen Weg. Nun, die aktuelle Bright Eyes-Scheibe ist eher eine Fingerübung in Sachen Prog-Rock mit ziemlich hohem Elektronik-Anteil geworden. Sicher: Oberst kann immer noch vertrackte Folkpop-Stücke schreiben und sogar zuweilen mit dem Pop flirten - was mit dem aktuellen Konzept (was dann live entsprechend ALLEN Nummern (auch den älteren) übergestülpt wurde) quasi ins Gegenteil verkehrt wurde. Während die ersten Songs - wie etwa "Firewall" oder "Jejune Stars" eben vom neuen Werk - mit Conor an der E-Gitarre so noch ganz gut funktionierten, waren die älteren Tracks, zu denen er mit "Four Winds" zur akustischen Gitarre wechselte (was dem Klangbild durchaus zuträglich war), fast nicht mehr zu erkennen. Das war - abgesehen von den üblichen, aber charakteristischen Manierismen, wie der brüchigen Stimme und dem gepressten Gesang - eben ein ganz anderer Conor Oberst, der da herumturnte (was er übrigens ausgiebig tat). Das Ganze jetzt wegen dieser Umstände als "schlecht" bewerten zu wollen, wäre freilich ungerecht, denn diese Mixtur hatte ja durchaus ihren Reiz - was übrigens durch den unterhaltsamen Bühnenaufbau mit zwei Halbmuscheln und einer LED-Fläche, auf der verfremdete Live-Streams der Musikanten zu sehen waren, unterstützt wurde. Wer allerdings den alten Conor Oberst suchte, der fand ihn bestenfalls in den wenigen zurückhaltenden oder Solo-Momenten - naturgemäß während der balladesken Momente ("Ladder Song"). Noch etwas zu Conors Mitstreitern: Mike Mogis fiel dadurch auf, dass er seine Gitarrensoli bewusst gegen den Strich bügelte und zum Teil nickelig neben der Melodie mäanderte - wobei nicht klar wurde, warum - und Nate Walcotts Keyboards gingen ziemlich im Soundmumpf unter, während seine gelegentliche Trompete viel zu laut eingestielt wurde. Dafür war mit Sicherheit der Soundmensch verantwortlich, der hier für tüchtige Abzüge in der B-Note sorgte. Übrigens klang das Ganze im Wesentlichen weder vorne noch hinten besser. Insgesamt war dies also eine Bright Eyes-Show, die zumindest kontrovers diskutiert werden durfte. Nicht, dass das der Verehrung des Songwriter-Prinzen an Intensität nahm - diejenigen, die aber tatsächlich eher der Musik wegen gekommen waren, dürften jedenfalls nicht vollständig beglückt das Konzert hinter sich gelassen haben; einfach auch, weil es hier zuviel Konzept und Technokratie gab. Als Künstler freilich, zeigte Conor Oberst auch mit dieser Entwicklung wieder Wagemut, Größe und Chuzpe - was dann wieder für ihn spricht.

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Surfempfehlung:
www.conoroberst.com
www.myspace.com/brighteyes
www.saddle-creek.com/bands/brighteyes/
www.nikfreitas.com
www.myspace.com/nikfreitas
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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