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Grüße an die Oma

Roepaen Festival

Ottersum, Cultureel Podium Roepaen
16.10.2011

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Christian Kjellvander
Das diesjährige Roepaen Festival stand ganz im Zeichen der Songwriter-Gilde (genauer gesagt: Der Songwriterinnen-Gilde). Außer den Epsteins bemühte keiner der immerhin neun Acts elektrische Gitarren in nennenswerter Lautstärke. Irgendwie war das der eh schon entspannten Gemengelage dieser Veranstaltungsreihe mindestens so zuträglich wie das entzerrte Programm, das es wirklich jedem Festivalbesucher ermöglichte, alle Acts anzuschauen (einige davon sogar mehrmals).
Den Anfang machte bereits um 13:30 Uhr Anna Coogan im Nightclub. Die gelernte Marinebiologin aus Massachusetts ist das, was man eine klassische Folksängerin nennen darf: Zusammen mit ihrem einfühlsamen Gitarristen Daniel Coogan erzählt sie in ihren Songs von ihrem Leben als Musikerin. Oft, so betonte sie, gehe es in den Texten darum, "Auf Wiedersehen" zu sagen, denn das müsse man in dieser Berufssparte besonders oft tun. Dennoch kommen ihre Stücke nicht wirklich depressiv daher - was vielleicht auch an ihrer mädchenhaft gutgelaunten Gesangsstimme liegen mag und der federleichten Art, mit der sie ihre Gitarre bedient.

In der Kapelle gab es beim Auftritt der Roepaen-Veteranin Kendel Carson dann gleich einen musikalischen Mehrwert in Form ihres Hubbies, Dustin Bentall, der ja selbst ein gewiefter Songwriter von eigenen Gnaden ist. (In Deutschland ist der Mann bei Blue Rose, weswegen die wenigen Tourdates hierzulande auch unter Dustin Bentall angekündigt sind.) Wie dem auch sei: Gesanglich verschmolzen die Stimmen des Gitarristen Bentall und der Violinistin Carson nahezu zu einer Einheit - zumindest, wenn sie Songs zusammen sangen, denn jeder brachte auch die eigenen Nummern zu Gehör. Kendel Carson ist dabei gleichermaßen Songwriterin wie Interpretin, weswegen sich in dieses Set - und auch in das später stattfindende rein akustische - so einige Coverversionen einschlichen. Von Buck Owens über Gram Parsons und John Prine bis zu Death Cab For Cutie reichte da die Palette und zeigte damit auch gleich die stilistische Bandbreite auf, über die Kendel verfügt. Dustin Bentall ist dabei sehr viel konservativer und präsentiert seine Songs im klassischen Americana-Modus. Im Zusammenspiel spornten sich die bekennenden Beatles-Fans dabei zu gutgelaunten Jamsessions an und überzeugten mit einem enormen Unterhaltungswert. Zum Schluss kamen noch zwei holländische Musikanten hinzu, die - rein musikalisch - indes gar nicht wirklich gefehlt hatten, sich aber dennoch sehr schön ins Klangbild einbrachten. Beim Akustik-Set gab's dann später quasi alles, was in der Kapelle aus Zeitgründen nicht mehr untergekommen war.

Der zuletzt ins Line-Up gerutschte Chris Pureka ist ein Neuling. Das wäre auch gar nicht anders möglich, denn er sieht aus, als wäre er 12 und singt als wäre er 10. Das hat aber was! Die hohe Tenor-Stimme war zu Zeiten von Hank & Co. schließlich sozusagen Pflicht. Nicht umsonst heißt das Genre ja auch "High Lonesome". Aber nicht, dass sich Pureka mit seinen gepflegten Americana-Songs wirklich an Williams orientierte. Eher schon an seiner Oma, der er eine herzzerreißende Ballade widmete. Pureka hat dabei ein Händchen für angenehme Melodien, die er auch anrührend vorzutragen weiß. Sein Gitarrist agierte dabei so unauffällig wie ein Filmkomponist und spielte seine E-Gitarre leiser als Pureka seine akustische - ergänzte diesen als in idealer Weise in seinem Vortrag. Auch Pureka und sein Gitarrero gaben später noch ein Akustik-Konzert im dafür vorgesehenen kleinen Saal.

Anna Egge ist ebenfalls eine Roepaen-Veteranin. Sie spielte sogar beim letztjährigen Festival - damals als Gast, dieses Mal mit Band. Diese teilte sie sich mit ihrer befreundeten Kanadischen Kollegin Frazey Ford, mit der zusammen sie später noch eine Akustik-Show spielte. Anna präferiert den traditionellen Western-Song mit Storytelling-Charakter. Zunächst solo, dann mit Gitarristin Trish Klein und später mit der vollständigen Band arbeitete sich durch ein Programm, das vorwiegend die Songs ihres neuen Albums "Bad Blood" betonte, das immerhin von Steve Earle produziert wurde, der es sich nicht nehmen ließ, zusammen mit seiner Gattin Allison Moorer auch Gesangsbeiträge beizusteuern. Da Anna dazu tendiert, eher gleichförmig zu singen und ihre eigens angefertigte Gitarre eher bluesig spielt, entwickeln sich die zweifelsohne vorhandenen, angenehmen Melodien im Band-Setting deutlich besser als rein solo.

Im Nightclub spielte anschließend das britisch-amerikanische Quintett The Epstein. Gegründet wurde das Projekt von Frontmann Olly Wills aus Wyoming, der wohl auch die musikalische Grundtendenz mit verschiedenen Americana-Elementen vorgab. Allerdings bohren die Herren das Konzept durch Hinzunahme von etlichen Effektgeräten und eine eigenwillige Strukturierung ihrer Songs immer wieder auf. Dargeboten wird das ziemlich druckvoll und intensiv. Besonders Olly Wills selbst schwollen immer wieder die entsprechenden Adern inbrünstig an. Dass die Sache dabei öfter ein Mal laut wurde, liegt in der Natur der Sache begründet. Bei diesem Festival war der Auftritt von The Epstein jener, der dem, was man gemeinhin unter Rockmusik versteht, mit am nächsten kam.

Die kanadische Indie-Ikone Frazey Ford absolvierte - mit der Band, die man schon von Auftritt von Anna Egge her kannte - einen ihrer seltenen Auftritte in unseren Breitengraden. Obwohl Frazey nicht eben die emotionale Nähe des Publikums aktiv suchte, erfuhr der Zuhörer anhand ihrer Songs und die entsprechenden Ansagen dann doch einiges über das bewegte Leben der Protagonistin: Frazeys Eltern, so erzählte sie, seien als "Draft-Dodgers" in den 60ern von den USA nach Kanada geflohen, wo sie in einer Art Hippie-Kommune aufwuchs. Ihrer Großmutter habe man schließlich ihre Existenz zu verdanken, denn die hatte als Reporterin in den 30er Jahren den Herrn Großvater genötigt, in einem Flugzeug die folgenden fünf Söhne zu zeugen, die im Folgenden die Basis der Ford-Kommune bildeten. Das packte sie dann in Songs wie "After I'm Gone" (eine weitere Oma-Hommage), die das Rückgrat der Show ausmachten. Frazey hat ein interessantes Timbre in der Stimme, was sich in einem natürlichen Vibrato äußert (im Gegensatz zum kontrollierten Vibrato à la Duffy). Vielleicht ist das der Grund, warum Frazey sich zum Soul-Metier hingezogen fühlt. Jedenfalls haben ihre eigenen Songs (die sie letztes Jahr auf der Solo-Scheibe "Obadiah" veröffentlichte) immer auch einen gewissen Soul-Touch. Dazu gab es offensichtliche Referenzen - Otis Reddings "Happy Song" etwa oder Al Greens "Let's Stay Together" und mit Dylans "One More Cup Of Coffee" von "Desire" auch eine Verbeugung vor dem Altmeister des Songwriter-Genres. Insgesamt war das schon ein faszinierender Auftritt - auch wenn vielleicht jemand ihrer Kollegen mal den Mut hätte aufbringen sollen, Frazey zu sagen, dass der übergezogene Unterrock nicht eben vorteilhaft ausschaute.

Im Nightclub sorgte dann Christian Kjellvander und sein Gitarrist dafür, dass die skandinavische Americana-Fraktion nicht ganz ins Hintertreffen geriet. Mit der üblichen stoischen Gelassenheit seiner Art und ohne irgendwelche emotionalen Äußerungen bot der Mann mit Hut eigentlich nichts als seine Songs. Das reichte aber schon, denn er tat das auf eine recht coole Art. Die meisten Kjellvander-Songs kommen ja mit wenigen Bestandteilen aus und gehen normalerweise gerade deswegen ziemlich unter die Haut. Hier hatte er aber ein Effektpedal an seine akustische Gitarre angeschlossen, mit dem er zuweilen ganz schön losschrammelte. Neben dem üblichen Flüstern, dass man von dem Solo-Act Kjellvander bestens kennt, gab es dieses Mal zuweilen den berühmten Sturm in der Teetasse als Dreingabe, bevor dann Israel Nash Gripka (auch ein Roepaen-Veteran, der zuletzt mit Band die Klosterkapelle ausverkauft hatte) und die Wynntown Marshals das Festival beschlossen.

Insgesamt tat die Beschränkung auf Songwriter - mit dem besonderen Gewicht auf Damen und eine betont kanadische Note - dem Festival sehr gut - denn gerockt wird anderswo schließlich genug.

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Surfempfehlung:
www.cultureelpodium.nl
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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