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Haldern Pop Festival 2011 - 1. Teil

Rees-Haldern, Alter Reitplatz Schweckhorst
11.08.2011

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Anna Calvi
Nicht nur der Börsenkurs fuhr am ersten Tag des diesjährigen Haldern Festivals Achterbahn, sondern auch die Wetterlage. Nachdem eigentlich Dauerregen prophezeit worden war, sorgte eine energische Wind-Politik dafür, dass diejenigen, die in das Spiegelzelt gelangen konnten, dies auch trockenen Fußes schafften. Längst schon ist der Festival-Donnerstag von einer Verlegenheitslösung zu einem konkreten Bestandteil des Festivals geworden - in diesem Jahr boten sich mit zwei weiteren Spielstätten (der Haldern Pop Bar und der gegenüber gelegenen Kirche von Haldern) sogar noch Alternativen für die Fans, die etwa erkannt hatten, dass das Spiegelzelt in etwa zehn Minuten nach dem Einlass restlos gefüllt sein würde.
Spielten zu Beginn im Spiegelzelt eigentlich nur solche Acts, die es aus diesen und jenen Gründen nicht auf die Hauptbühne geschafft hatten, so bietet ersteres mittlerweile ein solides eigenen Standbein des Festivals, das zuweilen sogar das attraktivere Programm bietet. Nicht wenige der Acts, die im Halderner Spiegelzelt spielen, werden kurz darauf zu internationalen Größen oder - was fast noch spannender ist - sind es bereits (wie am Donnerstag Anna Calvi) und können hier vermutlich letztmalig in intimeren Rahmen und auf Augenhöhe erlebt werden. Außerdem - und das sollte auch mal lobend deutlich gemacht werden - überboten sich die Festivalmacher von der Raum 3 Genossenschaft dieses Mal sogar darin, ein Programm auf die Beine zu stellen, was in Bezug auf die gebotenen stilistische Bandbreite als regelrecht beispielhaft für ein Festival-Line-Up gelten dürfte und das somit en passant tatsächlich für fast jeden Geschmack etwas zu bieten hatte.

Den Anfang machten Retro Stefson aus Island. Die jugendlich ungestüme Band gehört zur neuen Generation isländischer Acts, denen die Schnarchnasigkeit der etablierten Acts langsam auf den Keks geht und die stattdessen lieber Party machen. In dem Fall mit Hilfe von gutgelaunter Disko-Mucke, in die sie allerlei Zutaten verweben - zuweilen auch befremdliche, wie z.B. 80s-Big-Hair-Momente oder Kinderlieder mit Disney-kompatiblen Lala-Nonsense-Lyrics. Mit beängstigender Leichtigkeit gelang es dabei Unnstein Manuel und seinen Musikern, das Publikum zu manipulieren und nach ihren Regeln zu Aerobic-Übungen zu animieren, die im wahrsten Sinne zu Massenbewegungen wurden - erst recht als Vortänzer Haraldur Ari sich als Animateur ins Publikum wagte und die Menge von dort aus dirigierte. Besser gelaunt hatte kaum je ein Festival begonnen.

Der Engländer Ben Howard gilt als neuester Geheimtipp am Next-Big-Songwriter-Himmel. Noch ohne Longplayer, aber bereits einer soliden, über das Web gewonnenen (und wie sich an diesem Tag herausstellte halbverrückten) Fangemeinschaft im Rücken nutzte Howard das Festival, um seine eher melancholischen Songs im Trio-Format darzubieten. Howard ist durch seine unübliche Gitarrenspielweise, bei der er sein Instrument teilweise als Lapsteel-Ersatz missbraucht und durch ständiges Umgreifen der rechten Hand erstaunliche rhythmische Aspekte herauskitzelt, bekannt geworden. Weil das sein Kollege John Butler auch ganz ähnlich macht, lag der Vergleich eigentlich auf der Hand. Allerdings zählte das hier nicht: Die besagten Fans (denen Butler wohl ziemlich schnuppe sein dürfte) kreischten sich in eine Hysterie herein, die man seit den Beatles so nicht mehr erlebt hatte und erzwangen so eine Zugabe. Anekdote am Rande: Bei einem von Bens melancholischen "Novembersongs" begann es zu regnen - wofür sich der Mann aus Devon als ordentlicher Engländer sogleich entschuldigte.

Das Quartett Yuck aus London sorgte mit ihrem geradlinigen, kompromisslosen Indie-Rock dafür, dass die Gehörgänge für die nachfolgenden Acts gründlich gereinigt wurden. Während die Musik eher berechenbar den üblichen Leitlinien solcher Bands folgte - mit grungemäßigen Gitarrenriffs, einer unerbittlichen Rhythmusgruppe, bestenfalls adäquatem Gesang, gleichförmigen Songs mit je einer Ballade und einem Endlos-Drone als positiver und negativer Ausnahme -, bestach die Band durch einige Besonderheiten. Frontmann David Blumberg gab sich stilistisch als jugendlicher (Jakob) Dylan Clone. In der Afro-Frisur von Drummer Jonny Rogoff fand (theoretisch) sich Platz für eine ganze Drogenplantage und Bassistin Ilana Blumberg hatte - dank eines bis zur Nase reichenden Ponys - auf der Bühne nur ein halbes Gesicht.

Als neuestes Signing des Haldern Pop Labels durfte man auf Julia Marcell aus Polen natürlich besonders gespannt sein. Die zierliche Künstlerin veröffentlicht demnächst auf dem hauseigenen Label ihre zweite CD, auf der sie ihren Shtick mit Streichern, Vocals, Elektronica und ein wenig Tribal-Drumming verfeinert und ausbaut. Das konnte man auch bei diesem Konzert nachvollziehen. Die Dame, die musikalisch ein wenig an Lykke Li (auch eine Haldern Entdeckung) ähnelt, aber mit mehr Melodie und stilistischen Anleihen bei der Klassik und dem Madrigal zu Werke geht trat mir einer fünfköpfigen Band auf, die neben einer Geigerin auch zwei Drummer enthielt, von denen einer für die Elektronika zuständig war. Julia mag die große Geste, weiß sich zu bewegen, ist einfach anzuschauen und machte sich die Mühe, ein Kostüm aus einer Polyacryl-Gardine anzulegen. Aber: Sie interessierte sich nicht so recht für ihr Publikum, performte öfter mit dem Rücken zu selben und tendierte insofern eher zum Autistischen. Obwohl das zum Schluss des Konzertes besser wurde, gibt es hierfür Abzüge in der B-Note - obwohl die Show rein musikalisch durchaus den ersten Höhepunkt des Festivals darstellte und auf jeden Fall neugierig auf besagte CD machte.

Der folgende Act hätte stilistisch nicht krasser platziert werden können. Die drei Avett Brothers aus North Carolina und ihre beiden Musikanten haben sich dem gutgelaunten, ja sendungsbewussten Hillibilly-Hoedown verschrieben. Auch diese Band schaffte es, das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinzureißen - einfach indem sie ihre Mucke enorm energisch, hektisch und laut vortrugen - mit einer guten Portion Bible-Belt-Inbrunst und geradezu so, als wollten sie jeden Zuhörer persönlich vor der Verdammnis retten. Was nicht notwendig war, denn die Fans waren von vorneherein bekehrt. Auch wenn die Band dereinst von Kult-Produzent Rick Rubin daselbst handverlesen wurde, bieten die Herren musikalisch keinerlei Ego, sondern bleiben ganz dem gegebenen Country-Bluegrass-Folk-Metier verhaftet, was sich in doch ziemlich klischeebehafteten Songs niederschlägt. Solche Acts findet man in den USA (zugegebenermaßen weniger heftig und laut) Samstagabends in jeder Südstaaten-Kneipe zwischen San Antonio und Talahassee. Hierzulande sind die Avett Brothers jedoch etwas besonderes, was man am Zuspruch leicht ablesen konnte.

Die Engländerin Anna Calvi kann sich inzwischen aussuchen, wo sie auftritt - ausverkauft ist das allenthalben (soeben absolvierte Anna eine entsprechend erfolgreiche US-Tour). Nach einer Armverletzung wieder vollständig genesen, präsentierte sich die angesagte Indie-Ikone prinzipiell in Bestform. Streng, kontrolliert, aber auch mit beeindruckend intensiver Energie präsentierte Anna und ihre ungewöhnlich aufgestellte Band (es gibt keinen Hauptamtlichen Bassisten - diese Arbeit wird von der Percussionistin und Harmoinium-Spielerin Mally Harpez per Pedal erledigt) das bislang angehäufte Material, zu denen neben den Songs ihres Debüt-Albums auch immer wieder wunderliche Cover-Versionen, wie hier etwa die Elvis-Nummer "Surrender" einfließen. Zum Glück hat Anna zwischenzeitlich auch ihre Angewohnheit, nahezu alle Songs mit geschlossenen Augen zu singen, deutlich eingeschränkt. Das ist ganz gut so, denn da sie sich aufgrund ihrer 15 cm hohen Absätze nur mit Hilfsunterstützung bewegen kann und sich aufgrund der konzentrierten Gitarrenarbeit auch ansonsten ihrerseits nicht viel auf der Bühne tut, bietet sich auf diese Weise (also mit geöffneten Augen) dann doch wenigstens die potentielle Möglichkeit, einen Kontakt zum Publikum herzustellen. Insgesamt war dies ein starkes Konzert, das - wie erwähnt - die Möglichkeit bot, einem angesagten Superstar noch mal auf Augenhöhe gegenüberzustehen (trotz der hohen Absätze übrigens, denn Anna Calvi ist doch ziemlich klein).


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Surfempfehlung:
www.haldern-pop.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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